• vom 09.03.2017, 16:33 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 16.03.2017, 16:18 Uhr

neues Album

Finesse und Sheness




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Laura Marling schärft auf ihrem neuen Album "Semper Femina" den weiblichen Blick.

Weibliche Perspektiven und männliche Eitelkeiten: die britische Songwriterin Laura Marling.

Weibliche Perspektiven und männliche Eitelkeiten: die britische Songwriterin Laura Marling.© Hollie Fernando Weibliche Perspektiven und männliche Eitelkeiten: die britische Songwriterin Laura Marling.© Hollie Fernando

Eine Vorarbeit in der Praxis fand für dieses Album im Vorjahr statt. Die britische Songwriterin Laura Marling brach für ihre Podcast-Serie "Reversal Of The Muse" auf, um mit langgedienten Sängerinnen wie Dolly Parton oder Emmylou Harris, Nachwuchskräften wie der All-female-Band Haim oder mit Tontechnikerinnen, Gitarrenshop-Betreiberinnen und anderen Musikarbeiterinnen mehr über weibliche Aspekte ihres täglichen Jobs und Erfahrungen mit der Musikindustrie zu sprechen. In dieser sind Frauen bekanntlich auch im Jahr 2017 noch unterrepräsentiert. Marling ging etwa der Frage nach, warum sie in den vergangenen zehn Jahren nur auf zwei Tontechnikerinnen gestoßen ist - und ob der Mangel an weiblichem Personal bei einer Studioaufnahme womöglich auch deren Endresultate beeinflusst.

Zeitlupengroove
Ihr Eintreten für mehr deklarierte Sheness bekundet die erst 27-Jährige also nicht nur mit dem Titel ihres nun erscheinenden, bereits sechsten Soloalbums "Semper Femina" (More Alarming Records), der seit Jahren in Tattoo-Form ihren linken Oberschenkel ziert, auf Virgils "Aeneis" zurückgeht und den weiblichen Charakter als wechselhaft und veränderlich ausweist. Und die belesene Songwriterin - aktuelle Obsession: die 1861 geborene Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé - hat auch davor schon über das Bestreben gesungen, unabhängig zu sein und nicht in Fallen zu treten: "I will not be a victim of romance", so hieß es etwa 2013 im Song "I Was An Eagle".


Von den lieblicheren Anfängen in einer britischen Form des Fingerpicking-Folk an der akustischen Gitarre ist die Sängerin aber bald zu einer intellektuell-moderneren Spielart gekommen. Für die stilistische Öffnung dürfte nicht zuletzt eine Übersiedlung nach Kalifornien mitverantwortlich zeichnen, die sich zwischen entspanntem Westcoast-Feeling, hinter diesem oft in Verkleidung lauernden Abgründen und etwas mehr Blues-Einfluss niederschlägt, den so eine Hinwendung zur anderen Seite des großen Teichs für Musiker nicht selten mit sich bringt. Auf besonders beeindruckende Art und Weise von der aktuellen Songwriting-Raffinesse Marlings (und deren Finessen: Diese Musik bevorzugt minimalistische Mittel!) kann man sich von der "Semper Femina"-Vorabsingle "Soothing" überzeugen. Zu einem reduzierten Zeitlupengroove und mit unterkühlt zitternder Stimme wird die Wort-Bild-Schere hier weit geöffnet, wenn sich im dazugehörigen Musikvideo zwei Frauen in Latex-Montur auf einem Bett räkeln - es inhaltlich aber (wie in fast allen der neun neuen Songs) um Trennungen, Abschiede und, im konkreten Fall, das explizite Verstoßenwerden geht: "Oh my hopeless wanderer / You can’t come in / You don’t live here anymore / I banish you with love!"

Unmögliche Zähmung
Kurioserweise hat Laura Marling ursprünglich damit begonnen, "Semper Femina" aus männlicher Sicht zu schreiben und solchermaßen den Singer-Songwriter zu geben, der Frauen betrachtet - was in manchen Zeilen durchaus noch nachhallen dürfte: "I know she stayed in town last night / Didn’t get in touch / I know she has my number right / She can’t face seeing us." Allerdings erkannte sie im Autoren-Ich dann schnell sich selbst. Laura Marling: "Ich muss nicht vortäuschen, der Protagonist wäre ein Mann, um die Intimität zu rechtfertigen - oder die Art, wie ich Frauen sehe und für sie fühle." Und so taucht in "Nouel", einer Art Aktgemälde von einem Song, auch das seinerzeit skandalträchtige Gemälde "L’Origine du monde" von Gustave Courbet auf.

Grundsätzlich hört man in dieser Spieldreiviertelstunde ein streicherumrahmtes Sonntagnachmittagsalbum mit vielen Blue Notes und zahlreichen Schattierungen. Aus "The Valley", bei dem Marling mit müder Stimme als Moor- und Sumpfsirene daherkommt, strömt ein wenig die Aura des frühen Leonard Cohen, bei "Wild Once", einem Stück über die Unmöglichkeiten der Zähmung, fühlt man sich an die impressionistischen Qualitäten Bill Callahans erinnert. Nötig hat Laura Marling diese Vergleiche allerdings nicht. Wie beschreibt sie doch so treffend die männliche Eitelkeit, wenn sich der Protagonist von "Wild Fire" einer schreibenden Frau gegenübersieht? "Of course the only part that I want to read / Is about her time spent with me."




Schlagwörter

neues Album, Laura Marling

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-09 16:39:07
Letzte ─nderung am 2017-03-16 16:18:05




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein ewiger Anfänger
  2. Eskalation im Pazifik
  3. liebe
  4. Betörende Brautschau
  5. Der Familienkombi im Zeugenstand
Meistkommentiert
  1. Kleine Stimme, große Kunst
  2. Bruckner als Kraftwalze
  3. Wie gewonnen, so verschwunden?
  4. Peter Turrini mit Kulturpreis des Landes Kärnten ausgezeichnet
  5. Beethoven-Skulptur in Wien enthüllt


Quiz


CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.


Werbung


Werbung