• vom 13.03.2017, 16:18 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 13.03.2017, 18:54 Uhr

Konzertkritik

Fürbitten gegen Krisenherde




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Von Andreas Rauschal

  • Katie Stelmanis und ihre Band Austra präsentierten ihr Album "Future Politics" im Wiener WUK.

Drama-Gesänge und Böllerbeats: Katie Stelmanis und Austra bei der Arbeit. - © afp/Rafa Rivas

Drama-Gesänge und Böllerbeats: Katie Stelmanis und Austra bei der Arbeit. © afp/Rafa Rivas

Dass heute irgendetwas irgendwie anders ist, erklären im ersten Song zu angeblich von Massive Attack beeinflussten Beats bereits Zeilen über den apathischen Blick und das damit verbundene innere Totsein, das ziemlich erstmals in der Bandgeschichte allerdings etwas mit den Verhältnissen, also der Außenwelt, zu tun hat.

Immerhin haben Austra um Sängerin und Songwriterin Katie Stelmanis mit "Future Politics" ein aktuelles Album im Gepäck, das nach Vorarbeiten im Spezialgebiet "Baby ist heute Nacht nicht zur mir nach Hause gekommen und hat mich damit sehr traurig gemacht" theorieaffin in der Lektüre über Postkapitalismus, Globalisierung und Klimawandel wurzelt, dann aber gottlob eh keine Seminararbeit geworden ist.

Ach ja, wie man sich am Sonntag zu einem anderen Zeitpunkt während des Konzerts im ausverkauften Wiener WUK erinnert, stimmt "ziemlich erstmals" insofern nur bedingt, als Stelmanis bereits 2013 auf dem zweiten Album "Olympia" etwas Zukunftsforschung betrieb und bezüglich des Kommenden fast wortgleich resümierte wie ihr großer kanadischer Landsmann Leonard Cohen einst im fernen Jahr 1992: "I’ve seen the future, baby. It is murder!"

Galeerengetrommel

Im Alter von 31 Jahren hat die Austra-Chefin hörbar bereits genug Erfahrung für die alte Erkenntnis gesammelt, dass im Leben mit fortlaufender Dauer selten etwas besser wird. Rund um die weitgehend euphoriebefreiten neuen Songs, die die alte Neigungsgruppe der melancholischen Tänzer zum Glück abseits der Nachrichtenlage auch wieder mit Texten über persönliche Krisen, Depressionen und anderweitiges Unglück erfreuen, geht es aber zumindest aktuellen Interviews zufolge auch um das Ankämpfen gegen all das. Live steht ja schon das nach Drama schreiende, sich aber kräftig auflehnende und quer durch sämtliche Stimm(ungs)lagen beeindruckend geschmetterte Opernorgan der Protagonistin symbolisch für den Ein- und Ausgang des Jammertals. Gegen die drohenden Mühen der Ebene scheint auch die Band etwas zu haben.

Maya Postepski, die gerne gelangweilt dreinschauende Frau hinter dem Drum-Pad, macht der Kollegenschaft Feuer unter dem Hintern, wie man das sonst nur vom zynischen Galeerentrommler auf der MS Untergang an einem sehr schlechten Tag mit mannshohen Wellen kennt. Ryan Wonsiak am Synthesizer wird davon noch so sehr ins Schwitzen geraten, dass er sich die Haare prophylaktisch zu einem Männerdutt bindet, während Dorian Wolf auf der anderen Bühnenseite relativ locker aus der Hüfte groovt. Okay, der Mann ist Bassist.

Drama, Baby, Drama! Irgendwo im dichten Bühnennebel fuchtelt Katie Stelmanis im Rahmen einer dezent entrückten Performance mit beschwörenden Handbewegungen mystisch aufgeladen herum. Schließlich wurden für ihr erstes Album "Feel It Break" 2011 Kate-Bush-Vergleiche bemüht. Und während man live gerade im ersten Konzertdrittel auch an die Kollegen von The Knife und deren Ableger Fever Ray denken darf, nts-ntsen die Songs relativ bald verschärft technoid und dabei auch in Sachen Dezibel nachdrücklich aus den Boxen. Am Ende des Hauptsets klingen Austra heute überhaupt wie ihr eigener Remix, der im Wurstlprater vom Extasy hinüber zur Wilden Maus böllert, dass es im Schweizerhaus die Stelzn vom Biertisch haut.

Seltsamerweise bleibt die Ekstase bei aller Kraftanstrengung auf und vor der Bühne allerdings aus, sofern nach "Forgive Me" als Einpersonenstück und Fürbitte für Baby nicht Hits wie "Home" (Baby ist schon wieder nicht nach Hause gekommen) und "Lose It" (man könnte Baby verlieren) anstehen, "Beat And The Pulse" sowieso als sichere Bank daherkommt und am Ende "Hurt Me Now" vorexerziert, dass auch die angezogene Handbremse wirkungsmächtig sein kann.

Nach 70 Minuten jedenfalls ist alles vorbei. Für "Future Politics" hat sich Katie Stelmanis mit Akzelerationismus beschäftigt und die Monografie "Inventing The Future: Postcapitalism And A World Without Work" von Nick Srnicek und Alex Williams gelesen.





Schlagwörter

Konzertkritik, Austra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-13 16:24:04
Letzte nderung am 2017-03-13 18:54:47




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