• vom 12.08.2017, 06:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 12.08.2017, 12:17 Uhr

Welttag der Jugend

Blutstau, Angst und Ausschweifung




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Von Andreas Rauschal

  • Am Samstag ist Welttag der Jugend. Ein Mixtape auf den pophistorischen Spuren einer Lebensphase.

Hey, der singt über uns! Jugend und Pop sind ein Tindermatch.

Hey, der singt über uns! Jugend und Pop sind ein Tindermatch.© AKG Images/picturedesk Hey, der singt über uns! Jugend und Pop sind ein Tindermatch.© AKG Images/picturedesk

Judy Garland: In Between (1938)

"Iʼm not a child, all children bore me / Iʼm not grown up, grown ups ignore me": Die US-Schauspielerin und Sängerin Judy Garland befindet sich in der Romantic Comedy "Love Finds Andy Hardy" in einer schwierigen Phase. 63 Jahre später hat Britney Spears über den immer noch gleichen Sachverhalt Ähnliches zu berichten: "I’m not a girl, not yet a woman." Judy Garlands Sehnsüchte erklingen zu klassisch schönem Streicherschmelz in gediegen. Es war ja auch eine Zeit, in der Jugendliche noch "Sehr wohl, Mutter!" gesagt haben – und nicht: "Geh scheißen!"

Chuck Berry: Sweet Little Sixteen (1958)

Mit Chuck Berry beginnt nicht nur langsam das Zeitalter des Rock ’n’ Roll, sondern auch ein Befreiungsschlag, den man heute klassischerweise als Jugendkultur bezeichnet. Noch bevor die Beatles mit züchtigen Songs übers Händchenhalten dafür sorgen, dass die Konzertsäle nach Dienstschluss nicht unbedingt wegen verschütteter Getränke nass sind, setzt es schon bei Chuck Berry Hysterie im Sinne von: "Kreiiiiiiiiiisch!" Alte Menschen waren damals der Meinung: Die Welt wird verrückt! Junge Menschen hingegen skandierten: Rock! ’n’! Roll!

The Beach Boys: Fun, Fun, Fun (1964)

In den Beach Boys findet man Anfang der 60er Jahre bereits ein perfektes Sprachrohr für ein Lebensgefühl, das sich zwischen Schmusen auf dem Rücksitz in Dads Chevy, Spritztouren durch Amerika und Nächten zu zweit am Strand definiert – und gelegentlich Tränen der Einsamkeit zu Hause im Bett mit sich bringt. Später überhob sich Brian Wilson mit dem als "Teenage Symphony to God" konzipierten Album "Smile" und verlor sich zwischen psychischen Problemen und Drogen. Heute erlebt man den Kopf der Beach Boys als vom Leben gezeichneten Strandboy, der live äußerst bewegend noch immer über sein Surfer Girl singt.

The Who: My Generation (1965)

Mit The Who, die in Sachen Jugend schon immer mindestens einen weiteren Standpunkt vertraten, wenn sie nicht gerade im "Teenage Wasteland" festhingen – The kids are alright! –, kommen nach aller Händchenhalterei die schlechte Laune und die Gefahr mit ins Spiel. Siehe auch: Jugend und Revolte. Oder: Früher hätte es das nicht gegeben! Immerhin musste die Welt nach der Darbietung der generationenübergreifenden Generationshymne "My Generation" in Flammen stehen – und die Bühne in ihre Einzelteile zerlegt als Häufchen Elend darniederliegen. "Things they do look awful c-c-cold / I hope I die before I get old." Als man die alternden The Who zuletzt 2016 live bei der Ausübung ihrer Lieblingstätigkeit dabei erleben konnte, wie sie auf der Videowall im Hintergrund als junge Männer ihre Lieblingstätigkeit ausüben, durfte man durchaus gerührt davon sein.

Bob Dylan: Forever Young (1974)

"May you grow up to be righteous / May you grow up to be true / May you always know the truth / And see the lights surrounding you." Bob Dylan schreibt einen Song für seinen Sohn Jesse und bringt darin Wünsche für dessen Lebensweg zum Ausdruck, während er – fünf Jahre vor dem mehr oder weniger offiziellen Eintritt in seine christliche Phase – wieder einmal bei der Bibel andockt. Auf die beinahe philosophische Frage "Do you really want to live forever?" hat indes die deutsche Band Alphaville in ihrem gleichfalls "Forever Young" betitelten Song von 1984 eine eindeutige Antwort: Jein!

The Undertones: Teenage Kicks (1978)

Nachdem Punk aufgekommen war und die Jugend nihilistisch verstimmte, deklariert die nordirische Band The Undertones im Jahr 1978, dass sich seit dem Auftauchen der Beatles inhaltlich im Grunde wenig getan hat: "I wanna hold her, wanna hold her tight / Get teenage kicks right through the night." Nicht nur der für den Planeten Pop und die mit ihm verbundene Jugendkultur sehr wichtige britische Radio-DJ John Peel findet daran Gefallen. Etwas elaborierter verhandelt David Bowie zwei Jahre später mit "Teenage Wildlife" jugendlichen Sturm und Drang: "Well, how come you only want tomorrow? (…) A real life adventure / Worth more than pieces of gold." Hallo, wir dürfen und müssen das wollen!

Madonna: Papa Don’t Preach (1986)

"Papa, I know youʼre going to be upset / ʼCause I was always your little girl / But you should know by now I’m not a baby" – in der Hochphase des Yuppie-Pop widmet sich Madonna einem nicht nur für ihre Verhältnisse ernsten Thema. Neben der eigenen Abnabelung geht es um (ungewollte) Schwangerschaft und die Entscheidung, das Kind zu behalten. Trotzdem setzte es damals einen Konflikt mit dem Vatikan. Das ist sehr lange her. Heute hopst Frau Ciccone nach wie vor als "Girl" über die Bühne. In Zeiten der Berufsjugend ist altern verboten. Das ist auch für mögliche große Popspätwerke sehr schade. Allerdings hat Madonna für ihr Johnny-Cash- und Leonard-Cohen-Stadium auch noch etwas Zeit.

Nirvana: Smells Like Teen Spirit (1991)

"Hello, hello, hello, how low!" Über die Lyrics seines Bandkollegen Kurt Cobain äußerte sich Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl einmal so: "Wenn du Kurt siehst, wie er den Text schreibt, fünf Minuten bevor er ihn erstmals singt, findest du es irgendwie ein bisschen schwierig zu glauben, der Song hätte viel über irgendetwas zu sagen." Tatsächlich hat der Titel von "Smells Like Teen Spirit" etwas mit einem Deodorant zu tun. Den Geist junger Menschen, die erheblich dagegen sind, versprüht der Song aber trotzdem – auch 26 Jahre nach seiner Veröffentlichung.

Tocotronic: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein (1995)

"Ich möcht mich auf euch verlassen können / Lärmend mit euch durch die Straßen rennen / Und jede unserer Handbewegungen / Hat einen besonderen Sinn / Weil wir eine Bewegung sind." Über die Stellung von Tocotronic als unter jungen Menschen sehr beliebter Act ist mit den Worten der Band zu resümieren: "Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut." Heute ist Sänger Dirk von Lowtzow 46 und grau und singt Sätze wie "Man kann den Erwachsenen nicht trauen / Ihr Haar ist schütter, ihre Hosen sind es auch." Mein. Gott.

Placebo: Teenage Angst (1996)

"Since I was born I started to decay / Now nothing ever, ever goes my way": Placebo um ihren vom Drogen-Abusus bleichen Sänger Brian Molko erinnern auf ihrem Debütalbum daran, dass so eine Jugend oft eher unglücklich verläuft. Irgendwo im Bereich Selbstfindung und Selbsthass und Rückzug und Isolation geht es dann auch um gerne besungene Themen wie "Alienation" (Entfremdung) und eben "Teenage Angst". Seinem dramatischen Aufwachsen gedachte auch Trip-Hopper Tricky erst im Jahr 2016 schonungslos autobiografisch: "At twelve I met my dad / His name was Roy / He forget my name / And call me boy."

Heinz Strunk: Erwachende Leiber (1999)

"Es wird eine Zeit kommen, an dem (sic!) dir deine Mutter täglich ein neues Taschentuch unters Kopfkissen steckt": Der norddeutsche Spaßmacher (Studio Braun) und Autor ("Fleckenteufel") Heinz Strunk nützt das Sujet der Jugend für höheren Unsinn. "Du bist jung, aber im schlechten Sinn. Du bewegst dich wie ein unförmiges Kalb." Wir haben es immerhin auch mit einer Zeit der verrücktspielenden Hormone zu tun. "Pulsierende Lenden und Blutstau. Aus deinem Jugendzimmer dringen gurgelnde Laute." Hey, der singt über uns!

Icona Pop feat. Charli XCX: I Love It (2012)

Charli XCX beweist solo oder als Songwriterin für oder mit Kolleginnen wie Icona Pop nicht nur, dass sie freche Party- und Ausschweifungshymnen schreiben kann, die das unbedingte "Nach uns die Sintflut"-Gefühl der Jugend einzementieren: "I crashed my car into the bridge. I donʼt care, I love it!" Sie ist damit auch eine weitere Trägerrakete, die klarstellt, dass Pop heute definitiv jung und weiblich ist. Die Wurstigkeit einer Miley Cyrus auf Alben wie "Bangerz", der Zuckerlpop-Eskapismus von Katy Perry auf "Teenage Dream" sowie die Karrieren diverser Acts von Selena Gomez über Taylor Swift bis hin zu Lorde erklären allerdings, dass realbiografisch aufgrund des enormen Arbeitspensums keine Zeit mehr für eine glückliche Jugend bleibt. Vielleicht wollen junge Leute von heute auch deshalb lieber Maniküretipp-Youtuber werden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-11 16:03:08
Letzte ─nderung am 2017-08-12 12:17:25




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Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.


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