• vom 11.07.2017, 11:14 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 11.07.2017, 11:22 Uhr

Konzertkritik

Länger schwurbeln, goaschtig kreischen




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Von Andreas Rauschal

  • Axl Rose und seine weitgehend in der Kernbesetzung reformierten Guns N’ Roses gastierten in Wien.

Peng! Guns N’ Roses, aufgrund von Berichterstattungs-Restriktionen durch den Veranstalter hier bei einem Konzert im Juni in Stockholm.

Peng! Guns N’ Roses, aufgrund von Berichterstattungs-Restriktionen durch den Veranstalter hier bei einem Konzert im Juni in Stockholm.© afp Peng! Guns N’ Roses, aufgrund von Berichterstattungs-Restriktionen durch den Veranstalter hier bei einem Konzert im Juni in Stockholm.© afp

Alle Einlassbestimmungen und -kontrollen inklusive E-Mails und Bodychecks gegen Ärgernisse wie die kritische Presse oder Selbstmordattentäter können eines natürlich nicht verhindern: Im Inneren des mit 55.000 Besuchern ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadions wird man erst einmal ein zweites Mal sehr freundlich, nämlich mit schwerem akustischem Sperrfeuer begrüßt. Die auf der Videowall abgebildeten Kanonen sollen den ersten Teil des Bandnamens untermauern und sorgen dafür, dass es draußen im Prater noch ohne Musik bereits kracht wie sonst am Übungsgelände der National Rifle Association in Texas - oder in einem durchschnittlichen Kinderzimmer, wenn darin Egoshooter-Spiele erlaubt sind.

Reichlich abgelebt

Information

Konzert
Guns N’ Roses
"Not In This Lifetime"-Tour Ernst-Happel-Stadion

Guns N’ Roses selbst entern die Bühne pünktlich (das hätte es früher nicht gegeben!) zur Rock-‘n‘-Roll-Matineezeit um 19.30 Uhr mit einer Detonation in Form einer Detonation, auf die ein Unfall namens Musik oder Soundbrei folgt, aus dem man Axl Rose in den nächsten gefühlten Eineinhalbstunden lediglich mit einem "Kreiiiiiisch" hören kann, das die Ohren noch etwas länger beschäftigen dürfte. "It’s so easy. But nothin’ seems to please me" - hey, hergehört! Guns N’ Roses sind mit Axl Rose, dem Mann mit dem übelgelaunten "Eins in die Fresse!"-Gesicht, Soliermeister Slash und Duff McKagan am Bass als reichlich abgelebter Männerverein erstmals seit 24 Jahren wieder weitgehend in der Kernbesetzung zurück, und sie unterstreichen diesen Umstand damit, ausgerechnet mit ihrem in "It’s So Easy" unbenannten "Satisfaction" in die Vollen zu gehen.

Axl Rose ist heute angetreten, uns seine Hut- und eine von zwei Kreuzen überhangene T-Shirt-Kollektion zu präsentieren, die - überraschend für eine Band, die einst für Bauarbeiter, Fernfahrer oder Männer, die anderen Männern in der U-Bahn Zwiebel-Wurst-Bier-rülpsend schmutzige Witze erzählen, erfunden wurde - nicht vor Cat-Content zurückschreckt. Slash trägt seinen Zylinder und neben vielen Tätowierungen dunkle Sonnenbrillen, weil es in Wien in der Nacht bekanntlich sehr finster ist. Duff sieht zwar abgelebt genug für seinen Arbeitgeber aus, ermöglicht mit einem Polka-Dot-Hemd (das hätte es früher sowieso nicht gegeben!) aber die Annahme, er könnte sich vor dem Ruhestand eventuell doch noch einmal beruflich neu orientieren - und etwa bei Duran Duran einsteigen wollen. An den Keyboards steht ein Model im japanischen Anime- und Mangalook, das 1985 geboren wurde. Gott, behütet dieses Kind vor dem Rock ’n‘ Roll!

Operettenrock

Musik gäbe es auch, aber wie gesagt. Hallo Mama, was meinst du? Ich kann dich nicht verstehen, ich war gestern auf dem Guns-N’-Roses-Konzert! Ja, es war laut und goaschtig, probieren wir es im nächsten Jahr wieder! Auf der Videowall jedenfalls bekommt man an diesem Abend ungefähr vier Dinge zu sehen: Auf Bits und Bytes beruhende (das hätte es früher . . .), also irgendwie beinahe moderne Grafiken, die ziemlich bunt sind, Kanonen und Rosen (vermutlich hat es etwas mit dem Bandnamen zu tun), Outer-Space-Motive um ein kosmisches Auge und sehr viele Totenköpfe. Bei "Rocket Queen", für das Axl Rose einst im Studio animalisch Liebe getrieben hat, sieht man eine weibliche Silhouette beim Dramatisch-die-Haare-Schütteln. Titten werden hingegen nur circa ein halbes Mal zur Ansicht gereicht, die Show muss ja auch in den USA aufführbar sein. Songs über Frauenmord ("I used to love her, but I had to kill her") oder andere Einsichten mehr, mit denen Axl Rose beweist, was er in Wahrheit von Frauen hält ("Turn around bitch, I got a use for you"), sind im Stadionrock gewöhnlich sowieso kein Problem.

Nachlassverwaltung

Irgendwann in der zweiten Konzerthälfte wird der Sound entweder besser oder man hat sich daran gewöhnt. Mit "This I Love" aus dem vom Publikum tolerierten "aktuellen" Album "Chinese Democracy" von 2008 erklärt Rose ungefähr dort, wo ein durchschnittlicher weißrussischer Songcontestbeitrag auf ein Disney-Musical trifft, dass er auch eine gefühlige Seite hat, die früher von der Restband zugunsten der üblichen Jim-Beam- und Tschinbumm-Mucke eigentlich abgelehnten Operettenrock zeitigte. Nachdem mit "Sweet Child O’ Mine" Song Nummer 18 auf der Setlist erstmals für wirklich gute Stimmung gesorgt hat, kündet live in Wien nicht zuletzt "November Rain" in der Originalversion davon. Meat Loaf lässt grüßen!

Überhaupt gefällt sich die Band um ihren zuletzt als Leiharbeiter an AC/DC ausgelagerten Chef im Jahr 2017 in einer gewissen Rolle als rockhistorischer Nachlassverwalter. Nicht nur "Live And Let Die" (Paul McCartney und seine Wings!) und Literaturnobelpreisträger His Bobness ("Knockin’ On Heaven’s Door") stehen wie gewohnt auf dem Programm, sondern auch Coverversionen von Pink Floyd und The Who. Erstaunlich gut kommt die Soundgarden-Hommage "Black Hole Sun". Zu alledem erinnert Slash im Ententanz an Chuck Berry, während er eigentlich akut damit beschäftigt ist, jeden - und wirklich jeden - Song mit anstrengenden Dauersoli nach Hause zu schwurbeln.

Nach "Paradise City" und einem letzten Feuerwerk samt Konfettiregen ist Schluss. Nicht die versprochenen dreieinhalb, sondern immer noch recht maßlose zwei Stunden und 52 Minuten sind es am Ende geworden. Die günstigsten Tickets gab es ab 122 Euro bei Hofer. Auf der Heimfahrt in der U-Bahn wurden rülpsend dreckige Witze erzählt.





Schlagwörter

Konzertkritik, Guns N'Roses

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-11 11:18:06
Letzte nderung am 2017-07-11 11:22:38




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