• vom 18.05.2017, 15:57 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 19.05.2017, 12:00 Uhr

Albumkritik

Ein Tusch der Erlösung




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Von Andreas Rauschal

  • "No Shape": Perfume Genius und sein neues Album zwischen Kunstlied und Gefühlsmusik.

Operation am offenen Herzen: Mike Hadreas alias Perfume Genius.

Operation am offenen Herzen: Mike Hadreas alias Perfume Genius.© Matador Records Operation am offenen Herzen: Mike Hadreas alias Perfume Genius.© Matador Records

Einem überschaubaren Publikum bekannt wurde der Mann mit zwei Veröffentlichungen bereits in den Jahren 2010 und 2012. Auf den Alben "Learning" und "Put Your Back N 2 It" lieferte der 1981 als Nachkomme griechischer Vorfahren in Seattle geborene Musiker Mike Hadreas unter seinem Alias Perfume Genius hinter zugezogenen Vorhängen bei Kerzenschein eingespielte Klavierballaden zwischen brüchigem (Falsett-)
Gesang und etwas atmosphärischem Zierrat.

Mit Rettungsreifen
Die Ergebnisse vertrauten vor allem auf ein Alleinstellungsmerkmal: In Form kleiner introspektiver Studien gab diese große Schmerzenskunst der unbedingten Veräußerung mindestens alles an Gefühlen und Ängsten in einer Offenheit preis, der man nicht zuletzt in Zeiten der Selbstoptimierung, der Souveränität und vor allem der Behauptung der Letzteren nur mehr selten begegnet. Perfume Genius transzendierte in seinen Songs nicht nur die Erfahrungen mit einer Suchtkrankheit sowie sein Leiden an Morbus Crohn, er verarztete so auch alte Traumata, die sich etwa daraus ergaben, aufgrund der früh entdeckten Homosexualität einst in der Schule wiederholt verdroschen worden zu sein. Dazu kam ein grundsätzliches Hadern mit dem eigenen Körper, das die alte Wechselwirkung zwischen Physis und Psyche sehr zum Ungemach unseres (Anti-)
Helden in aller Durchschlagskraft demonstrierte.


Weil Kunst nun bekanntlich Selbstheilungskräfte freizusetzen imstande ist und im Optimalfall Katharsis ermöglicht, durfte man 2014 erleben, wie Perfume Genius mit dem dritten Streich "Too Bright" über etwas mehr Pop und die Verbreiterung seines Sounds hin zum Experiment auch zur Wut als Ausdrucksmittel fand - und damit einen Gegenangriff initiierte, der ihm prompt zu einem merkbaren Mehr an Aufmerksamkeit verhalf. Und wiederum zweieinhalb Jahre später hört man auf dem aktuellen Album "No Shape" (Matador) beinahe diverse Happy Ends, auch wenn diese, wie im Song "Wreath", darin bestehen, frei von (körperlichen) Beschwerden über dem eigenen Grab zu schweben. Meistens wird Hadreas dann aber eh noch im Diesseits ein Rettungsreifen zugeworfen, der - wie im Fall des als Echo allen Haders oder, im Sound, der klassischen (Kirchen-)Musik durch den Hallraum geisternden Abschlussstücks "Alan" - beispielsweise im eigenen Lebenspartner besteht. "Did you notice/We sleep through the night?/Did you notice babe/Every-thing’s alright?"

Das Bekenntnis zum Aufbruch wurde zuvor schon mit der Auftaktsingle "Slip Away" gegeben, deren Text uns daran erinnert, dass der erste "Hit" von Perfume Genius vielleicht nicht von ungefähr einst den Titel "Queen" verliehen bekam: "Don’t hold back, I want to break free." Musikalisch wird der Befreiungsschlag wiederum bei "Otherside" dergestalt collagiert, dass die fragile Akkordzerlegung am Hallklavier noch ein Echo der ersten Alben verkörpert, ehe die Erlösung sprichwörtlich mit Pauken und Trompeten und einem gehörigen Tusch daherkommt - und Perfume Genius einen veritablen Überwältigungsmoment in die Welt entlässt, um sich hörbar auch für hymnische Passagen zu öffnen.

So scheinbar leicht ihm das Songwriting aktuell von der Hand gehen dürfte, so vielgesichtig ist das ästhetische Feld, das hier zwischen intellektuellem Kunstlied und absoluter Gefühlsmusik erschlossen wird. Immerhin liegen zwischen Albumhöhepunkten wie "Valley" mit seiner im Walzertakt angeschlagenen Akustikgitarre, seinen Streicher-Pizzicatos und der zentralen Frage "How long must we live right/Before we don’t even have to try?" im Mittelpunkt, dem semisynthetischen Kitsch von "Just Like Love", dem digitalen R&B von "Die 4 You" mit Hadreas als Prince 2.0 oder der Opulenz des Zweipersonenstücks "Sides" mit Natalie Mering alias Weyes Blood Welten - bevor es bei "Run Me Through" subtropisch mit Beserlschlagzeug, Fender Rhodes und frei flottierenden Flöten ins Finale geht.

Live in Wien erleben kann man Perfume Genius am 21. August in der Wiener Arena. Zu erwarten ist nichts weniger als eine Operation am offenen Herzen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-18 16:03:12
Letzte nderung am 2017-05-19 12:00:05




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