• vom 12.04.2017, 15:59 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 03.05.2017, 15:21 Uhr

neues Album

Chinesien mit Gnackwatsche




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Von Andreas Rauschal

  • Die New Yorker Vintage-Instrumentalband El Michels Affair widmet sich wieder dem Wu-Tang Clan.

Leon Michels , bevorzugt im Hintergrund aktiv, kehrt mit seiner El Michels Affair zurück.

Leon Michels , bevorzugt im Hintergrund aktiv, kehrt mit seiner El Michels Affair zurück.© Emilia Ruiz-Michels Leon Michels , bevorzugt im Hintergrund aktiv, kehrt mit seiner El Michels Affair zurück.© Emilia Ruiz-Michels

Früher einmal, wenn man sich am Wochenende vielleicht doch schon etwas an Filmen mit Hans Moser, dem alten Ur-Wiener ur Wutbürger, Louis de Funès, dem schrullig-unrunden Aufpudel-Franzosen, oder dem rüden Tschinbumm- und Radaubrüder-Duo Bud Spencer und Terence Hill sattgesehen hatte, gab es eventuell einen Freund, dessen Videokassettensammlung ein wenig Abwechslung zum Angebot von FS1 versprach. Umschalten auf "Wer will mich?" oder den "Seniorenclub", ein Buch lesen oder spazieren gehen war damals ja auch keine Lösung.

Kampf als Kunst
Man sah dann in fernen, irgendwie aber trotzdem an Winnetous in Exjugoslawien beheimateten Wilden Westen erinnernden Waldlandschaften oder in gefährlichen Hinterhöfen im echten Chinesien Männer mit seltsamen Bademänteln und langen, von der Oberlippe in Richtung Boden hängenden Schnursprungbärten, die sich erheblich flinker, wendiger und weniger bärbeißig als der dicke Bud Spencer zwar auch verprügelten, den Kampf aber zur Kunst erhoben. Das klang relativ ähnlich, weil in den Studios vermutlich die gleichen Gnackwatschen-Einspieler verwendet wurden: "Zack, tusch, prack!" Handlungstechnisch erwies sich der Asiate schon bei dieser Erstbegegnung allerdings als nicht nur vergleichsweise philosophisch. "Es reicht, du bist verwundet. Wir sollten unseren Kampf abbrechen." Nach so einem Satz suchst du in "Gott vergibt . . . Django nie!" oder "Vier Fäuste gegen Rio" vergeblich.


So ein VHS-Wochenende jedenfalls inspirierte neben kleinen Buben und späteren Männern vor allem kleine Buben und spätere Männer. Noch vor Quentin Tarantinos Martial-Arts-Wiedergang "Kill Bill - Volume 1" etwa berief sich in New York mit dem Wu-Tang Clan eine der einflussreichsten Hip-Hop-Bewegungen ihrer Zeit nicht von ungefähr auf mythisch umnebelte Shaolin-Kampfkunst beziehungsweise auf deren Darstellung im Genrefilm. Der Clan um Mastermind RZA zementierte diesen Einschlag bereits mit seinem an den Film "The 36th Chamber Of The Shaolin" von 1978 angelehnten Debütalbum "Enter The Wu-Tang (36 Chambers)" im Jahr 1993.

Rund eineinhalb Jahrzehnte später wiederum fühlte sich der auf Vintage- und Retro-Instrumental-Soul und -Funk spezialisierte und etwa auch mit einer Hommage an Isaac Hayes vorstellig gewordene New Yorker Produzent und Musiker Leon Michels mit seinem Kollektiv El Michels Affair dazu berufen, den Clan mit dem Album "Enter The 37th Chamber" neu zu interpretieren - was gleich auch zu gemeinsamen Auftritten führte. Und wenn der Chef gerade nicht mit den Black Keys oder Sharon Jones und ihren Dap Kings auf Tour ging oder an der Albumproduktion von Namen wie Aloe Blacc und Lana Del Rey beteiligt war, hielt er sich als Mitbegründer der Labels Truth & Soul und Big Crown Records als Fädenzieher im Hintergrund gut beschäftigt.

Zum Kopfnicken
Mit "The Return To The 37th Chamber" (Big Crown Records/Groove Attack) setzt die El Michels Affair ihre Abarbeitung am Wu-Tang Clan (und am Schaffen seiner einzelnen Mitglieder) nun sozusagen als Sequel fort. Hübsche, durchaus zum Kopfnicken ladende Breakbeats, schmirgelnde (Hammond-)Orgeln und nicht zuletzt zentrale Bläsersätze sorgen neben asiatischen Leihbeigaben und Wah-Wah-, Fuzz- und Tremologitarren in meist unter drei Minuten bleibenden Miniaturen für teils psychedelische und immer filmische Breitenwirkung im Wohnzimmer. Die zweieinhalb mit Labelkollegen wie Lady Wray und vor allem dem Deep-Soul-Meister Lee Fields unternommenen Versuche, sich auch in Richtung Songwriting zu bewegen, mögen auf halbem Weg stecken bleiben. Allerdings ist es bekanntlich schon für sich ein Ereignis, wenn Fields seine Jahrhundertstimme nachdrücklich-leidend mit nur wenigen Textzeilen zum Einsatz bringt. Dann heißt es nicht "Zack, tusch, prack" im Kampfmodus, sondern waidwund in Richtung K. o. zielend "Ooh-oooooh!". Runde Sache.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-12 16:03:06
Letzte ─nderung am 2017-05-03 15:21:05




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