• vom 26.01.2017, 15:29 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 26.01.2017, 17:07 Uhr

neues Album

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Von Andreas Rauschal

  • Die britische Nachwuchshoffnung Sampha und das überfällige Debütalbum "Process".

Das Herz auf der Zunge: Sampha, Sänger, Songwriter und Produzent aus Süd-London.

Das Herz auf der Zunge: Sampha, Sänger, Songwriter und Produzent aus Süd-London.© Young Turks Das Herz auf der Zunge: Sampha, Sänger, Songwriter und Produzent aus Süd-London.© Young Turks

Zuletzt schien der Mann den Frank Ocean zu geben. Dieser hatte über längere Zeit ja auch vor allem damit Schlagzeilen gemacht, dass trotz wiederholter Ankündigung kein neues Album von ihm erschien - wofür es in den sozialen Medien regelmäßig Shitstorm-Attacken setzte. Das hatte vermutlich damit zu tun, dass sich die Zielgruppe überwiegend in einem Alter befindet, in dem noch sehr viel Zeit zur Verfügung steht, die Hormone, die Neugier und der Lebenshunger dieser Tatsache aber entschieden entgegenarbeiten - und alternative Fakten einfordern, die "jetzt!, "sofort!" und "ja wird’s bald?" heißen. Heute geht alles sehr schnell. Geduld ist etwas für alte und tote Menschen. Die kanadische Band Arcade Fire hat darüber einmal ein Lied geschrieben. Man muss sich seinen Titel jetzt nur als Leitspruch eines Wiener Pensionisten mit Zwiderwurzn-Gesicht und eingraviertem "Nein!" in der Augenpartie vorstellen: "We used to wait" - "wir hom nu gwoadt!"

Beginne als Gastsänger

Der als jüngster von fünf Söhnen einer aus Sierra Leone emigrierten Familie im Süden Londons aufgewachsene Sänger, Songwriter und Produzent Sampha Sisay alias Sampha gilt nun auch schon etwas länger als Nachwuchshoffnung im Grenzbereich zwischen einer Art Neo-Soul und Elektronik. Nach einer ersten Präsenz als Grime-Lieferant seinerzeit auf einer Nachkriegsplattform namens Myspace (hey, wer erinnert sich noch?) kam der Mann offiziell 2011 im Geschäft an, als er erstmals für eine Rolle gebucht wurde, die ihm noch länger erhalten blieb: Vordergründig dürfte Sampha bis heute als Gastsänger von Acts wie SBTRKT, Jessie Ware, Katy B und nicht zuletzt auch von für das symbolische Karrierekapital wichtigen Namen wie Drake, Kanye West und Solange bekannt sein - wobei er teils auch die Produktionsagenden übernahm. Im "BBC Sound Of 2014"-Ranking, das von einem Missverständnis namens Sam Smith gewonnen wurde, erreichte Sampha Platz vier. Und er remixte für seine Labelkollegen The xx, deren Co-Produzent Rodaidh McDonald ihm nun auch auf seinem kommende Woche tatsächlich erscheinenden Debütalbum "Process" (Young Turks) aushalf.

Dessen Titel ist insofern programmatisch, als das Album einen - durchaus von Problemen begleiteten - Prozess dokumentiert. Nicht nur wurde die Arbeit daran von Samphas Gast-Verpflichtungen ziemlich entschleunigt. Auch hinterließ eine Krebserkrankung seiner Mutter, die ihn dazu bewegte, wieder zurück nach Hause zu ziehen, sowie deren Tod hörbar Spuren. Für seine zuletzt im US-Fernsehen live vorgestellte Klavierballade "No One Knows Me Like The Piano" sollte noch oft das Adjektiv "berührend" verwendet werden. Immerhin singt Sampha hier über das Instrument in der gemeinsamen Wohnung, das ihn nicht nur durch dunkle Stunden begleitete, sondern ihm als Geschenk der Eltern einst in der Kindheit auch mitermöglichte, überhaupt erst seine Stimme zu finden. Sampha hierzu: "You would show me I have something, some people call a soul."

Leid im Falsett

So bescheiden und offen diese Songzeile klingt, so bescheiden und offen ist diese Songzeile auch. Der gemeinhin als höflich beschriebene Sänger versteckt sich auf dem gesamten Album nicht hinter dem möglichen Autoren-Ich eines Storytellers, nein, Sampha trägt sein Herz lieber direkt auf der Zunge. Bis vielleicht auf das einer erzählten Hexenjagd gleichkommende "Blood On Me", einen der wenigen tatsächlich Hittauglichen Songs des Albums, den Sampha atemlos-hektisch intoniert, geht es zwischen eingestreuten Familienaufstellungen und vor allem Boy-meets-girl- und Boy-loses-girl-Betrachtungen mit durchaus weinerlicher (Falsett-)Stimme darum, der Artyness in der Ästhetik und einer gewissen elektronischen Unterkühltheit im Sound mit viel Gefühl (und noch mehr Emotion) beizukommen. "Pain" und "Fear" dürften dabei eine zentrale Rolle spielen. Das ist gut, das Publikum will seine Helden bekanntlich leiden sehen und glaubt, im Schmerz einen besonders glaubwürdigen Ausdruck zu finden. Und so eröffnet Sampha das Album gleich auch autobiografisch in der Erinnerung daran, dass 2011 in seinem Hals ein Knoten entdeckt wurde.

Wippen und kippen

Die Beats wippen und kippen, ein grundsätzlich verzagter, auch vom Tempo her nicht auf Hudeln gepolter, von elektronischem Halblicht umflackerter und schöngeistiger Neo-Soul macht sich breit. Etwas Schlagzeug-Geklöppel trifft auf verschleppte Drumcomputer und nur in einem Fall auf einen Beat, zu dem man im Auto gut durch die Innenstadt cruisen könnte.

Bei einem Albumhöhepunkt namens "Under", über dessen wohl einer Amour fou ausgelieferten Protagonisten die Wellen brechen, denkt man daran, dass es eine Freude gewesen wäre, George Michael einmal in diesem für ihn mutigeren, näher am Zeitgeist befindlichen Sound zu hören. Eine ganz andere Assoziation hingegen stellt sich im letzten Drittel des Albums bei "Timmy’s Prayer" ein, dessen Melodie man von Rocki Schamonis Hit "Der Mond" kennt. Dazu passt wiederum, dass Sampha "Plastic 100° C" um Samples von Neil Armstrong und Buzz Aldrin ergänzt. Am Mond ist es einsam.





Schlagwörter

neues Album, Sampha

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-01-26 15:33:14
Letzte nderung am 2017-01-26 17:07:09




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