• vom 04.04.2017, 16:45 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 05.04.2017, 11:25 Uhr

Ausstellung

Steno für den King




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Von Christina Böck

  • Das Jüdische Museum Wien erzählt die fabulöse Geschichte von Elvis Presleys Wiener Sekretärin.

Elvis Presley. mit Trude Forsher.

Elvis Presley. mit Trude Forsher.© Jüd. Museum Wien Elvis Presley. mit Trude Forsher.© Jüd. Museum Wien

Gregory Peck konnte man unter der Nummer GR29586 erreichen. Der stand nämlich im Adressbuch von Trude Forsher. Auch Frank Sinatra, Mia Farrow oder Christopher Plummer, von ihr familiär Chris abgekürzt. Was heute hollywoodaffine Gäste des Wiener Jüdischen Museums in Ehrfurcht erstarren lässt, war für Trude Forsher einst Alltag. Und jemanden in ihrer Position konnte Berühmtheit ohnehin nicht erschüttern. So ist das halt, wenn man Sekretärin des größten Megastars, den die Popkultur hervorbringen sollte, war: Trude Forsher (1920-2000) war die Sekretärin von Elvis Presley.

Eine kleine, aber feine Ausstellung rekapituliert nun das Leben dieser bemerkenswerten Frau. Und bringt ihre Geschichte wieder da hin, wo ihr Herz laut ihrem Sohn James immer geblieben ist: in ihre Heimatstadt Wien. Hier wurde sie als Trude Adler geboren. 1938 erlebte sie Hitler und die jubelnden Massen am Heldenplatz, am Tag darauf wurde ihr Vater verhaftet, sie selbst entging einer Vergewaltigung durch einen SS-Mann, indem sie ihn nüchtern davor warnte, dass er im Begriff sei, Rassenschande zu begehen. Ihr war klar, dass die Flucht aus Österreich unausweichlich ist.

Information

Trude & Elvis
Jüdisches Museum Wien
bis 12.11.

Jüdisches Show-Netzwerk

Sie schaffte es, als Haushälterin in England einen Job zu bekommen, in London hatte sie wechselnde Dienststellen, dazwischen lebte sie auf der Straße. In der Schau hängt ihr Gasmasken-Bezugsschein, Größe: Medium. Von London übersiedelte Trude Adler nach New York, wo sie Bruno Forsher, den sie aus Wien kannte, heiratete. Sie kam auch in Kontakt mit ihren Verwandten Jean und Julian Aberbach, die den Musikverlag "Hill and Range" führten, bei dem fast alle Komponisten von Elvis Presley unter Vertrag waren. Über diese Rutsche gelangte sie an Colonel Tom Parker, den berüchtigten Manager von Elvis Presley, der erkannte, dass sie für ihn von Nutzen im jüdischen Netzwerk der Entertainment-Industrie sein könnte. Eine Videocollage der Ausstellung zeigt, dass sowohl Freunde als auch enge Mitarbeiter Presleys Juden waren: Etwa die Liedtexter Ben Weisman und Mort Shuman und der Filmproduzent Hal Wallis, seine Anzüge kaufte Elvis bei den Lansky Brothers. Für einen jungen Mann aus den Südstaaten der USA in den 1950ern, in denen der Ku Klux Klan sein Unwesen trieb, keine Selbstverständlichkeit, wie Kurator Marcus Patka betonte.

So wurde Trude Forsher im Jahr 1956 Elvis Presleys Privatsekretärin. In Ausschnitten aus einer TV-Doku, die zu Elvis’ 40. Todestag im Sommer im ORF ausgestrahlt wird, erzählt sie, wie der junge Elvis sie bat, ihm für seinen G.I.-Deutschlandaufenthalt ein paar Brocken der Sprache beizubringen: "Er lernte immer ein Wort und sagte dann ,Danke‘." Auf dem Bildschirm um die Ecke flirtet Elvis mit einer Kasperl-Gretel und singt "Muss i denn". Dazwischen liegt neben anderen Memorabilia ein besonders hinreißendes Exponat: eine Mausefalle mit Fake-Beute, mit der Elvis versucht hat, Trude zu erschrecken.

So glamourös das Berufsleben - Trude war Werbe-Koordinatorin und für die ansteigende Fanpost zuständig -, so ernüchternd das Privatleben: Ehemann Bruno war eifersüchtig auf Trudes Arbeitgeber, und als sie eines Abends mit den Kindern von einer Studioparty nach Hause kommt, ist das Haus leergeräumt und der Mann weg. Sie lässt sich scheiden, was sie den Job bei Presley kostet: Es ist 1960, eine Scheidung ist ein Skandal, damit kann die Marke Elvis nicht beschmutzt werden, entscheidet der Colonel.

Produzenten-Pionierin

Schon ein Jahr später gründet sie mit Adolphe Zukor II., dem Enkel des legendären Filmproduzenten, eine TV-Produktionsfirma und beweist wieder, wie mühelos fortschrittlich sie ist. Denn zu jenem Zeitpunkt gibt es keine andere Frau in einer solchen Position. Ein finanzieller Kampf war es freilich immer als geschiedene alleinerziehende Mutter, erzählt Sohn James Forsher im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Gerade deswegen setzte sie sich in späteren Zeiten für geschiedene Frauen, die keine Alimente bekommen, ein.

Nur in einer Kategorie war seine Mutter nicht furchtlos, so James Forsher: "Sie hatte Angst, Auto zu fahren. Sie fuhr nie mehr als 20 Stundenkilometer. Man konnte ihr Auto von weitem sehen, mit den vielen Autos hinter ihr." Ein bisschen mehr von seinem Humor hätte auch der übersichtlichen, aber mitunter überseriösen Schau gutgetan. Nichtsdestotrotz ist dem Jüdischen Museum dafür zu danken, dass diese fabelhafte Lebensgeschichte erzählt wird. Von diesem, wie Elvis sie nannte: "great gal", diesem tollen Mädchen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-04 16:51:05
Letzte nderung am 2017-04-05 11:25:45




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