• vom 01.12.2016, 17:16 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 03.12.2016, 11:43 Uhr

King Crimson

Der König mit der groben Klinge




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Von Christoph Irrgeher

  • Die Progrock-Legende King Crimson beehrte das Wiener Museumsquartier - mit starken Momenten gegen Ende der Audienz.

Stille Ikone mit Lärmgitarre: Robert Fripp.

Stille Ikone mit Lärmgitarre: Robert Fripp.© Lacroix/WireImage Stille Ikone mit Lärmgitarre: Robert Fripp.© Lacroix/WireImage

Wer den Sexfilm "Emmanuelle" nicht nur mit den Augen verfolgt hat, dem ist es vielleicht aufgefallen: Immer, wenn Sylvia Kristel erotisch zugange war, begann ein Groove im 5/4-Takt zu schwingen - anfangs schwül-hypnotisch, durch Rückungen dann immer mehr auf einen, nun ja, Höhepunkt zudrängend. Ein Thema von Prägnanz und Qualität. Die Filmmusik, so liest man, stammt von Pierre Bachelet.

Stimmt aber nicht ganz. Den besagten GV-Groove hat er nämlich abgekupfert. Und nicht von irgendwem. Es ist eine Pointe der Geschichte, dass "Emmanuelle", dieser erzkommerzielle Softsexhit aus dem Jahr 1974, ausgerechnet Musik eines Mannes benützte, der an der E-Gitarre garstig-gefinkelte Musik ausheckte: der Brite Robert Fripp, ein Vertreter des damals aktuellen Progressive Rock.

Information

Konzert
King Crimson
Museumsquartier, Halle E+G

In einem Genre, das vor allem nach einer Ausweitung künstlerischer Mittel strebte, bildete Fripps Härte auch die Signatur seiner Band. Gewiss: Genesis komponierten fantasievoller (unter Sänger Peter Gabriel), Yes arrangierten fragiler. Die Urwucht (und Unwuchten) King Crimsons aber, gespeist von der Metal-Gitarre ihres Chefs und den psychedelischen bis jazzigen Soli einer ständig wechselnden Besetzung, war eine Benchmark und sollte in dem Meisteralbum "Red" (1974) gipfeln. Ein Werk, das fast zum Schlussstrich geworden wäre: Fripp stellte den Band-Betrieb danach ein, weil ihn die zunehmende Aufgeblasenheit des Stadionrock nervte (oder weil er laut anderen Quellen eine Gottesvision zu verdauen hatte). In den 80ern kehrten King Crimson dann zwar mit Minimal Music zurück. Der alte Glanz aber war verloren. Und einen Quereinstieg ins Kommerzfach, wie Phil Collins mit Genesis, suchte Fripp nicht. So blieb der Fall Emmanuelle (abgegolten übrigens durch einen Vergleich) sein größter Erfolg mit Breitenwirkung, bevor der Progrock unterging.

Das soll nicht heißen, dass King Crimson heute kein Gefolge mehr hätte. Ein Staat ist damit nicht zu machen, wohl aber manche Halle zu füllen, wie derzeit auf Europa-Tour und diese Woche in Wien. King Crimson sind anders, das wissen die reifen Fans ohnehin; den anderen machten das anfangs düstere Blechdissonanzen klar, die vor Konzertbeginn durch die Halle im Museumsquartier geisterten, sowie die zigmal durchgesagte Bitte Fripps, nur ja, ja keine Fotos zu schießen während der Live-Musik.

Lohn für Königstreue

Diese wird am Mittwoch dann ohne ein Wort von der Bühne gegeben. Fripp, auch "Mr. Spock of Rock" genannt, traktiert die Gitarre diskret in einem Winkel. An der Rampe hat er drei Drummer postiert (so das Ohr nicht trügt, bedient einer davon auch das Sphären-Keyboard Mellotron): Sie holterdipoltern schnurstracks zurück in die 70er. Rasch tauchen da die "Pictures Of A City" auf, Bluesrock mit virtuosen Einsprengseln. Jakko Jakszyk orgelt sich dafür die Kehle wund, als wolle er in Personalunion seine Vorgänger Greg Lake und John Wetton ersetzen. Doch er klingt rau, und leider nicht nur er: Das ganze Septett betreibt Nachlassverwaltung der groben Klinge. Lautstärke, Verzerrung: alles da. Gehaltvolle Solos aber und spontane Interaktion wollen sich nicht einstellen. So gerät "Easy Money" im Mittelteil zum dürftigen Abklatsch von Pink Floyds "Great Gig In The Sky", und der Song "Red" überhaupt zum Tummelplatz breitbeiniger Plumpheit, von Saxofonist Mel Collins süßlich (!) garniert.

Andererseits: Eine Wiederkehr King Crimsons in alter Exzellenz - es war ohnehin unwahrscheinlich. Und mit der soliden Umsetzung von "Sailor’s Tale" oder "Larks’ Tongues In Aspic, Part Two" entstehen in drei Stunden zumindest Wohlfühloasen. Zuletzt sogar noch unerwartet fürstlicher Lohn für die Königstreue: Mit "Starless" und "21st Century Schizoid Man" setzt es zwei Zugnummern auf stellarem Energieniveau. Fotografieren durfte man dann übrigens auch noch.





Schlagwörter

King Crimson, Konzertkritik

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-01 17:20:10
Letzte nderung am 2016-12-03 11:43:19




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