• vom 03.05.2017, 16:20 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 03.05.2017, 16:29 Uhr

Opernkritik

Meister und Marter




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Von Christoph Irrgeher

  • Henzes "Elegie für junge Liebende": Ein Kunst-Thriller, mustergültig inszeniert und musiziert im Theater an der Wien.

Weiche Schale, harter Ego-Kern: Johan Reuter als Dichterfürst Gregor Mittenhofer.

Weiche Schale, harter Ego-Kern: Johan Reuter als Dichterfürst Gregor Mittenhofer.© Werner Kmetitsch Weiche Schale, harter Ego-Kern: Johan Reuter als Dichterfürst Gregor Mittenhofer.© Werner Kmetitsch

Natürlich gibt es härtere Jobs. Kanalräumer zum Beispiel. Oder Bomben-Entschärfer. Dennoch: Die Arbeit eines Meisterdichters ist auch nicht ohne. Erstens hat er weder Stechuhr noch Chef, um Dienst von Freizeit zu unterscheiden - wobei sich Inspiration ohnedies meist im privaten Augenblick einstellt. Zweitens will der Meisterdichter von heute nicht der "Was wurde eigentlich aus?" von morgen sein. Sondern weiterhin Meister. Dafür heißt es, entsprechend genial in die Tasten zu hauen.

Melkkuh der Inspiration

Information

Oper

Elegie für junge Liebende

Von Hans Werner Henze

Theater an der Wien (01/58885)

Wh.: 4., 7., 9. und 11. Mai

Gregor Mittenhofer, fiktiver Dichterfürst aus Hans Werner Henzes Oper "Elegie für junge Liebende", bewältigt diese Belastungen radikal - indem er sich in ein totales Scheusal verwandelt hat. Mittenhofer ehrt keinen Dichtergott außer sich selbst, und er hegt allenfalls Geringschätzung für seinen Künstlerhofstaat. Als da wären: Ein Arzt für Wehwehchen, eine junge Dame für Pläsierchen sowie eine Sekretärin als Vorzimmerdrache und Blitzableiter. Und dann ist da noch eine Art Melkkuh der Inspiration: eine Witwe, deren Mann vor 40 Jahren in den Bergen starb. Seither haust Hilda Mack im nahen Dorf und will dieses Trauma verdauen, würgt es immer wieder hoch zu wilden Wortlawinen.

Diese Gesänge mag der Meister, er zückt dann alert den Notizblock. Das Blöde nur: Beim aktuellen Aufenthalt in den Bergen spuckt ihm die Realität in die Suppe. Der Gletscher gibt nämlich besagte Leiche frei - und entlässt Frau Mack aus den Fesseln des Traumas. Die pfeift dem Dichter daraufhin was und macht sich als lebenslustige Alte davon. Für Mittenhofer heißt es nun, einen neuen Inspirationswirt zu finden. Das Glück ist ihm dabei durchaus hold. Wobei: Der Gefühlsverwerter ohne Skrupel wird für seine "Elegie für junge Liebende" über Leichen gehen.

Hans Werner Henze, Zentralgestalt der deutschen Tonsetzer nach dem Krieg, hat die gleichnamige Oper 1961 verfasst. Die Librettisten haben dafür ganze Arbeit geleistet: Wystan Hugh Auden und Chester Kallman lieferten mit dem Textbuch nicht nur eine solide Basis für eine Kammeroper, sondern einen veritablen Psychothriller. Dieser lebt einerseits, aber nicht nur von dem Kunst-Totalitaristen: Rund um dieses Epizentrum entspinnt sich ein Beziehungsgeflecht aus Mitläufern, Nutznießern und Lästerern. Zwar stimmt es: Hier und da steigt der dreistündige Abend auf die Spannungsbremse, macht zu viele Worte oder pfercht die Sänger zu - Achtung, Kunst! - gestelzten Gruppengesängen zusammen. Dennoch: Henzes "Elegie" ist eine Fundgrube für Regisseure, die sich auf die Inbetriebnahme einer psychologischen Feinmechanik verstehen.

Keith Warner ist ein solcher und hat die Oper im Theater an der Wien inszeniert. Das Ergebnis: ein mustergültiger Abend in Idealbesetzung. Johan Reuter mimt den Dichterfürsten: ein Mann mit weicher Künstlerschale und hartem Ego-Kern, mit einer Stimme für gaumige Genussklänge und brettharte Befehle. Gewiss, mancher Spitzenton bringt Reuter ins Schwanken; schauspielerisch ist er jedoch immer auf der Höhe einer empfindsamen Grausamkeit. Martin Winkler arbeitet ihm als Leibarzt zu - ein volltönender Schleimer mit Zwei-Haare-links-ein-Haar-rechts-Frisur. Ebenso wohl gelitten ist anfangs besagte Hilda Mack - in Gestalt von Laura Aikin ein Gemisch aus Elektra-Tragik und Boulevard-Clownerie, das sich in Koloraturblitzen entlädt. Angelika Kirchschlager wiederum stolziert als Gouvernante mit satten Alttönen durch die Szene: An die Zornschübe ihres Herrn gewöhnt, ist diese Sekretärin zu einer Machtparasitin und Mittäterin geworden. Die Liebe, die sich zwischen der jungen Dichter-Mätresse und dem Arztsohn anbahnt, sie darf nicht sein! Der Dichter hat diese Romanze aber längst als Energiequelle angezapft und beginnt, sie zu modellieren. Umso inspirierender für ihn, dass das Duo (Paul Schweinester und die furiose Anna Lucia Richter) bald am Berg in die Klemme gerät. Der Impresario vereitelt die Rettung aus dem Sturm - und vollendet mit kreativem Rückenwind die "Elegie für junge Liebende".

Fulminante Bühne

Bühnenbildnerin Es Devlin bringt diese Schreibtischtäter-Geschichte grandios zur Geltung: Was auf Mittenhofers Arbeitsfläche steht - eine Lampe, eine Schreibmaschine, Bücherstapel -, das prangt zugleich gigantisch vergrößert im Raum. Dort dreht es sich wie ein unentrinnbarer Kreisverkehr und verwandelt sich allmählich in die Orte der Handlung. Zuletzt wird dann auch auf dem vergrößerten Tisch gestorben - genau da also, wo der Dichter diesen Tod erdacht hat. Es sucht seinesgleichen, wie klug und detailsinnig Devlin ihre Symbolik auf die Handlung abstimmt.

Außergewöhnlich auch die Leistung der Wiener Symphoniker. Gewiss: Henzes Musik ist fahrig, sie schwirrt zwischen Harmonie und Dissonanz und irrlichtert im Orchestergraben fortwährend zwischen Zupf-Gitarre, Wummer-Perkussion, schlierigen Streichern und eruptivem Blech hin und her. Diese Kleinteiligkeit aber wird wohltuend von weiten Vokallinien überspannt, vor allem sorgt Marc Albrecht am Pult für eine pulsierende Sinnlichkeit, die den Druck und Drive der Partitur freisetzt. Einhelliger Jubel für ein Opern-Highlight des Jahres.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-03 16:24:06
Letzte ńnderung am 2017-05-03 16:29:44




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