• vom 17.04.2017, 10:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Literatur

Kein Weg führt aus dem Dorf heraus




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Von Bruno Jaschke

  • In "Out Demons Out" will Walter Kohl dem englischen Musiker Edgar Broughton ein Denkmal errichten und bleibt dabei Gefangener seiner eigenen provinziellen Geschichte.

Underground-Star Edgar Broughton (li.) mit seiner Band in den 70er Jahren. - © GAB Archive/Getty Images

Underground-Star Edgar Broughton (li.) mit seiner Band in den 70er Jahren. © GAB Archive/Getty Images



Am Anfang steht eine bier- und rührselige Szene: In einem Partyzelt in Oberösterreich sitzen Charly und sein Bruder zusammen und reden nach Jahren der Entfremdung wieder miteinander. Reden um ihr Leben, wie es an dieser Stelle heißt. Der Anlass, der sie zusammengeführt hat, ist ein Privatkonzert des britischen Sängers, Gitarristen und Songschreibers Edgar Broughton.

Edgar Broughton, 1947 in englischen Warwick geboren, war mit seiner schlicht nach ihm benannten Band Anfang der 70er Jahre so etwas wie ein Underground-Star.

Information

Walter Kohl

Out Demons Out

Ein Roman über die Edgar Broughton Band. Picus Verlag, Wien 2017, 269 Seiten, 24,- Euro.

Walter Kohl präsentiert "Out Demons Out" am 20. April um 19.30 Uhr im Tunnel Vienna live in der Florianigasse 39, 1080 Wien. Edgar Broughton wird höchstpersönlich anwesend sein und ein paar Songs spielen.

Kapitalismus-Kritik

Vor allem Kreise, die auf "politisches Bewusstsein" hielten, schätzten die bissige Kapitalismus-Kritik, die der mit wilder Struppelmähne und üppigem Backenbart wie ein ausgefreakter Rowdy aussehende Broughton mit rauer, höhnender, bisweilen unheilvoll grollender Stimme zu räudigen Blues-/Hardrock- und später auch subtileren Folk-Arrangements vortrug. Sein sarkastisches "American Boy Soldier" ist einer der nachhaltigsten Anti-Kriegs-Songs dieser Zeit. Mit der Mitsing-und -klatsch-Hymne "Out Demons Out", die dem Buch den Titel gibt, schuf Broughton überdies einen dieser fundamentalen Slogan-Songs, wie es auch John Lennons "Give Peace A Chance" oder Edwins Starr’ "War" sind.

Für den halbwüchsigen Charly und seinen jüngeren Bruder - dieser bleibt übrigens ebenso namenlos wie der Vater, der nur "der Maurer" genannt wird - ist die Musik der Edgar Broughton Band die Droge, die sie die oberösterreichische Provinz ertragen lässt und zugleich auch der Hochsitz für den Blick über diese hinaus. Es wird allerdings beim Blick bleiben.

Jahrzehnte später trifft Charly, Journalist in einer bürgerlich-konservativen Zeitung, Schriftsteller und Familienvater, Broughton in England. Nach mehreren langen Gesprächen engagiert er das Idol seiner Jugend für eines jener sogenannten "A Fair Day’s Pay For A Fair Day’s Work"-Konzerte, die Broughton (nach einmaliger Edgar-Broughton-Band-Reunion-Tour 2006) heute solo mit Akustikgitarre gibt: Gegen ein Entgelt, dessen Höhe am beruflichen Tagesverdienst seines Auftraggebers bemessen ist, tritt der Sänger in privatem Rahmen - Wohnzimmer, Grillfeste etc. - auf. So kommt Broughton zu Charlies "gepflegtem Einfamilienhausgärtchen im Hügelland nördlich von Linz", spielt und initiiert damit einen bis in die Morgenstunden dauernden Erinnerungsaustausch bei Gras, Cognac und Bier.

Nachkriegszeit

Ursprünglich war es Charlies Plan, eine Biographie Edgar Broughtons und seiner Band zu schreiben. Und das war in diesem bekennerhaft-autobiographischen Buch wohl auch die Absicht des Autors Walter Kohl. Der Plan wird nicht realisiert, nicht nur weil der heute bartlose, über der Stirn kahle und von der Helden-Saga der Rockmusik mehr oder weniger vergessene/übersehene Broughton Skepsis über diese Idee spüren lässt, sondern auch weil der, der seine Geschichte schreiben will, Größeres mit ihm vorhat als "sich chronologisch durch die Karriere der Band zu hangeln, Alben, Tourneen und wichtige Konzerte der Reihe nach aufzulisten, alte Freunde, Fans und Weggefährten zu befragen, frühere Interviews auszuschlachten und einen Haufen bekannte und ein paar nie veröffentlichte Fotos dazuzupacken".

Stattdessen will er nichts weniger als einen "Roman über die Edgar Broughton Band" schreiben, als der das Buch letztendlich firmiert.

Das Problem dabei ist das kleinbürgerliche, katholische, vom Schuldbewusstsein und Verdrängen der Vätergeneration erdrückte Oberösterreich der Nachkriegszeit, das weder Charly noch den Autor aus den Klauen lässt. Was Kohl den Protagonisten über seine Literatur sagen lässt, beschreibt auch dieses Buch: "Ich bin nie weggekommen von diesem Dorfelend, alles, was ich schreibe, ist bloß ein Jammern über die Schlechtigkeit, ein Beschreiben der miesen Umstände, in die ich durch den Zufall des Geborenwerdens hineingeraten bin."

Das Defizit also durchaus klar sehend, sucht Kohl nun das Heil in der wechselseitigen Durchdringung seiner und Broughtons Lebensgeschichte. Das allerdings geht sich, so offensichtlich alibihaft, überhaupt nicht aus. Nicht, dass das Buch nicht phasenweise interessant zu lesen wäre: Es ist ein recht akzeptables Musiker-Porträt, es gibt auch eine akzeptable Sozial- und Kulturgeschichte des ländlichen Oberösterreich der Nachkriegszeit ab - nur was es zu sein behauptet, ein Roman, ist es halt nicht.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-13 17:00:13
Letzte nderung am 2017-04-13 17:20:29




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