• vom 27.10.2016, 12:41 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 27.10.2016, 13:31 Uhr

Konzertkritik

Das Leben so: einmal depri, einmal froh




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Von Andreas Rauschal

  • Robert Smith und seine Düstermänner von The Cure gastierten erstmals seit acht Jahren in Wien.

"It can never be the same" – doch, kann es! The Cure um Robert Smith live in Wien St. Marx. - © MATTHIAS HOMBAUER

"It can never be the same" – doch, kann es! The Cure um Robert Smith live in Wien St. Marx. © MATTHIAS HOMBAUER

Draußen in der ewig langen Warteschlange oder drinnen vorbei am Eingangsschlauch und an den zu wenigen Getränkeständen mit dem zu teuren Bier für die zu vielen Leuten fällt einem hinten im Juchhe an einem der zahlreichen sichtverstellten Plätze recht schnell wieder ein, dass die Marx Halle in Wien ein verdammt deprimierender Ort sein kann. Allerdings trifft sich das heute zumindest insofern gut, als mit Robert Smith und seinen Begleitern von The Cure eine Band auf der Bühne steht, die einige der schwärzesten, hoffnungslosesten, depressivsten und deprimierendsten oder einfach nur zum Heulen schönsten Stücke Popmusik aller Zeiten geschaffen hat. Wie heißt es doch so übrigens absolut ernst gemeint im diesmal leider nicht gegebenen "One Hundred Years" vom künstlerischen Höhe- und in Sachen Zuversicht wiederum absoluten Tiefpunkt der Band namens "Pornography" aus dem Jahre Schnee von 1982? "It doesn’t matter if we all die."

Wonnige Pein

Ihren angesichts des zu erwartenden Marathons – letztlich werden es diesmal aber eh "nur" 31 Songs in zwei Stunden und 40 Minuten sein – relativ späten Dienstantritt beginnt die Band um 21.10 Uhr mit dem programmatisch kathedralischen "Plainsong" vergleichsweise aber nur in nicht ganz so gut drauf. Robert Smith mit seiner nach wie vor herrlich schneidenden, hübsch leidenden und scheinbar überhaupt nicht gealterten Stimme: "I think itʼs dark and it looks like rain, you said. And the wind is blowing like itʼs the end of the world."

Selbstverständlich trägt der Mann mit der heute noch eine Spur trauriger als zuletzt aussehenden Vogelnestfrisur, für dessen bevorzugt auf Leichenschminke und verwischten Lippenstift setzendes Erscheinungsbild sich schon seit jeher Gruselclown-Witze anbieten würden, wäre er als eine Art weiterer Fürst der Finsternis nicht die Gotthoheit, als die wir ihn verehren, die Arbeitskleidungsfarbe von Johnny Cash oder Gevatter Tod bei einem Spaziergang mit der Sense. Neben dem mittlerweile zur Musik passend friedhofsblonden Gitarristen Reeves Gabrels, der sich einst bei Tin Machine oder auch in dessen Soloschaffen für David Bowie verdingte, kommt ein bisschen Farbe nur mit Simon Gallup ins Spiel. Der Sidekick hat eine Jeanshose an, auf die in der in Sachen Dresscode unerbittlichen Gruftiszene zehn Jahre Kerker (bei guter Führung!) stehen, und umklammert einen Bass in der Farbe der Sonne, des Lichts! Weil das nun die auch angereisten Lack-, Leder- und Nieten-Goths in St. Marx zu Staub zu machen droht: Schnell, schnell, einmal Gegengift plus Kontrastmittel extra! "Yesterday, I got so old / I felt like I could die / Yesterday, I got so old / It made me want to cry." Wohliges Dunkel, wunschloses Unglück, wonnige Pein – endlich wieder traurig sein!

Gruseln im Wald

Allerdings erinnert mit dem dazugehörigen "In Between Days" nicht der erste und letzte Song des Abends daran, dass The Cure bald auch anders konnten. Das Leben und wir alle so: Einmal depri, einmal froh. Auch aufgrund der in Sachen Düsternis einzementierten Erwartungshaltung von außen galt es für die Band ja bekanntlich, sich einerseits dem Tageslicht auszusetzen und andererseits mehr Pop zuzulassen. Auch auf der aktuellen Tour, die weniger auf eine fixe Setlist als vielmehr auf einen Pool von um die sechzig Songs zur Auswahl vertraut, hört man deshalb nicht nur pflichtschuldig gegebene Hits wie "Just Like Heaven", "Pictures Of You" und den "Lovesong", Robert Smiths ewigen Liebesbeweis für seine Frau, neben vergleichsweisen Raritäten wie dem hübsch polternden "Burn" vom "The Crow"-Soundtrack.

Man hört neben flächig-monumentalen, von den Interaktionen Smiths und Gallups zu verschleppten Drums und dunklen Keyboardstreichern als Zierrat lebenden Monolithen wie eben dem "Plainsong" auch jede Menge knackigen Dreiminutenpop und bekommt Treibstoff für melancholische Tänze. Immerhin geht es mit dem Synthie-Pop von "The Walk" bald auf den Dancefloor, während The Cure mit dem stoischen "Prayers For Rain" durch Dystopia schreiten und zusätzlich mit dem live maschinelleren "Disintegration" gegen Ende des Hauptteils für schaurig-schöne Freudenmomente abseits der fahrplanmäßigen Höhepunkte sorgen. Diese heißen im mit 14 Songs gewohnt großzügigen Zugabenteil "Lullaby" oder "A Forest" und führen in Horrornähe gruselig durch das Kinderzimmer oder zur Blair Witch in den dunklen, dunklen Wald.

Nur mit dem einzigen neuen Song widersprechen sich The Cure selbst: "It Can Never Be The Same" – doch, kann es! Die Band klingt hier zwar so zwingend wie bereits lange vor ihrem bisher letzten Album "4:13 Dream" von 2008 nicht mehr, dafür aber auch einigermaßen nach Selbstplagiat, ehe das Erwartbare losbricht und The Cure einen möglichen großen Abend von den Umständen erschwert solide bis im Ö3-Block mit "Friday I’m In Love", "Boys Don’t Cry", "Close To Me" und "Why Can’t I Be You?" im Autopilot nach Hause bringen. Draußen war dann bereits Geisterstunde, zum Glück aber kein Gruselclown in Sicht. "I think itʼs dark and it looks like rain, you said."





Schlagwörter

Konzertkritik, The Cure

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-27 12:42:29
Letzte Änderung am 2016-10-27 13:31:26




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