• vom 18.03.2017, 19:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Music

Von Hut bis Schuh




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Von Bruno Jaschke

  • Auf seinem dritten Album ,"Zum Fleiss", glänzt Benjamin Lenes alias Parkwächter Harlekin mit eigenwilligen Reimen zu elektronischem Backing - und mit einem Statement des Trotzes.

Gegen die Bedeutungslosigkeit: Parkwächter Harlekin legt ein intensives Album vor.

Gegen die Bedeutungslosigkeit: Parkwächter Harlekin legt ein intensives Album vor.© David Visnjic Gegen die Bedeutungslosigkeit: Parkwächter Harlekin legt ein intensives Album vor.© David Visnjic

"Ich bin auf der Hut bevor ich den Hut zieh, aber Hut ab / das hat von Hut bis Schuh Hand und Schuh / denn wir machen Nägel mit Hüten / und bewahren einen kühlen Hut / Nur nicht den Boden unter den Schuhen verlieren / und für ein Leben auf großem Schuh Hut und Kragen riskieren / Seit sie uns zu Schuhen liegen ist es uns zu Hut gestiegen / Und es rollen die Hüte derer, denen wir es in die Schuhe schieben."

Wenn Körperteile durch die Gegenstände ersetzt werden, die sie bedecken, kann dem Hörer schon ein wenig schwindlig werden. Solch kühne Wortspiele schüttelt Parkwächter Harlekin zu Dutzenden aus dem Ärmel.

Information

Parkwächter Harlekin
Zum Fleiss
(Problembär Records/Rough Trade)

Polierter Matsch

Da das leider zu wenige Leute wissen, trägt seine dritte Langspielplatte den (grammatikalisch leicht irritierenden) Titel "Zum Fleiss". Er ist ein Statement des Trotzes. "Trotz gegen das Desinteresse an meiner Musik, Trotz gegen die Bedeutungslosigkeit. Dem sich auf keiner Ebene außer der seelischen Notwendigkeit rechnenden Aufwand zum Trotz veröffentliche ich noch ein Album", sagt der Künstler, der mit bürgerlichem Namen Benjamin Lenes heißt, im Interview mit der "Wiener Zeitung". Lenes, 1983 in Bruck an der Mur geboren und seit 1985 im unhippen Baden wohnhaft, ist im weitesten Sinne dem Genre Hip-Hop zuzuordnen, obwohl in diesem Fall eigentlich die Definition seiner Plattenfirma Problembär Records ins Schwarze trifft: "Polierter Matsch und schlammiger Chrom, irgendwo zwischen kitschigem Pop und experimentellem Rap."

Parkwächter Harlekin hat viele Einflüsse. Große und gute Namen sind darunter - wie Clouddead, Why?, Serengeti, Saul Williams, Portishead, Mike Patton, Frank Zappa, Tom Waits, Raoul Sinier, Neuschnee oder Das Trojanische Pferd. Sie alle kann man heraushören: Why? etwa in der Mischung aus Rap und einem Gesang, der von den stimmlichen Fliehkräften umgetrieben scheint. Dem meist eher spartanischen, hin und wieder auch vertrackteren digitalen Backing scheint der Einfluss von Raoul Sinier nicht abträglich gewesen zu sein - und die Fähigkeit, Inhalte mit Reizworten zu markieren, ihren Sinn aber nicht widerstandslos preiszugeben, erinnert nicht zuletzt an Das Trojanische Pferd. Und doch ist und bleibt es, wie keine Sekunde zu verkennen ist, Parkwächter Harlekin.

Lenes, der schwesterlicherseits sehr früh mit Hip-Hop "angefixt" wurde und insbesondere dem individualistischen Label Anticon zugetan ist, betreibt neben seiner Musik zusammen mit der Elektronik- und Künstlergruppe theclosing sowie dem Slam-Poeten und Rapper Christopher Hütmannsberger aka Selbstlaut die Veranstaltungsreihe Wolkenvorhang. Sie bespielt hauptsächlich das Rhiz am Lerchenfelder Gürtel und hat der Left-Field- und Abstract-Hip-Hop-Szene in Wien eine Spielstätte gegeben. Solche Verdienste haben freilich ihren Preis: Die Fertigstellung von "Zum Fleiss" dauerte insgesamt vier Jahre. "Der Wolkenvorhang hat mir natürlich viel Zeit, Energie und Liebe gekostet, die ich wohl sonst in eigene Musik gesteckt hätte", erklärt Lenes, "aber so lang, wie’s dauert, dauert’s halt. Das Leben, der Wolkenvorhang, Arbeits- und Losigkeiten, Beziehungen und Trennungen. Der Problembär, der Markt und ich teilen uns dann noch ein bisschen die Verantwortung dafür, dass es wohl schon früher hätte öffentlich sein können. Aber generell kostet es einen Mann mit schwindendem Haaransatz und einer Teenager-Tochter dann wohl doch zu viel Zeit, sich im Kapitalismus über Wasser zu halten, als es der Kunst lieb wäre."

Im Eröffnungstrack und Titelsong ist die Rede von "Liebesliedern für künftige Schuldsprüche". Eine programmatische Einführung in das intensive, eigenwillige Album. "‚Zum Fleiss‘", sagt Lenes, "kann man wohl zumindest zum Teil dem guten alten Genre der Trennungsalben zuordnen. Die zukünftigen Schuldsprüche sind also die mir erfahrungsgemäß wohl noch bevorstehenden Trennungen in meinem Leben, welcher Art auch immer. Das bezieht sich sowohl auf meine eigene als auch die an anderen beobachtete Unfähigkeit in Zwischenmenschlichkeiten, z.B. die Unfähigkeit, selbst Verantwortung zu übernehmen, und die Unfähigkeit, sinnvoll zu kommunizieren. Letzteres ist ein großes Thema des Albums."

Live am 24. März im Wiener Rhiz





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Dokument erstellt am 2017-03-17 12:54:05
Letzte ─nderung am 2017-03-17 13:23:40




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