• vom 16.03.2017, 16:06 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 16.03.2017, 16:20 Uhr

Anohni

Trügerische Text-Ton-Scheren




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Von Andreas Rauschal

  • Die New Yorker Transgender-Tragödin Anohni sorgt sich auf ihrer "Paradise"-EP wieder um Mutter Erde.

(Inwendige) Apokalypsen: Anohni hadert mit den Verhältnissen.

(Inwendige) Apokalypsen: Anohni hadert mit den Verhältnissen.© Alice Omalley (Inwendige) Apokalypsen: Anohni hadert mit den Verhältnissen.© Alice Omalley

Grundsätzlich scheint derzeit Einigkeit darüber zu herrschen, dass es um den Heimatplaneten bereits einmal besser stand. Für diese Einschätzung braucht man nicht im Lavanttal zum Stammtisch, in Ankara zum Männertee oder in Texas dorthin gehen, wo die Republikaner nach einer Schießübung gemeinsam die Flinten putzen. Gerade weil die Neigungsgruppe Pop das politisch agitierende Moment immer mindestens kritisch beäugt hat, könnte einem auch die aktuelle Schwemme an diesbezüglich kaum zurückhaltenden Veröffentlichungen erklären, dass man besser besorgt sein sollte. Besorgt wie: die Augenpartie von Michael Landau bei Armin Wolf in der "ZiB2". Eine Sonntagsrede seinerzeit von Doktor Thomas Klestil im Hinblick auf den Doppeldoktor Schüssel-Haider. Und natürlich der polnische Moralprediger in der Wiener U6 angesichts des Teufelsthemas Unkeuschheit treiben - noch dazu vor der Ehe. Siehe auch: Die Welt steht nicht mehr lang. Betriebe melden uns beim AMS, Gott meldet uns beim Teufel an. Zumindest im zweiten Fall muss man sich nicht mehr warm anziehen. Ach ja, nächstes Stichwort: Klimawandel, die Hölle auf Erden!

Reale Albträume
Die New Yorker Transgender-Tragödin Anohni hat uns erst im Vorjahr sehr überrascht. Nach Jahren als mit Trauerflor bekränzter Balladenkaiser Antony Hegarty von Antony And The Johnsons kam sie unter dem neuen Alias Anohni mit dem programmatischen Debütalbum "Hopelessness" nicht nur endgültig als Frau ins Geschäft zurück. Zwischen drastischen Beats und elektronischem Songwriting ging es einigermaßen unwirtlich plötzlich auch um Themen wie Drohnenbomben, Massenüberwachung, Todesstrafe und Umweltzerstörung. Wunschlos unglücklicherweise ergab das ein Album des Jahres, mit dem sich offenbar auch die Protagonistin selbst so wohlig unwohl fühlte, dass mit einer nur trügerisch "Paradise" (Rough Trade/Indigo) betitelten EP nun ein erster Nachfolger nahtlos daran anschließt.


Wie man auf dem Cover mit dem Bildnis von neun Frauen inklusive Anohni selbst sehen und einem begleitenden Statement entnehmen kann, das sich ungefähr so liest wie ein Festival-Programmtext von Tomas Zierhofer-Kin, geht es heute allerdings verstärkt um die feministische Perspektive auf Mutter Erde, die von Männern munter zerstört und geschunden wird. Unter abermaliger Produktion der Klangtüftler Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never und Ross Birchard aka Hudson Mohawke stehen (reale) Albträume, Abrechnungen mit Despoten ("Jesus Will Kill You") und innere und äußere Feinde ("Enemy") ebenso auf der Agenda, wie sich Anohni angesichts einer weiß Gott anstrengenden Existenz auf dem Heimatplaneten wünscht, keinesfalls wiedergeboren zu werden. Mit apathischem weiblichem Trauerblick angesichts einer Kulturgeschichte der Ausbeutung werden nicht zuletzt inwendige Apokalypsen skizziert: "She doesn’t mourn her loss."

Das klingt bei "Jesus Will Kill You" zwar weitgehend adäquat harmoniebefreit und bei "Ricochet" etwas aufgerieben. Rundherum wird bevorzugt im Schwebezustand, andächtig-getragen und sakral-mantrahaft mit Orgelgrundierung aber die Text-Ton-Schere geöffnet. Wie in der echten Welt ist auch in der Welt der Kunst alles sehr kompliziert - und voller Kontraste und Widersprüche.

Anohni: "Paradise"
(Rough Trade/Indigo)




Schlagwörter

Anohni, Pop, CDs

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-16 16:12:10
Letzte nderung am 2017-03-16 16:20:09




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