• vom 13.12.2016, 16:03 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 13.12.2016, 16:10 Uhr

Folkmusik

Gedächtnis mit Zupfgitarre




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Von Andreas Rauschal

  • Die britische Folksängerin Shirley Collins hat mit "Lodestar" ihr erstes Album seit 38 Jahren veröffentlicht.

Ein Sieg in der Kategorie "Comeback des Jahres" scheint ihr sicher: Shirley Collins.

Ein Sieg in der Kategorie "Comeback des Jahres" scheint ihr sicher: Shirley Collins.© Eva Vermandel Ein Sieg in der Kategorie "Comeback des Jahres" scheint ihr sicher: Shirley Collins.© Eva Vermandel

In der Kategorie "Comeback des Jahres" dürfte ihr der Gruppensieg bereits sicher sein. Kaum jemand sonst wird heuer schließlich von sich behaupten können, die Karriere im Alter von 81 Jahren - und rund 38 Jahre nach dem bisher letzten Album - wieder aufgenommen zu haben. Shirley Collins, die britische Traditionalistin des Zupfgitarrensongs einer Zeit um das Folkrevival der 1960er Jahre aber darf stolz auf ein neues Album verweisen, das ihrer Diskografie soeben einen späten Höhepunkt hinzugefügt hat. Dass auf "Lodestar" (Domino Records) so getan wird, als wären in der Zwischenzeit keine Jahre ins Land gezogen, die Songs also so zeitlos klingen, wie sie auch aus der Zeit gefallen sind, ist dabei kein Schaden. Man kann, darf und muss im Metier der am 5. Juli 1935 in Sussex geborenen Musikerin von einem Gütesiegel sprechen.

Die Schatzheberin

Schon zeit ihrer ersten Karriere ab dem fernen Jahr 1955 trat Shirley Collins nicht nur klassisch als Sängerin und Gitarristin, sondern explizit auch in der Rolle der Konservatorin, Feldforscherin und Schatzheberin in Erscheinung - oder als musikalisches Gedächtnis, das nicht mit den gängigsten Folksongs vergangener Tage beim Publikum punkten wollte. Sieben Jahre, bevor Bob Dylan auf seinem Debütalbum neben Traditionals auch erste eigene Songs präsentierte, stellte Shirley Collins zunächst im ganz dem Storytelling geschuldeten Solovortrag mit Akustikgitarre nicht zuletzt Songs in den Vordergrund, die der eine oder andere Folksänger vielleicht zu Hause auf der Veranda zum Besten gab - oder die es in textlich situationselastischen, da mündlich überlieferten Versionen nur zu lokaler Bekanntheit gebracht hatten. Irgendjemand musste sie unter dem Motto "Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen" ja für jene Teile der Folgegenerationen bewahren, die gleichfalls weniger zwangsmodern als vielmehr historisch interessiert sein würden.

Diese Grundausrichtung blieb bis in die späten 70er Jahre erhalten, auch wenn Collins unter Miteinbeziehung ihrer Schwester Dolly am Klavier oder Portativ die Instrumentenpalette zunächst sanft erweiterte, ehe auf Werken wie "The Power Of The True Love Knot" (1968) oder "Amaranth" (1976) auch Seemannsgesang, Akkordeon, Flöten, Cembalo, Streicher-Arrangements und mitunter sogar Schlagzeug (!) erlaubt waren. Vor allem das Folk und Jazz fusionierende "Folk Roots, New Routes" mit dem Gitarristen Davy Graham setzte neue Akzente, während Collins auch mit den Formationen ihres zweiten Ehemanns Ashley Hutchings wie der Albion Band oder der Etchingham Steam Band auf Gemeinschaftlichkeit setzte.

Zusätzlich schrieb sich Collins aber nicht zuletzt als Archivarin abseits des eigenen Schaffens in die Geschichtsbücher ein. Immerhin führte sie ihre frühe Beziehung mit dem Musikethnologen und Feldforscher Alan Lomax als dessen Assistentin im Alter von 24 Jahren auf eine Reise durch die Südstaaten der USA, wo musikalische Lokallegenden zu Hause auf der Baumwollfarm ebenso aufgesucht wurden wie in Staatsgefängnissen und Sträflingskolonien. Auch die Entdeckung des großen Delta- und Hill-Country-Blues-Gitarristen Mississippi Fred McDowell geht auf diese gemeinsame Reise zurück. Als Expertin und Kulturvermittlerin blieb Shirley Collins noch aktiv, nachdem sie sich Ende der 70er Jahre ins Privatleben zurückgezogen hatte. Nach einer ersten Begegnung im Jahr 1992 konnte der britische Folk-Apokalyptiker David Tibet sie zwar schließlich 2006 für einen Gastauftritt auf dem "Black Ships Ate The Sky"-Album seiner Band Current 93 überreden, ein Comeback unter eigenem Namen schien aber zumindest so lange unrealistisch, bis die damals 78-Jährige 2014 in der Union Chapel in London nach Jahrzehnten der Bühnenabstinenz erstmals Teile des Materials zum Besten gab, das sich nun auf "Lodestar" befindet.

Friede, Tod, Untergang

Für die darauf gebotene, teils fahrlässig unbekannte musikalische Grundlage, die bis zurück ins 16. Jahrhundert reicht, wurde Collins selbst zum Zentrum von Field Recordings: Ein kleines, ihr vertrautes Team um den Produzenten Ian Kearey (Oysterband) sollte es ihr ermöglichen, der Arbeit im heimatlichen Wohnzimmer nachzugehen. Vielleicht liegt auch darin eine gewisse Text-Ton-Schere begründet, die zwischen dem betont friedlichen Vortrag einer hörbar mit sich im Reinen befindlichen alten Dame und den Songinhalten aufgeht. Als Relikte einer grausamen Zeit drehen sich die Lyrics nicht nur um (Selbst-)Mord und Totschlag, sie verströmen etwa mit der Wiederaufnahme von "Death And The Lady" auch ein autobiografisches Gefühl der Endlichkeit.

Der an dieser Stelle gehörte US-Einschlag bleibt musikalisch jedenfalls der Ausreißer eines britannischen Albums, bei dem der Brexit ganz nahe ist, wenn Collins im Bußlied "Awake Awake" von 1580 symbolträchtig den Untergang Englands beschwört. Manchmal ist aber auch alles beinahe gut. Dann singt Shirley Collins eine Art altenglisches Gstanzl ("Old Johnny Buckle"). Oder es zwitschern im Hintergrund die Vöglein durch die Tür zum Garten.





Schlagwörter

Folkmusik, Shirley Collins

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-13 16:08:08
Letzte nderung am 2016-12-13 16:10:21




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