• vom 15.12.2016, 16:25 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 15.12.2016, 16:52 Uhr

Enrique Iglesias

Sex mit Problemstellung




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Von Andreas Rauschal

  • Enrique Iglesias gastierte im Rahmen seiner "Sex And Love Tour" in der Wiener Stadthalle.

Der schöne Enrique beglückte rund 12.000 Besucherinnen mit seinem unendlichen Sexappeal im Casual-Bühnenoutfit. - © apa/Georg Hochmuth

Der schöne Enrique beglückte rund 12.000 Besucherinnen mit seinem unendlichen Sexappeal im Casual-Bühnenoutfit. © apa/Georg Hochmuth

Den Anfang macht ein namentlich nicht näher (also eigentlich gar nicht) genannter DJ, der wegen der bereits späten Uhrzeit Pfiffe und erst für die Beendigung seines Sets etwas Applaus bekommt. Und auch ein gewisser Benny Hörtnagl von einem gewissen Hitradio Ö3 steht vorab auf der Bühne und animiert uns - gewissermaßen. Es gibt die "Mannequin Challenge" (noch nie gehört), und wir erfahren, dass das Jahr "lässig" war. Weil der Mann auf gute Laune nach Formatradio-Schema setzt, fühlt man sich bald an eine Maturaparty auf Ibiza erinnert, nur dass die Schaumparty fehlt. Der Moderator verlässt die Bühne, nicht ohne uns "Amore und frohe Weihnachten" gewünscht zu haben, und es kann um 21 Uhr endlich losgehen.

Wie auf Tinder

Information

Popkonzert

Enrique Iglesias

"Sex And Love Tour"

Wiener Stadthalle

Für den Hauptact gilt, dass die Latte hochgelegt wurde. Er heißt Enrique Iglesias und gastiert heute nicht nur im Rahmen seiner seit knapp zwei Jahren laufenden "Sex And Love Tour" vor ungefähr 12.000 Besucherinnen (ein paar Begleiter draußen an der Bar wären abzuziehen) in der Wienerstadt. Er ist auch für total versexte loco Musikvideos und für Alben bekannt, auf denen er spitzer als Nachbars Lumpi vom Cover schaut. Folgerichtig geht es in der Stadthalle mit einer Ansage los. Wie heißt es in "I’m A Freak" vom sehr sexuellen aktuellen Album "Sex And Love" doch so sexuell? "I love the way she gets so physical. Fucks like an animal. Oh!"

Gleich hier muss man daran denken, dass ein feministischer Blick auf den spanischstämmigen Lustmolch einmal nottun würde. Immerhin ist das dazugehörige Musikvideo neben den anderen Musikvideos von Enrique Iglesias, in denen sich Models auf Stilettos in Reizwäsche vor ihm rekeln, bevor sie auf die Knie gehen werden, mit seiner sexuellen, also sexistischen Bilderflut vom Popowokin eindeutig die Regel - und nicht die Ausnahme. Ein heute auch gehörter, musikalisch in etwa ebenso subtil wie sein Titel ausgefallener Hit heißt übrigens "Tonight I’m F**kin‘ You". Frage nicht, welchen Hintergrund erst Songs wie "Love To See You Cry" oder "No Me Digas Que No" haben dürften.

Während die Musik zunächst aus den Boxen böllert, als wäre sie eigens für Après-Ski-Abende vor besoffenen Russen in Kitzbühel geschrieben worden, erscheint Enrique Iglesias in Jeanshose und mit Kapperl am Kopf ziemlich casual auf der Bühne. Das passt. Casual ist, wie man heute datet: Ungezwungen, sorglos, leger - "lässig", wie Benny Hörtnagl sagen würde. Allerdings ist es bald ein wenig so, wie manche das von den Tinder-Dates kennen: Auf den Fotos sieht alles manchmal... irgendwie anders aus. Vielversprechender. Tatsächlich scheint der Sexgott bei der Ausstattung etwas am Bühnencharisma gespart zu haben, als er Enrique Iglesias schuf. Allerdings ist das egal. Das Publikum ist auch mit dem wenigen, das es bekommt, sehr zufrieden. Sex und Wirtschaftlichkeit!

Wobei nach der abgenickten Après-Ski-Mucke samt Rapper mit dicker Hose festzustellen ist, dass die mit Latino-Klischees vollgepflasterten Songs, in denen Wörter wie "amor" und "corazón" die Hauptrollen spielen, in der Gunst deutlich höher stehen. Abgesehen vom Akustikteil, in dem sich Enrique Iglesias leider ziemlich verplappert und auch mit Blitzumfragen nervt (Erkenntnis: Ein Großteil des Publikums dürfte aus der Slowakei angereist sein), wird man als Fan am Ende behaupten können, einem Pleaser und keinem Teaser begegnet zu sein.

Postkoitale Depression

Warum die Band auf Geheiß des Chefs heute "Wicked Game" von Chris Isaak anstimmen darf, ist eindeutig: Es ist ein sehr sexuelles Lied, das sich sehr sexuell anhört. Bei einer spontan gereichten Coverversion von "Knockin’ On Heaven’s Door" allerdings wird man kurz unrund und checkt schnell am Smartphone, ob mit Bob Dylan eh alles in Ordnung ist.

Der Rest geht so: Eine neunköpfige Bühnenentourage inklusive zweier Gitarristen nudelt die Songs herunter. Ein Boxenturm hat einen Wackelkontakt, und Enrique Iglesias, der sich alle zehn Sekunden ans Ohr fasst, Schwierigkeiten mit dem Horcherl. Das Konzert ist wie Sex. Schlechter Sex mit diversen Problemstellungen, aber immerhin. Am Ende ist man zahlreiche Tode gestorben, von denen die wenigsten als klein zu bezeichnen wären. Man fühlte sich postkoital depressiv. Irgendwie schlaff.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-15 16:29:05
Letzte Änderung am 2016-12-15 16:52:33




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