• vom 18.06.2017, 09:00 Uhr

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Kein Mainstreampopper




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Von Oliver Seifert

  • Zum 75. Geburtstag von Paul McCartney erscheint die deutsche Übersetzung einer Biografie von Philip Norman, die den Musiker auch abseits der Beatles beleuchtet.

Paul McCartney wird am 18. Juni 75. Philip Norman hat ihn lebendig und ausgewogen porträtiert.

Paul McCartney wird am 18. Juni 75. Philip Norman hat ihn lebendig und ausgewogen porträtiert.© Mary McCartney Paul McCartney wird am 18. Juni 75. Philip Norman hat ihn lebendig und ausgewogen porträtiert.© Mary McCartney

Dem Popstar wurde anlässlich seines 50. Geburtstags ein ausnehmend guter Erhaltungszustand attestiert. "Sein Gesicht wirkte noch immer jungenhaft, sein Lächeln überschwänglich und schelmisch - dazu hob er stets beide Daumen -, seine braunen Augen strahlten die Lebensfreude eines jungen Hundes aus, seine Stimme die alte Leichtigkeit und Reinheit." Zu diesem Zeitpunkt hatte "Mr. Nice Guy" dank seines frühen Karrierestarts einige intensive Jahrzehnte Sex, Drugs and Rock ‚n‘ Roll hinter sich, das zurückliegende Jahrzehnt bereits ohne seine Beatles.

Wie Philip Norman Paul McCartneys allgemeine Verfasstheit, sein Lächeln und seine Stimme 25 Jahre später einschätzt, erfahren wir leider nicht, auch wenn jetzt pünktlich zum 75. Geburtstag McCartneys am 18. Juni eine autorisierte Biografie von Norman in deutscher Übersetzung erscheint. Wahrscheinlich ist es auch nur annähernd das Einzige, was fehlt, ansonsten hat Norman auf fast tausend Seiten so ziemlich alles zusammengetragen, was in Recherchen und Gesprächen herauszubekommen war.



Der renommierte englische Musikjournalist, nur ein Jahr jünger als McCartney, sieht auch dann noch genau hin, wenn andere Biografen längst großzügig ihren Blick heben oder überhaupt wegschauen. Sein monumentales Buch will nicht nur den Beatle porträtieren, sondern das gesamte Leben des "größten lebenden Repräsentanten und gleichzeitig

Information

Philip Norman

Paul McCartney

Aus dem Englischen von Conny Lösch. Piper 2017, 976 Seiten, 32,90 Euro.

größten Nonkonformisten der Popmusik", der mehr als tausend Songs geschrieben hat, aufarbeiten. Norman nimmt sich für alle Lebensjahre gleichermaßen Zeit und Platz, das macht seine Abhandlung so umfassend wie genau.

Der kleine Paul wird in einfache, bescheidene, aber behütete Verhältnisse geboren. Liebevolle, tüchtige Mutter, musikalischer, tüchtiger Vater, Chor, privater Klavierunterricht, Trompete mit 13, Elvis und Little Richard als Helden, die Trompete dann getauscht gegen eine Gitarre. Die Musik wird nach dem frühen Tod der Mutter die Zuflucht, die Leidenschaft, der Lebensinhalt. Als der 15-Jährige auf einem Gartenfest John Lennon und dessen Band kennenlernt, ist alles Weitere klar: Schule schwänzen, Songs schreiben. Aus den Silver Beatles, der schlechtesten Band Liverpools, werden bald, auch dank der Ochsentour durch den Hamburger Kiez und seine Kellerclubs, die Beatles, die beste Band der Welt, mit Bassist und Sänger Paul, der Welthits wie "Yesterday" oder "Penny Lane" komponiert und mit 23 Millionär ist.

Norman arbeitet nicht nur penibel die Zahlen und Fakten aus dem Leben des Liverpoolers auf, sondern setzt sie kenntnisreich in Beziehung zueinander und liefert so nicht nur affirmative Beschreibungen, sondern kontroverse Erklärungen und kritische Analysen für einschneidende Ereignisse und anhaltende Mythen.

Das weit verbreitete Bild von McCartney als niedlicher Mainstreampopper wird einmal mehr korrigiert, das schwierige, aber symbiotische Verhältnis McCartney-Lennon präzisiert. Die vielfältigen Beatles-Einflüsse würdigt Norman genauso wie die exklusive Rolle des Managers Brian Ep-stein oder des Produzenten George Martin. Die vermeintliche Konkurrenz zu den Rolling Stones stellt er als Freundschaft dar, die ganz selbstverständlich regelmäßige Besuche und Absprachen beinhaltete. Das sich abzeichnende Ende der Fab Four wird aus der Perspektive aller Beteiligten samt ihrer Motive, Ziele und Anschauungen sachlich diskutiert - zurecht mit dem Hinweis auf McCartneys perfide Ausgrenzung durch die anderen.

Das Verdienst dieses Buches ist es, die vielen Facetten Paul McCartneys als Musiker und Geschäftsmann, Familienvater und Ehebrecher, Vegetarier und Tierschützer, Workaholic und Perfektionist, Kiffer und Teilzeit-Alkoholiker, Charmeur und Medienprofi, Geizkragen und Wohltäter in ein sehr lebendiges und ausgewogenes Porträt einfließen zu lassen.

Dass sich an einigen Stellen die Erzählperspektive verschiebt, weil John Lennon oder Linda McCartney ("die Liebe seines Lebens") zu lang in den Mittelpunkt gerückt werden, ist eine ebenso zu verschmerzende Tatsache wie die überzogen pingelige Darstellung des Scheidungskriegs mit Heather Mills, auf den dann ironischerweise sehr abrupt die nächste Hochzeit (mit Nancy Shevell) folgt.

Nach Biografien über die Beatles und John Lennon hat sich Philip Norman also nun Paul McCartney zugewandt. Über sein Lächeln oder seine Augen haben wir bereits interessiert gelesen, über seine Motivation lesen wir nun aus des Künstlers Sicht: "Mein ganzes Leben lang wollte ich einen Preis bekommen, eine Prüfung bestehen oder einen Job hinkriegen, damit die Leute sagen: Du bist gut."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-14 17:47:06
Letzte ńnderung am 2017-06-14 18:14:14




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