• vom 17.07.2017, 13:07 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 17.07.2017, 13:41 Uhr

Nachruf

Kantig mit großem Herzen




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Von Andreas Rauschal

  • Mit "Gut Lack" hat Wilfried jüngst ein begnadetes Spätwerk veröffentlicht. Nun ist er 67-jährig verstorben.

Zur Musik kam das am 24. Juni des Jahres 1950 in Bad Goisern geborene selbstdeklarierte "Wirtshauskind" Wilfried Scheutz über seinen Opa und dessen Liebe zur Volksmusik.

Zur Musik kam das am 24. Juni des Jahres 1950 in Bad Goisern geborene selbstdeklarierte "Wirtshauskind" Wilfried Scheutz über seinen Opa und dessen Liebe zur Volksmusik. Zur Musik kam das am 24. Juni des Jahres 1950 in Bad Goisern geborene selbstdeklarierte "Wirtshauskind" Wilfried Scheutz über seinen Opa und dessen Liebe zur Volksmusik.

Wien. In einer gerechteren Welt würde Wilfried kommende Woche das Popfest am Wiener Karlsplatz eröffnen und einer jungen Generation an Pop-Aposteln erklären, wie man als (mit dieser Zuschreibung übrigens so gar nicht glückliche) Austropop-Ikone auch altern kann: Mit dem mit seiner Band um Sohn Hanibal, dem Kontrabassisten der am Popfest beliebten 5/8erl in Ehr‘n, eingespielten und als Höhepunkt eines 2012 eingeläuteten Comebacks gerade erst im Juni veröffentlichten "Gut Lack" (Monkey) konnte der Mann am Ende immerhin auf das vielleicht beste Album seiner Karriere verweisen.

Darauf hört man zwischen knochentrockenen und hatscherten Grooves, die gerne auch verspielt ausfallen dürfen, der Soulfulness eines großen Herzens und nicht selten dem Blues als Mittelpunkt neben einem ordentlichen Gachn angesichts vor allem der wirren Wutbürger da draußen auch eines: Man hört an diesem sonst sehr vitalen Album in den bedrückten Momenten mit elegischen Streichern und etwas Glockenspiel zwischen Nachdenklich- und Müdigkeit retrospektiv auch den einen oder anderen Abgesang.

Feuchte Augen

Erschienen ist das Album bereits unter dem Eindruck einer von Wilfried öffentlich gemachten Krebsdiagnose, die vorwärts und zurückblickenden Zeilen wie "Wenn i moi nimmer sing/donn wird goa nix überbleiben" oder "Ma glaubt jo net, wia die Zeit vageht" eine tiefere Bedeutung verleiht. Und nicht zuletzt das näher an Chanson-Traditionen stehende, zum Abschied gereichte "Was wird?", ein österreichischer - nein, ganz generell ein - Song des Jahres, sorgt erheblich für Ergriffenheit und feuchte Augen.

Zur Musik kam das am 24. Juni des Jahres 1950 in Bad Goisern geborene selbstdeklarierte "Wirtshauskind" Wilfried Scheutz über seinen Opa und dessen Liebe zur Volksmusik. Den Rest erledigte die Popkultur und der Rock‘n‘ Roll, der wiederum dafür sorgte, dass Wilfried den Spitznamen "Rampensau" erhielt, der seine Bühnenarbeit treffend beschrieb. Mit gerne rebellischem Ton, geerdet und ebenso kantig wie gerade heraus kamen nach einer frühen Phase mit seiner im Alter von 14 Jahren gegründeten und programmatisch benannten Band Provos frühe Songs und Hits unter eigenem Namen im Zeichen eines heiteren hoamatländisch-globalen Sprach- und Genreeklektizismus daher. Nicht nur der berühmteste "Zechnkas" des Austropop bei "Ziwui, Ziwui" kam auf traditionell gut abgehangener Gstanzl-Basis daher: "Buama, steht’s zom im Kroas, I sog enk, wos I woas!" Diese Nummer sechs in den heimischen Singlecharts folgte auf "Mary, Oh, Mary", das Wilfried 1973 noch auf Englisch zum Besten gab, und stand näher an seiner Punkrock-Version des Kufsteinlieds, bei dem Wilfried in Richtung Iggy Pop kreischte und kiekste, auch wenn eine Quetschn und der Bierzeltbass noch daran erinnerten, dass man gerade das heilige Tirolerland zerlegte - und doch nicht in New York mit offenen Venen in der Gosse lag.

Gegen die Beschleunigung

Nach einer Phase als Vorgänger von Klaus Eberhartinger bei der Ersten Allgemeinen Verunsicherung noch vor deren Durchbruch wiederum setzte es in den 80er Jahren nach weiteren Genresprüngen bereits Wave-Keyboards, Synthie-Bässe und diese durchschneidende Stromgitarren. Wilfried gab die Ulknudel mit "Highdelbeeren" und stemmte sich mit "Lauf, Hase, lauf" gegen die Beschleunigung einer Welt, die damals noch gar nicht so schnell war. Ein letzter Platz beim Song Contest 1988 in Irland beschädigte seine Karriere temporär nachhaltig. Allerdings wäre es nicht Wilfried gewesen, hätte er darauf nicht auf seine Weise und mit der Single "Gratuliere Österreich" reagiert.

Ab Mitte der 90er Jahre kultivierte Wilfried, der auch als Schauspieler tätig war und zuletzt etwa im Wiener Stadtsaal in Georg Ringsgwandls Rockmusical "Die Tankstelle der Verdammten" erlebt werden konnte, mit dem A-cappella-Quartett 4Xang seine Version eines Altersprojekts, das sich mit dem doppelten Vater-Sohn-Doppel Fathers‘n‘Sons noch stärker dem Jazz verschrieb. Außerdem entdeckte er die Kulinarik und betrieb mit seiner Ehefrau Marina in Pressbaum die Vereinsmeierei.

Am Sonntag hat Wilfried Scheutz seinen Kampf gegen den Krebs verloren. Er wurde 67 Jahre alt. Sein "Was wird?", diesen Song des Jahres, sollten wir heute alle hören.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-17 13:12:06
Letzte nderung am 2017-07-17 13:41:18




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