• vom 13.09.2017, 20:18 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 14.09.2017, 15:18 Uhr

Ausstellungskritik

Als Morak und Metropol noch wild waren




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Von Christoph Irrgeher

  • Eine Meistererzählung auf 300 Quadratmetern: Das Wien Museum spürt der Geschichte des heimischen Pop nach.

Der Chef hatte die besten Ideen am Abort: Ein Plakat von Novak’s Kapelle, entstanden um 1971. - © Archiv Karl Vollmann

Der Chef hatte die besten Ideen am Abort: Ein Plakat von Novak’s Kapelle, entstanden um 1971. © Archiv Karl Vollmann

Hat die Schau eine Kernthese? Es fällt Kurator Thomas Mießgang nicht leicht, die Frage des Direktors zu beantworten. Schließlich kommt er der Bitte von Matti Bunzl aber doch nach. Die These für die neue Pop-Schau im Wien Museum wäre also in etwa: Auch wenn sich die Rockmusik im Nachkriegsösterreich vorerst so anhörte wie in den meisten Nachbarländern, nämlich nach einem US-Abklatsch - man fand hier doch schnell zu einem speziellen Idiom. Zu einem Pop mit einer gewissen Sprachnote. Einem Wienerisch, das man beim Wirten am Eck verstand, das aber auch, so meinen die Kuratoren, Anregungen aus der Kunst-Avantgarde der 50er Jahre empfangen habe. Mag Georg Danzer den heimischen Pop auch in Richtung Beisl-Credibility perfektioniert haben: Die Wiener Gruppe rund um Konrad Bayer (später vertont von der Worried Men Skiffle Group) hätte ebenfalls Anteil an der DNA des Genres.

Genauer besehen, hat diese These etwas für sich. Nicht nur neigt der Austropop seit jeher zu einer artifiziellen Verwendung des Slangs. Er tut dies auch noch in Gestalt von heutigen Exponenten wie Voodoo Jürgens oder Bilderbuch. Dass Letztere in der Ausstellung "Ganz Wien" ebenso präsent sind wie alte Helden, vermittelt nicht zuletzt eine frohe Botschaft: Prangt der heimische Pop auch im Museum - am Ende ist er nicht.

Information

Ausstellung
Ganz Wien - Eine Pop-Tour
Wien Museum, bis 25. März 2018
Link: Wien Museum

Perfekt erzählt auf engem Raum

So sehr man dem zustimmt, drängt sich beim Flanieren aber auch eine andere These auf - nämlich, dass manches früher besser war. Ja, es gab eine Zeit, da war das Wiener U4 noch keine handelsübliche Disco in Meidling, sondern ein Tummelplatz für schräge Vögel wie Falco. Es gab eine Zeit, da war Franz Morak noch eine ganze Sympathiepunkteskala entfernt von seiner Rolle als Kunststaatssekretär und kreischte als Schockrocker von einem Plattencover, das Gottfried Helnwein gestaltet hatte. Und es gab eine Zeit, da diente das Metropol noch nicht als Refugium für mehr oder minder hoffnungsvolle Kleinkunst, sondern hieß Hernalser Vergnügungszentrum (HVZ) und bot als solches nicht nur Tänzern der Neigungsgruppe Beat und Soul eine Bühne, sondern auch Exzentrikern wie Drahdiwaberl für ihren Irrsinn aus Rambazamba-Rock und "Schlachtschuss"-Kanonenkostüm.

All dies wird im Wien Museum eindrucksvoll nacherzählt, und dabei haben die Kuratoren zwei knifflige Probleme gelöst. Schließlich stellte sich ihnen nicht nur die Frage, wie sich Tonkunst in einer Schau materialisieren lässt. Der kleine Sonderausstellungsraum (rund 300 Quadratmeter!) wirft ein zusätzliches Problem auf.

Im aktuellen Fall wurde dies souverän bewältigt. Während die Wände mit haptischen Zeitzeugen bestückt sind - Covers, Karten, Plakate, Zeitungsberichte, Glockenhosen -, wird der Raum selbst von einem Dutzend audiovisueller Stationen gefüllt, die anzusehen sind wie Riesen-Dunstabzugshauben. Hat man diese in geduckter Position betreten, lassen sich auf einem zentralen Bildschirm Live-Mitschnitte betrachten. Dabei spiegelt jede "Haube" nicht nur eine Ära wider, sie macht diese an einem speziellen Ort fest.

Als Erstes zeigt sich dabei - gewissermaßen als Vorgeschichte - das Innenstadtlokal Strohkoffer, das der Art Club Wien mit seinem abwechslungsreichen Programm bespielte und so auch Helmut Qualtinger inspiriert haben dürfte. Daneben üben sich Anzugträger in seltsamen Verrenkungen: Es sind die Twist-Tänzer der Sixties-Disco Star Club Wien. Bei der nächsten Station gibt das ehemals übel beleumundete Voom Voom in der Laudongasse noch einmal Laut, und es taucht - apropos Skandal - das Mastermind von Novak’s Kapelle in einem TV-Beitrag auf. Dieser Erwin Novak empfängt den Reporter zwischen Klotür und -angel und ist nicht um die Auskunft verlegen, dass ihm beim, äh, Defäkieren die besten Ideen kämen.

Fendrich nur auf der Tonspur

Nicht zuletzt wird die (einstige) Schützenhilfe der großen ORF-Stationen gewürdigt: Eine Zeit, als Ö3 noch seine innovationspralle "Musicbox" betrieb und damit Austropop-Hymnen wie dem "Hofer" zum Durchbruch verhalf. Ein solches Sprachrohr ist heute am ehesten noch der Jugendsender FM4, der in seinen Signations - "Don’t be afraid, baby" - immer noch mit der subversiven Rolle kokettiert.

Dass es diese Widerborstigkeit auch den Ausstellungsmachern angetan hat (namentlich Thomas Mießgang, Michaela Lindinger und Walter Gröbchen), erklärt, warum ihre exzellente Schlaglichter-Schau einen Bereich weitgehend ausgeblendet lässt: den Konsens-Pop. Aber gut, den hört man im Formatradio ohnedies genug. Und der im Wien Museum lediglich via Tonspur gewürdigte Rainhard Fendrich ("Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen") darf sich trösten: Die Uraufführung seines Musicals "I Am From Austria" läuft am Samstag im Raimundtheater.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-13 20:24:06
Letzte nderung am 2017-09-14 15:18:14




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