• vom 12.06.2017, 12:09 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 12.06.2017, 14:49 Uhr

Popkonzert

Die Konferenz der Vögel




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Von Andreas Rauschal

  • Die britische Band Coldplay gastierte in Wien. Mehr als 50.000 Fans waren begeistert.

Mimimimi und Euphorie: Chris Martin und seine Band Coldplay bei ihrer "Head full of Dreams-Tour". - © Mark Metcalfe/WireImage/Getty

Mimimimi und Euphorie: Chris Martin und seine Band Coldplay bei ihrer "Head full of Dreams-Tour". © Mark Metcalfe/WireImage/Getty

Wann genau Coldplay zu den größeren Pop-Problembären auf dem Heimatplaneten geworden sind, ist Gegenstand von Diskussionen. Die einen sagen, zur Zeit endgültig schlechter Mainstream-Alben wie "Mylo Xyloto" von 2011, die anderen: bei ihrer Gründung. Immerhin erlebt man Chris Martin und seine Band auch vor mehr als 50.000 zwecks drastisch-bunter Blink-Blink-Effekte mit ferngesteuerten Leuchtarmbändern bestückten Besuchern am Sonntag im Wiener-Ernst-Happel-Stadion nicht nur dabei, wie sie mit pathetisch-kitschigem und emotional überfrachtetem Überwältigungspop hin zum Happy End drängen, nachdem es zuvor mit wehleidigen Balladen am anderen Ende des Spektrums noch darum ging, "mimimimi" zu machen. Über den diesbezüglichen Zwiespalt hatte einst schon Karel Gott etwas zu sagen: "Fang das Licht, halt es fest. Für den Tag, an dem die Hoffnung dich verlässt."

Bekränztes Klavier

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Popkonzert
Coldplay
A Head Full Of Dreams Tour
Ernst-Happel-Stadion

In Wien lässt Chris Martin auch insofern nichts anbrennen, als er sich ganz abgesehen von dieser die Fanseele bewegenden und mitreißenden und letztlich jedenfalls streichelnden Kunst zwischen Upper und Downer und Upper in eher falschen Zwischenreden dafür entschuldigt, dass die Warteschlangen heute zu lange sind und die Ticketpreise zu hoch. Warum er die Musik selbst nicht erwähnt, auf die die Band fast genau so viel Einflüsse hätte, und die gerade wieder so sehr "mimimimi" macht, dass man lieber an einen Zahnarztbesuch denkt, wäre jetzt interessant. Allerdings ist zu diesem Zeitpunkt - knapp fünf Minuten nach Konzertbeginn - bereits das ganze Stadion so sehr aus dem Häuschen, dass sich zumindest von der darin befindlichen Blase niemand mehr vorstellen kann, Coldplay seien weniger als die beste Band dieser Welt.

Okay, der heute nicht anwesende Rest weiß natürlich, dass mittlerweile selbst Helene Fischer hipper ist, aber egal. Achtung, Ablenkungsmanöver! Bei Song Nummer drei auf der Setlist sind wir schon beim zweiten Feuerwerk samt Konfettiregen angelangt. Und irgendwann zwischen Songs mit programmatischen Titeln wie "Paradise", "Hymn For The Weekend" oder "Adventure Of A Lifetime", die man vom Umschalten kennt, wenn das Autoradio versehentlich auf Ö3 gestellt ist, bemerkt man, dass heute tatsächlich die Euphorisierung im Vordergrund steht. Nach seinem Mimimimi-Höhe- bzw. Tiefpunkt, dem Trennungs- bzw. Conscious-Uncoupling-Album "Ghost Stories" von 2014, hat Chris Martin auf dem aktuell zu bewerbenden Nachfolger "A Head Full Of Dreams" ja wieder zur Lebensfreude gefunden.

Hörerseitig muss man dabei allerdings tapfer sein - und esoterische Zwischentöne überstehen, um Martin nach Rückgriffen auf persische Sufi-Mystik ("Die Konferenz der Vögel") live am mit farbenprächtigen Blumensträußen bekränzten Klavier oder vor Esoposter-Visuals auf der Leinwand zu sehen. Muhammad Ali und Barack Obama haben Gastauftritte. Nur dass der Papst, Mahatma Ghandi und Nelson Mandela nicht auftauchen, überrascht jeden, der schon einmal ein Stadionkonzert von U2 überstanden hat. U2 sind die großen Vorbilder von Coldplay, was man neben den vielen "Ooooo-aaah-Heeeys" von Chris Martin auch an den The-Edge-Gitarren hört, mit denen Jonny Buckland auf namenlosen Straßen auch heute nicht finden wird, was er sucht.

Mit Texthänger

Jedenfalls: Feuerwerk, Konfettiregen, Luftballons! "A Sky Full Of Stars", "Amazing Day", "Viva La Vida". Die Welt ist schön! Wenn das so weitergeht, wird es am Ende auch die Mimimimi-Welthauptstadt Wien noch glauben. Chris Martin trägt jetzt Österreich-Flagge und gibt "Princess Of China", den Mainstream-Höhe- bzw. Tiefpunkt von 2011 mit Rihanna vom Band als Dankeschön dafür, dass wir People of Vienna so "amazing" sind, und wird für diese Lüge alsbald vom Herrgott mit einem Texthänger bestraft. Chris Martin allerdings ist ein lässiger Bursch und überspielt diesen locker mit der Aufforderung, ihn zumindest nicht youzutuben.

Am Ende war die Band knapp zwei Stunden lang auf drei verschiedenen Bühnen zugange. Kundenbindung gab es mittels Massenkaraoke und Songwunsch per Instagram. Das Quartett spielte "Don’t Panic" exklusiv für Fan Thomas und seine Freundin, die sich alleine schon deshalb jetzt nicht mehr uncouplen werden. Rundherum hat alles sehr schön blink-blink gemacht.





Schlagwörter

Popkonzert, Coldplay, Chris Martin

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-12 12:14:06
Letzte nderung am 2017-06-12 14:49:11




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