• vom 17.12.2016, 08:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 19.12.2016, 18:12 Uhr

Platten des Jahres 2016

Systemkritik und Pop-Tote









  • Die Kritiker der "Wiener Zeitung" haben die besten internationalen und österreichischen Pop- und Jazz-Alben des Jahres 2016 gewählt.



Liefert nach 2011 wieder ein Album des Jahres: PJ Harvey.

Liefert nach 2011 wieder ein Album des Jahres: PJ Harvey.© Maria_Mochnacz Liefert nach 2011 wieder ein Album des Jahres: PJ Harvey.© Maria_Mochnacz

Es war kein Jahr für Newcomer: Altmeister/innen wie PJ Harvey, Brian Eno oder Bob Mould haben mit ihren heurigen Veröffentlichungen neben den allerletzten Alben der verstorbenen Heroen David Bowie und Leonard Cohen das Geschehen bestimmt.

Die folgende Gesamtwertung basiert auf den Einzelwertungen der "music"-Mitarbeiter.

Pop/International

1. PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project (GB)

Das Vorgängerwerk markierte den bisher größten Umbruch im Schaffen von PJ Harvey. Er bestand im Wechsel der Perspektive von der Innen- auf die Außenwelt. Nachdem auf "Let England Shake" 2011 also die kriegerische Vergangenheit und Gegenwart Großbritanniens im Vordergrund stand, ist der Fokus nun noch globaler: "The Hope Six Demolition Project" liegen Dienstreisen nach Afghanistan, Washington D.C. und in den Kosovo zugrunde. Krieg, Kriminalität, Armut und gescheiterte (Wohnbau-)Politik sind die mit Call-and-Response- und Marschgesängen verhandelten und von Saxofonen umgarnten Themen. Nur konsequent wurde dieses Album des Jahres in Wien auch mit einem Konzert des Jahres vorgestellt.

2. David Bowie: Blackstar (GB/US)

Der große David Bowie veröffentlicht ein spätes Meisterwerk und stirbt zwei Tage darauf an einer geheim gehaltenen Krebserkrankung. Der Abgang eines Helden wird zum letzten Kapitel eines Lebens- und Karrierewegs als Gesamtkunstwerk: Bereits die titelgebende Auftaktsingle "Blackstar" ist ein faszinierendes Hybrid, das durch geheime Gärten führt. Umrahmt von einer Gruppe aus New Yorker Jazzmusikern, verabschiedet sich David Bowie für immer: "Look up here, I’m in heaven. I’ve got scars that can’t be seen." Irritation, Schock, Gänsehaut.

3. Brian Eno: The Ship (GB)

Brian Eno verknüpft auf "The Ship" seine Song- und seine Ambient-Seite und setzt seine Stimme ohne Fesselung durch Rhythmus- und Akkordstrukturen in eine Art maritimes Soundscape. Dem gut 21-minütigen Titelsong ist seine ursprüngliche Bestimmung als Teil einer multimedialen Klanginstallation noch anzuhören. Mit "The Fickle Sun" ändert sich die Anmutung aber: Der Gesang ist melodiöser, es erhebt sich ein Flirren und Schwirren, eine Gitarre bleibt auf einem Ton stehen, der sich mit Keyboards verdichtet, bis das Ganze mit Pauken und Trompeten implodiert und die Dynamik wieder gegen Null zurückfährt.

4. James Blake: The Colour In Anything (GB)

Ist James Blake ebenfalls ein "Mann, der auf unerträgliche Weise alles richtig macht", wie Diedrich Diederichsen einstmals Elvis Costello bezeichnete? Es sieht fast so aus. Mit dem Unterschied vielleicht, dass Blake eigentlich auf ziemlich erträgliche Weise alles richtig macht. Auf seinem dritten Album leidet, hadert, fleht und resigniert der britische Musiker - und erzeugt unterschiedliche Intensitäten von grabesruhig bis aufgebracht. 76 Spielminuten gewähren dazu eine ordentliche stilistische Diversität: Einflüsse von R&B und Gospel sind ebenso herauszuhören wie technoider Dancefloor, Funk und Balladenpop.

5. Leonard Cohen: You Want It Darker (CAN)

"Hineni! Hineni! I’m ready, my Lord." Begleitet vom Chor jener Synagoge in Quebec, in der er als 13-Jähriger seine Bar-Mizwa feierte, verabschiedet sich mit Leonard Cohen auch einer der begnadetsten Songpoeten aller Zeiten mit einem bewegenden letzten Album. Mit "You Want It Darker" knüpft Cohen nahtlos an die Vorgängerwerke an, auf denen er sich bereits konsequent wie kein anderer Sänger zuvor mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzte. Zum letzten Mal geht das Licht aus. Ein Streichquartett macht uns weinen. Einmal mehr beweist der große Trostspender Cohen aber auch seine Kernkompetenzen in Sachen Eros und Humor: "I was fighting with temptation. But I didn’t want to win."

6. Anohni: Hopelessness (GB/US)

Der New Yorker Transgender-Tragöde Antony Hegarty wird unter seinem neuen Alias Anohni nun auch im Solowerk elektronisch. Trotz aller auch provokanten Texte über tötende Drohnenbomben, Selbstmordanschläge oder die Todesstrafe als "amerikanischen Traum" klingt die Musik weitgehend erhebend.

7. Bob Mould: Patch The Sky (US)

Der Ex-Hüsker-Dü-Mann Bob Mould überzeugt auf seinem dritten Soloalbum innerhalb von vier Jahren mit einer ausgewogenen Balance zwischen "bright melodies and dark stories". Haltung altert nicht, und gerade weil der 56-Jährige nichts mehr beweisen muss, ist ihm ein grandioses und hochenergetisches Album gelungen.

8. Marissa Nadler: Strangers (US)

Marissa Nadler hat sich einen Schuss Shoegaze und Drone verpasst, der das Gehaucht-Ätherische ihrer Musik dämpft und "All The Colors Of The Dark" stärker zum Leuchten bringt. Ihr siebtes Album "Strangers" wird so zu einem ihrer bisher besten und abwechslungsreichsten.

9. Cass McCombs: Mangy Love (US)

Cass McCombs verschmilzt Roots Rock, Americana, Blue-Eyed-Soul, Jazz und Psychedelic Pop zu zeitlosen Songs. Deren Wohlklang wird allerdings auch von ätzenden gesellschaftspolitischen Kommentaren konterkariert.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-16 12:38:08
Letzte ─nderung am 2016-12-19 18:12:39




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