• vom 20.03.2017, 12:36 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 20.03.2017, 12:48 Uhr

Nachruf

Der Kapitän tritt ab




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Von Andreas Rauschal

  • Er galt als einer der Mitbegründer des Rock ’n’ Roll. Zum Tod des US-Gitarristen und Songwriters Chuck Berry.

Mit dem Duckwalk zu den Sternen: Chuck Berry ist im Alter von 90 Jahren verstorben.

Mit dem Duckwalk zu den Sternen: Chuck Berry ist im Alter von 90 Jahren verstorben.

© Reuters, Santiago Ferrero

Mit dem Duckwalk zu den Sternen: Chuck Berry ist im Alter von 90 Jahren verstorben.

© Reuters, Santiago Ferrero

Der größte Hit von Chuck Berry - so hat es Keith Richards einmal im Spaß erzählt, und man muss den "Hit" hier wortwörtlich als "Schlag" aus dem Englischen übersetzen - sei jener gewesen, den er dem Rolling Stone verpasst hatte, als dieser sich unbeobachtet genug wähnte, um verbotenerweise auf der Gitarre des Altmeisters zu spielen. Keith Richards schilderte diesen Vorfall allerdings nicht gekränkt, sondern dankbar und stolz - alleine schon deshalb, weil er ihn schildern konnte. Hey, der Mann durfte sein altes Idol kennenlernen und so bestimmt mehr von den Begegnungen mitnehmen als nur einen "Hit". Spätestens als Keith Richards einem der Ur-Pioniere des Rock ’n’ Roll 1986 ein Tribute-Konzert zu dessen 60. Geburtstag ausrichtete, erinnerte man sich ja wieder daran, dass sich auf dem ersten Album der Rolling Stones nicht von ungefähr auch ein Chuck-Berry-Cover befand. Und wie hat es der in Hinblick auf den Meister gleichfalls covererfahrene John Lennon einmal formuliert? "If you tried to give rock and roll another name, you might call it Chuck Berry."

Mit Schmähparaden

Der am 18. Oktober 1926 als Charles Edward Anderson Berry in eine schwarze Mittelstandsfamilie in St. Louis, Missouri, geborene Gitarrist und Songwriter wiederum fand im Blues-Musiker T-Bone Walker ein frühes Vorbild. Bis Berry selbst "in lights", also im Rampenlicht stehen und eine Gitarre "just like a-ringing a bell" spielen sollte, wie er es 1958 in seinem Hit "Johnny B. Goode" semi-autobiografisch festhielt, gab es vor allem aber noch eines auszusitzen: Eine Phase in der sogenannten Besserungsanstalt, in die Berry wegen bewaffneten Raubüberfalls noch in seiner High-School-Zeit kam.

Nach seiner Entlassung hielt sich der Gitarrist zunächst mit Jobs über Wasser, gründete eine Familie und trat mit dem Johnnie Johnson Trio auf, mit dem er vor überwiegend afroamerikanischem Publikum neben dem Blues auch Country spielte und so einen Ruf als schwarzer Hillbilly erhielt. Der Durchbruch allerdings kam, nachdem er auf Anraten von Muddy Waters in Chicago bei Leonard Chess und dessen Label Chess Records vorstellig wurde. Dort gerieten die 1950er Jahre zu "seinem" Jahrzehnt: Nachdem Berrys Country-Vorliebe anfangs bei "Maybellene", einer Adaption des Westen-Swing-Haderns "Ida Red", durchschimmerte, markierten Songs wie "Rock And Roll Music" und vor allem "Roll Over Beethoven" bereits vom Titel her eine Zeitenwende.

Rock ’n’ Roll war nicht nur als Genre, sondern auch als Haltung geboren. Mit der Gitarre zwischen schludrigen Riffs und markanten Solos im Zentrum und Texten aus dem innersten Erfahrungsbereich des Teenager-Alltags ging es nicht zuletzt bei mit Schmähparaden angereicherten Auftritten im Sinne von Chuck Berrys "Duckwalk" um exzentrische Posen und eine Aura der Coolness, die man heute Swag nennen würde. Das war frisch und frech und neu und wurde im vom Nachkriegsmief umnebelten Schnitzelland im besten Fall als Tschinbumm-, im schlechtesten hingegen als Negermusik diffamiert. Bob Dylan hingegen nannte Chuck Berry den "Shakespeare of Rock ’n’ Roll", vermutlich, weil seine Songtexte sich nicht zuletzt durch Storytelling auszeichneten.

Neues Album 2017

Dass Chuck Berrys Karriere (noch) nicht Schiffbruch erlitt, als er 1962 nach Verstößen gegen den Mann Act für eineinhalb Jahre ins Gefängnis musste, lag dann bereits an den milchgesichtigen Epigonen aus Großbritannien: Die erwähnten Coverversionen durch die Rolling Stones oder die Beatles hielten das Publikumsinteresse an Berrys Person auch dann am Leben, als ab Mitte der 60er Jahre und nach einem temporären Wechsel zu Mercury Records keine Hits mehr von ihm erschienen. 1979 kam mit "Rock It" das bis heute letzte Album von Chuck Berry auf den Markt. Danach blieb der Mann mit der Kapitänsmütze bis zu seinen letzten Europakonzerten im Jahr 2008 noch als Bühnenkünstler aktiv, um mit spontan angemieteten lokalen Musikern als Begleitband und ohne Setlist oder gemeinsame Probenarbeit teils schwer an seinem Legenden-Status zu sägen.

An seinem 90. und letzten Geburtstag kündigte Berry völlig überraschend ein neues Studioalbum an. Es heißt "Chuck" und ist seiner Frau Themetta gewidmet, mit der er 68 Jahre lang verheiratet war. Seine Veröffentlichung durfte der Musiker nicht mehr erleben. Am Samstag wurde Chuck Berry tot in seinem Haus in Missouri gefunden. Der von ihm miterfundene Rock ’n’ Roll hingegen bleibt: "Johnny B. Goode" schwebt mit den Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 auch in Zukunft durch den Orbit.





Schlagwörter

Nachruf, Chuck Berry

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-20 12:42:05
Letzte nderung am 2017-03-20 12:48:48




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