• vom 14.07.2017, 16:26 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 14.07.2017, 16:34 Uhr

Albumkritik

"Unschuld ist ein Spiel"




  • Artikel
  • Lesenswert (30)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Laibach wenden sich mit ihrem Album "Also sprach Zarathustra" Friedrich Nietzsche zu.

Im Gleichschritt, marsch - zu Befehl! Laibach live am 6. November in der Wiener Arena. - © Luka Kase

Im Gleichschritt, marsch - zu Befehl! Laibach live am 6. November in der Wiener Arena. © Luka Kase

Im Sommer vor zwei Jahren gelang Laibach auch eingedenk ihrer im Rahmen der totalen totalitären Provokation schon seit den frühen 1980er Jahren hoch erfolgreichen Karriere ein besonderer Coup: Der musikalische Arm des Kunstkollektivs Neue Slowenische Kunst spielte als erste "westliche" Band überhaupt in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, um vor Anhängern der Einheitspartei und einigen Fans nicht nur den künstlerisch schmalen Grat zwischen eigenen Hits, koreanischen Volksweisen und den erfolgreichen Zensurbestrebungen des Regimes zu beschreiten, sondern anstelle der sonst bevorzugten Reichsparteitags- oder Zentralkomiteeskluft auch modisch im kessen Oberster-Führer-Look zu posieren. Ob damit zuvorderst der Kulturvermittlung, der Eigenpropaganda (Musik verkauft sich dieser Tage nicht von allein!) oder gar dem System Nordkorea geholfen wurde, war so nebulös wie viel diskutiert wie egal. Die Antwort auf alle Fragen lautet: Laibach sind toll.

Gefinkeltes Selbstporträt

Das einst in Titos Jugoslawien mit Auftrittsverbot belegte und von der neuen Freiheit nach dem Mauerfall in seiner Existenz etwa auch aufgrund des heute wiedererstarkenden Nationalismus "zum Glück" nie existenziell bedrohte und vom Philosophen Slavoj Žižek analysierte und geschätzte Unternehmen hat mit seiner Lösung, Rekontextualisierung und Aneignung etwa faschistischer Symbole der eindeutigen Uneindeutigkeit zwar gerne so viel Raum gelassen, dass der Applaus auch von der falschen Seite kam. Wie aber sah das gefinkelte Selbstporträt der Band einst auf eine einschlägige Frage hin aus? "Wir sind so sehr Faschisten, wie Hitler ein Maler war."

Laibach arbeiteten an der Schnittstelle von Industrial und militantem Klassizismus, Kohlekraftwerk und Bayreuth oder Nationalhymne und Popsong gerne mit Marschrhythmen, Fanfarengeläut, Schusssalven und heiterem Schlachtgesang. Sie legten die totalitären Potenziale von Popmusik mit schlichten Übersetzungen frei ("Ein Ruf, ein Traum, ein starker Wille. Gebt mir ein Leitbild!" - Queen, "One Vision") und entblößten die repressive Formenstrenge der klassischen Musik ("Laibachkunstderfuge", 2008) gleichermaßen. 2012 setzte es den Soundtrack zur Nazi-Groteske "Iron Sky" und ein Konzert mit dem Titel "Kohle ist Brot" 200 Meter unter Tage, das im Zeichen des Frühwerks stand. 2014 ging nach Vorarbeiten wie "NATO" von 1994 auf dem Album "Spectre" Europa noch einmal als Gespenst um.

Musikalisch kultivierten Laibach zu diesem Zeitpunkt leichter zugänglichen, abgedunkelten Elektropop mit nach wie vor endzeitlicher Botschaft: "Do not fight against us, resistance is futile! You will be assimilated with Blitzkrieg! Blitzkrieg!" Man erinnerte sich, dass bereits in den 1980er Jahren mit "Let It Be" hart daran gearbeitet wurde, die Beatles wie eine synthetisch abgefederte Bundesheer-Blaskapelle klingen zu lassen.

Autoritärer Grubenbariton

Mit der unter Mithilfe des Slowenischen Symphonieorchesters RTV eingespielten Theatermusik "Also sprach Zarathustra" (Mute Records) machen Laibach nun gewissermaßen Pause von der Weltpolitik, um mit einer Annäherung an Friedrich Nietzsche im Urstoff gut zur Bandphilosophie passende Sujets vorzufinden: Fragen nach Gott und Moral, Individuum und Masse, der Wahrheit und nicht zuletzt die Schwierigkeit, Botschaften zu übermitteln, stehen auf dem Programm. Auf der Metaebene denkt die viel und vielfach falsch interpretierte Band dazu die Tatsache mit, dass Nietzsche trotz seiner Absage an den Nationalismus etwa mit dem "Übermenschen" von den Nazis leicht instrumentalisiert werden konnte. Mit diesmal leider recht knappen Texten zitiert oder paraphrasiert Sänger Milan Fras in gewohnt autoritärem Grubenbariton die historische Vorlage: "Ich bin als wie die schweren Tropfen/Fallend aus der dunklen Wolke/Ich will/Meinen Untergang." Und: "Unschuld ist das Kind/Unschuld ist ein Spiel/Unschuld ist eine erste Bewegung."

Dazu gibt es nach Detonationen klingende Laptopbeats, einen Anflug von Todestechno, atmosphärisch dräuende Spaziergänge durch verlassene Industriekomplexe, Ungemach in Form symphonischen Zierrats oder Fleisch zerkauender Tiere und am Ende drei Verwandlungen in Form eines akustischen Motorentests. Mit dem abermals filmischen "Vor Sonnenaufgang" schickt sich einmal auch das Licht an, die Verhältnisse erträglich zu machen. Ihre aktuelle Tour hat die Band in Südkorea begonnen. Laibach sind toll.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-14 16:30:06
Letzte ─nderung am 2017-07-14 16:34:00




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Netflix und sein Geheimwissen
  2. "Erotik der Intimität"
  3. Linkin-Park-Sänger Chester Bennington ist tot
  4. nicht verboten
  5. Ein Popstar namens Oper
Meistkommentiert
  1. Schwarzmalerei
  2. Charmeur im Notennebel
  3. Ein Schreckgespenst namens Kommunismus
  4. Länger schwurbeln, goaschtig kreischen
  5. Teils Theologie, teils Marxismus


Quiz


Am Montagabend feierte Michael Haneke mit "Happy End" zum siebenten Mal Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes.

Monica Bellucci war die Gastgeberin beim Auftakt des Festivals: Eine ehrenvolle Rolle, bei der man durch den Gala-Abend führt. Entsprechend chiczeigte sich die inzwischen 52-Jährige. Fesselndes am letzten Wochenende in Krems: "Durational Rope" von Quarto brachten Seile unter anderem zum Tanzen.

Blixa Bargeld und eines seiner Instrumente. Regisseur Wolfgang Murnberger (l.) mit Josef Hader ("Wilde Maus") und Schauspieler-Kollegin Pia Hierzegger.


Werbung