• vom 04.09.2017, 21:20 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 05.09.2017, 10:25 Uhr

LCD Soundsystem

Pop/Rock/Jazz




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief






    Die Auflösung im Jahr 2011 war nicht unbedingt schlüssig. Immerhin befand sich James Murphy mit seinem Projekt LCD Soundsystem, wie man im Englischen sagt, damals nach wie vor "at the top of his game". Der Unwille, in einem Bandsetting alt und müde zu werden, und die Angst, mit einem womöglich schwächeren Album eigenen und fremden Ansprüchen nicht mehr zu genügen, werden gerne als Ursachen für den Abgang in die Frühpension angeführt.

    Handfester aber war der Ansporn zur Rückkehr: David Bowie, dem Murphy im Rahmen seines Co-Produktionsjobs für das Arcade-Fire-Album "Reflektor" und später mit einer Beteiligung an "Blackstar", dem finalen Geniestreich des Meisters, nähergekommen war, hatte ihn von der Legitimität eines Comebacks nur wenige Jahre nach dem mit großem Trara über die Bühne gegangenen Abschied überzeugt. Dass Bowie auf "American Dream" (DFA/Sony), dem nun vorliegenden neuen und insgesamt vierten Album von LCD Soundsystem, als Einflussfaktor in mindestens dreifacher Hinsicht durchschimmert, ist also ebenso aufgelegt wie schön und bewegend. Helden sterben nie. Sie sind Helden für immer und immer.

    Disco-Revival

    Einer jüngeren Generation gilt auch Murphy selbst als ein solcher. Als Mitgründer und Betreiber des in den Nullerjahren hoch einflussreichen New Yorker Labels DFA Records sorgte er mit Signings wie The Rapture und den dort veröffentlichten eigenen Arbeiten für Sternstunden eines schneidigen Dance-Punk oder bewies mit Hercules And Love Affair den richtigen Riecher an der Speerspitze eines houseinfizierten Disco-Revivals. Abgesehen von auf den Dancefloor und das Tanzbein fokussierten Tracks und nicht zuletzt den ins Heute geretteten rhythmischen Grundmustern, wie sie dreißig Jahre davor die Talking Heads kultivierten, ging es über jede Schnarchnasenparty belebende Hits wie "Daft Punk Is Playing At My House" mit "Someone Great" oder "All My Friends" von 2007 auch hin zu einer innigen Songwriting-Grandezza. Als Pop-Connaisseur mit loftfüllender Plattensammlung zapfte Murphy zahlreiche Quellen an und destillierte sie für seine eigene Welt.

    Damit wurde der Ruf des heute 47-Jährigen so unkaputtbar, dass ihm selbst in Indiekreisen früher einmal mit verbalen Gnackwatschen oder lebenslanger Ignoranz bestrafte Kooperationen mit Heineken oder Nike nichts anhaben konnten. Zusätzlich füllte Murphy die Zeit seiner Eben-nicht-Frühpension mit Soundtracks für Noah Baumbach und einem Remix der US Open ("Fault!") aus, kreierte eine eigene Espressosorte und eröffnete im Gentrifizierungshotspot Williamsburg in Brooklyn seine Weinbar Four Horsemen. Das Bestreben, das Sounddesign der New Yorker U-Bahn-Drehkreuze neu zu gestalten, dürfte aktuell an Einwänden der Metropolitan Transportation Authority scheitern. Mit Kuhglocke

    Auf "American Dream" hingegen scheitert aktuell: nichts - sieht man von etwaigen enttäuschten Hoffnungen ab, das Werk könnte vom Titel evozierte Kommentare hinsichtlich gegenwärtiger, kalter, harter US-Realitäten beinhalten.

    Dick aufgetragen

    Stattdessen beginnt Murphy, der auch diesmal den Großteil der Instrumente selbst eingespielt hat, zart zärtelnd, um bei "Oh Baby" unterschwellig das US-Duo Suicide ("Dream Baby Dream") zu transzendieren. Er revitalisiert seine rhythmischen Fingerübungen am Beispiel der Talking Heads zwischen Kuhglocke, kalten Gitarren, monoton pluckernden Synthesizern, etwas Dub-Reggae und dem gut bekannten Betriebsmodus "Es gibt Wiederholungen" bei Stücken wie "Other Voices", "Change Yr Mind" und "Tonite", erinnert bei "Call The Police" an die Frippsche "Heroes"-Gitarre und beweist mit "I Used To" einmal mehr seine Kompetenzen als Songwriter. Krautrockelemente der Marke Neu! sind gegeben. Das Titelstück kommt extra zuckrig daher. Im Fall des mystisch umnebelten "How Do You Sleep?" wird zumindest an einer Stelle erheblich zu dick aufgetragen.

    Dass die im Albumverlauf immer wieder aufblitzenden Notizen über die Endlichkeit zum Abschluss bei "Black Screen" im Gedenken an David Bowie kulminieren, ist stimmig. Den entscheidenden Satz des Meisters zur Wiederbelebung von LCD Soundsystem hat Murphy bereits zuvor zitiert: "You should be uncomfortable." Ein Zustand als Motor für immer und immer - oder "just for one day".





    Schlagwörter

    LCD Soundsystem

    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-09-04 21:27:06
    Letzte ─nderung am 2017-09-05 10:25:47




    Werbung



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Narrenziele
    2. Trauer um einen Parade-Onegin
    3. Wrabetz sagt geplanten Neubau ab und will "Plan B" suchen
    4. Bewegende Blüten
    5. Die Rolle ihres Lebens
    Meistkommentiert
    1. Ungeknickt durch den Sturm
    2. Deutscher Karikaturenpreis für Erdogan-Zeichnung
    3. Verhandler könnten ORF-Gebühr kappen
    4. AC/DC-Gitarrist Malcolm Young ist tot
    5. Sängerfest im Kitschpalast


    Quiz


    CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

    Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

    Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.


    Werbung


    Werbung