• vom 17.03.2017, 15:56 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 21.03.2017, 11:45 Uhr

CD-Besprechung

Buße tun? Abzug drücken!




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Von Andreas Rauschal

  • Depeche Mode veröffentlichen mit ihrem neuen Album "Spirit" einen späten Klassiker.

Unbehagen und Urteilsverkündung: Depeche Mode verzichten diesmal auf die Absolution.

Unbehagen und Urteilsverkündung: Depeche Mode verzichten diesmal auf die Absolution.© Anton Corbijn Unbehagen und Urteilsverkündung: Depeche Mode verzichten diesmal auf die Absolution.© Anton Corbijn

Nicht nur mit Nummer vier auf der Tracklist hätte man eigentlich nicht mehr gerechnet. "Scum" ist nichts weniger als der aggressivste Song von Depeche Mode seit rund zwanzig Jahren - und in seiner verqueren Erscheinung zwischen heftigen Distortion-Sounds und schön-schaurigen Synthesizern, die an die Scores von Horrormeister John Carpenter erinnern, ein Kleinod, das man nur lieben oder hassen kann.

Und auch die Botschaft weist eine Band aus, die es sich im 37. Jahr ihres Bestehens nicht - oder nach Jahren der Routine: nicht mehr - so einfach machen will. Chef-Songwriter Martin Gore wirft vernichtende Blicke auf einen Despoten, der sich am Ende seiner Existenz eine Waffe herbeisehnen wird. Gore, der seine oft den verbotenen Früchten geschuldeten Texte gerne dorthin treibt, wo die Protagonisten schmerzvoll-zerrissen wie katholisch-restschuldig Buße tun, schließt die Absolution diesmal aus. Die Empfehlung ist hart. Sie kommt als bitter skandierte Pointe daher: "Pull the trigger!"


Ursachenforschung
Die Stoßrichtung wurde bereits von der ersten Single "Where’s The Revolution" vorgegeben, für deren Video Regisseur Anton Corbijn Marx, Engels und Lenin als Gespenst umgehen ließ. Nicht völlig unähnlich und doch relativ anders als PJ Harvey geht es der zuletzt in den 80er Jahren - und auch damals nur sehr zwischendurch - politisch aufgefallenen Band nicht darum, ein politisches Album im herkömmlichen Sinn oder gar moralinsaure Fingerzeige zu liefern. "Spirit" nimmt den Geist einer Zeit auf, die nicht die beste ist, und lässt ihn als unbehagliches Grundgefühl durch die meisten der zwölf Songs spuken.

Während "Going Backwards" unsere moderne Welt in der Rückwärtsbewegung ("to a caveman mentality") skizziert, befindet man sich bei "The Worst Crime" bereits inmitten einer barbarischen Zukunft: "There’s a lynching in the square. You will have to join us."

Zu einer grundsätzlich ruhigen, endlich wieder von echtem Schlagzeug getragenen Song-Preziose, die von Strophe zu Strophe nachdrücklicher wird, kommt es zu retrospektiver Ursachenforschung ("Oh we had so much time / How could we commit the worst crime?"), die etwa bei einer Mischung aus "misguided leaders" und "uneducated readers" fündig wird. "Poorman" wiederum, das die Grundzüge eines Spirituals mit einer dampfenden Swamp-Blues-Gitarre und einem behäbigen Synthie-Arpeggio verbindet, springt in alter "Everything Counts"-Manier der industrieseitigen Gier an die Gurgel: "Corporations get the breaks / Keeping almost everything they make."

Depeche Mode haben - anders als 2013 auf "Delta Machine", wo mit "Soothe My Soul" ein diesbezüglicher Versuch als Selbstkarikatur daherkam - darauf verzichtet, so etwas wie einen Pop-Hit zu schreiben, und stattdessen auf ein Album gesetzt, das als geschlossener Zyklus funktioniert. Dieser betont die unterschiedlichen Schattierungen möglicher Grautöne: Der Bassgroove von "You Move" nähert sich an Hip-Hip-Formalismen an, bei "Cover Me" treffen Pedal-Steel-Gitarren zwischen David Lynch und Chris Isaak auf eine elektronische Coda, deren Marschrhythmus das Thema des Albums spiegelt, und an "Eternal", das 1986 auf dem "Black Celebration"-Album nicht negativ aufgefallen wäre, ist alles dystopisch. Mit einem Motorikbeat der Marke Neu! nimmt erst "So Much Love" Tempo auf, bevor am ehesten der bittersüße Elektropop von "No More (This Is The Last Time)" nostalgische Bedürfnisse stillt. Unterstützt von der Tourband um den österreichischen Schlagzeuger Christian Eigner, überrascht Sänger Dave Gahan mit einem Höhepunkt namens "Poison Heart" hingegen stilistisch und qualitativ.

Ein am Ende von Martin Gore gefälltes Urteil trifft auf "Spirit" nicht zu: "Our dignity has sailed. Oh, we’ve failed." Gemeinsam mit ihrem neuen Produzenten James Ford ist Depeche Mode ein später Klassiker gelungen.

Weitere CD-Besprechungen auf Seite 44 im "extra".




Schlagwörter

CD-Besprechung, Depeche Mode

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-17 16:00:12
Letzte nderung am 2017-03-21 11:45:05




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