• vom 10.05.2017, 16:24 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 10.05.2017, 16:36 Uhr

neues Album

Hudeln verboten




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Die britische Band Slowdive veröffentlicht ihr erstes Album seit 22 Jahren. Ein Glücksfall.

Versöhnliche Wiederkehr: Die Shoegazer von Slowdive baden wieder im Hall.

Versöhnliche Wiederkehr: Die Shoegazer von Slowdive baden wieder im Hall.© Ingrid Pop Versöhnliche Wiederkehr: Die Shoegazer von Slowdive baden wieder im Hall.© Ingrid Pop

Mit dem Älterwerden kommt nicht zuletzt die Erkenntnis, dass die Zeit im Allgemeinen deutlich zu schnell vergeht - sofern man nicht gerade bei der Vorsorgeuntersuchung den Arzt beobachtet, wie er sich in aller Ruhe den Gummihandschuh überzieht, oder man in einem ausgebuchten Großraumwagen der ÖBB Menschen vor der Matura bei Gesprächen erlebt, die auch nicht schlauer geworden sind, seit man sie selber geführt hat.

Späte Gerechtigkeit

Sieht man sich aber Fotos von früher an - früher ist doch eigentlich noch gar nicht so lange her?! - oder schaut man sich nach einer schlaflosen Nacht einfach nur in den Spiegel, bekommt man es gelegentlich mit der Angst zu tun. Zeit scheint, anders als vor der Matura angenommen, doch nicht im Überfluss vorhanden zu sein. Achtung, Gefahr durch Wissensgewinn! Dramatische Verjüngungskuren sind jetzt nicht mehr ausgeschlossen. Sie sorgen für graue Haare beim Bankberater (der Überziehungsrahmen!) und entsetzte Blicke im Club (der Tanzstil von nach dem Krieg!) - oder sie führen direkt zur Scheidung. Manchmal aber wird so auch ein neuer Produktivitätsschub angestoßen. Gerade Künstler sollten angesichts ihrer leiblichen Endlichkeit ja etwas dagegen haben, von der Nachwelt vergessen zu werden.

Das in Sachen Zeitwahrnehmung immer schon etwas spezielle Shoegazing-"Genre" hat uns gerade aus der rückblickenden Perspektive im Jahr 2017 diesbezüglich auch etwas zu sagen. Immerhin entzog sich diese Schöpfung der späten 80er Jahre im Bekenntnis zum Anhalten der Zeit unter Beigabe einer verdrogt-psychedelischen Lebensauffassung nicht nur ästhetisch schon immer jeder Eile (außer jener mit Weile). Das entsprechende Slackertum führte nicht zuletzt auch zu Karrieren im Sinne einer Verweigerungshaltung, die bedeutete, dass Vertreter wie My Bloody Valentine 2013 mit der Machtdemonstration "MBV" ihr erstes Album seit 1991 veröffentlicht haben und es erst heuer im März auch The Jesus And Mary Chain für Wert befanden, ihrem Album "Munki" von 1998 einen Nachfolger zur Seite zu stellen.

Für weitere zentrale Shoegazer scheint sich derzeit ohnehin ein verspätetes Happy End abzuzeichnen: Die seit 2014 live wiedervereinte, bereits vom Namen her definitiv nicht auf Hudeln programmierte britische Band Slowdive hatte es in ihrer ersten Phase mit drei zwischen 1991 und 1995 veröffentlichten Meisterwerken unter Kritikern vor allem im direkten Vergleich eher schwer - was auch mit ihrem verspäteten Auftauchen zur Zeit des sich anbahnenden Britpop zusammenhing. Aktuell erfährt neben dem Debüt "Just For A Day" und dem von zwei Kollaborationen mit Brian Eno gekennzeichneten Höhepunkt "Souvlaki" auch der einstige Karriere-Sargnagel späte Gerechtigkeit - "Pygmalion" wurde von der Plattenfirma als dezidiertes Popalbum gewünscht, worauf Slowdive mit einer atmosphärischen Arbeit ohne Hitanspruch reagierten.

Hall, Hall, Hall

Der jetzt nach 22-jähriger Trennung nachgereichte, selbstbewusst selbstbetitelte vierte Streich
(Dead Oceans/Trost) macht es der Hörerschaft von Anfang an relativ leicht, ins Schwärmen zu geraten. Die acht neuen Stücke erklären während rund 45 einnehmender Spielminuten mit einer Extraportion vom guten alten Hall, Hall, Hall bei gelegentlichen Momenten der Melancholie in all der Tagträumerei, dass sie letztlich doch eines wollen: Sie wollen erhaben hin ins Erhebende. Der betont andächtige, gleichfalls mit Hall, Hall, Hall belegte und auch insofern kathedralisch wirkende, Kirchenliedern nicht unähnliche Gesang der Mann-Frau-Doppelspitze aus Mastermind Neil Halstead und Rachel Goswell erlaubt sich hier einen Streich mit allfälligen Spöttern und Zweiflern, wie man ihn auf ähnliche Weise nur von der US-Band Low kennt: Er zwingt auch Agnostiker förmlich zur Andacht.

In jedem Fall lädt er zum Innehalten ein und lässt, säkular betrachtet, bei Stücken wie dem überraschend beschleunigten "Star Roving", dem himmelwärts fahrenden "Don’t Know Why" oder der Klavierkontemplation "Falling Ashes" alles Sehnsucht sein. Das ist würdig und recht.





Schlagwörter

neues Album, Slowdive

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-05-10 16:30:06
Letzte ─nderung am 2017-05-10 16:36:38




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kurz besucht Berlin - "taz" kommentiert mit Biss
  2. Stimme schonen mit Charme
  3. Die Schauspielerin, die zigtausende Anleger betrog
  4. Das göttliche Genom
  5. Trump verteilt "Fake News Awards"
Meistkommentiert
  1. Pandoras Übersetzungswerkstatt
  2. Kurz besucht Berlin - "taz" kommentiert mit Biss
  3. "Wir sind ein dummes, gewalttätiges Land"
  4. "Klassische Musik ist ein Fake"
  5. Das Mittelmaß des Wahnsinns


Quiz


Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer.

Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede Ein Gruppenfoto der PreisträgerInnen.

CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey, Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte.


Werbung


Werbung