• vom 14.09.2017, 17:01 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 14.09.2017, 17:12 Uhr

Pop-CD-Kritik

Dunkelheit und Seelenfrieden




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Zola Jesus betritt mit ihrem neuen Album "Okovi" lichtarme Zonen zwischen Leben und Tod.

Im Zwischenreich - und live am 21. November im Wiener Fluc: US-Musikerin Zola Jesus.

Im Zwischenreich - und live am 21. November im Wiener Fluc: US-Musikerin Zola Jesus.© Tim Saccenti Im Zwischenreich - und live am 21. November im Wiener Fluc: US-Musikerin Zola Jesus.© Tim Saccenti

Nimmt man die alte und düster-romantisch verklärte These her, dass vor allem der leidende Künstler derjenige ist, der sich unter dem größten und vielleicht letzten möglichen Kraftaufwand ein besonders intensives und gehaltvolles, tiefschürfendes Werk abringt, handelt es sich aktuell wieder um eine gute Zeit für Zola Jesus. Die 1989 geborene US-Amerikanerin mit ukrainischen und slowenischen Vorfahren galt zwar nach ihrem in schäbiger Lo-Fi-Manier aufgenommenen, metallisch schleifenden Debütalbum "The Spoils" auch aufgrund ihres dramatischen Ariengeschmetters 2009 als Nachwuchshoffnung im erweiterten Gothicbereich. Zuletzt auf dem Album "Taiga" von 2014 wurden der Popanteil und das Licht dann aber schon so sehr ins Auge gefasst, dass dieser Ruf erheblich ins Wanken geriet.

Fesseln des Todes

Aktuell spricht Zola Jesus anlässlich der Veröffentlichung des Nachfolgers "Okovi" (Sacred Bones/Cargo) von einer schwierigen Zeit, die damals einerseits mit ihrer temporären Heimat in Seattle und Los Angeles zu tun gehabt hätte. Zu viel Sonne! Zu viele Menschen! Der völlige Rückzug in die Isolation (und dessen Notwendigkeit) wurde also nicht von ungefähr bereits im Jahr 2011 mit dem Song "Hikikomori" besungen, dessen Titel der japanische Ausdruck für genau diesen Rückzug ist. Andererseits war die Musikerin mit einem wiederholten Suizidversuch und einer unheilbaren Krebserkrankung ihr nahestehender Personen konfrontiert. Der ihr zuvor nur als abstrakte Größe bekannte Tod war nun real und greifbar geworden. Er lieferte die Inspiration für ein Album, das das slawische Wort für "Fesseln" als Grundlage nimmt, die eine Unausweichlichkeit zu thematisieren, die uns alle betrifft.

Zusätzlich ist Zola Jesus zurück in ihre alte Heimat Wisconsin gezogen, um Halt bei den Wurzeln zu finden. Diese lauern bei dieser heute wieder dunklen Musik standesgemäß im finsteren Wald, den man auch im verlässlich schwarz-weiß gehaltenen Video zur Auftaktsingle "Exhumed" erkennen kann, während die Musik zu dräuenden Streichern und aufgeriebenen Laptopbeats pocht und pumpt. Drastischer als hier wird "Okovi" allerdings nicht. Wie bereits "Doma" zum Auftakt demonstriert, stellt Zola Jesus der Dramatik des Sterbens die sogenannte ewige Ruhe, vielleicht auch den Seelenfrieden danach gegenüber. Das legt eingangs schon der rituelle Gruppengesang mit schwerem kathedralischem Nachhall nahe. Und das bestätigt später vor allem auch das unmittelbar dem Suizidversuch geschuldete "Witness", bei dem der Himmel voller Geigen hängt und Zola Jesus an Björk in ihrer "Homogenic"-Phase erinnert, allerdings gänzlich ohne (Blubber-)Beats, gerolltes "Rrrr" und mit der erheblich weniger anstrengenden Stimme.

Was bleibt?

Im Anschluss beim stromlinienförmigen Pop von "Siphon" geht es Zola Jesus ums Durchhalten und eine Rückkehr zum Leben: "We just want to save you / Pull you from those dark nights / We just want to show you there’s more to life / Won’t let you bleed out, can’t let you bleed out!" Das dazu notwendige Blut als Sujet kehrt auch bei "Wiseblood" wieder, mit dem sich die Protagonistin in harmonischer Nähe zu Depeche Mode in ihrer "Black Celebration"-Phase allerdings um ihre eigenen Depressionen - und deren Überwindung - kümmert: "This’ll be my last hope / That this dream will carry me through."

Zwei Songs über die Frage nach dem Nachleben gibt es auch. "Veka" setzt auf das bewährte Motto "Traurig tanzen" und landet nach einem nächtlichen Spaziergang durch leer stehende Industrieruinen samt Rückwärtsloops russischer (?) Wortfetzen wie aus der Black Lodge aus "Twin Peaks" endgültig im Club. Und bevor uns Zola Jesus mit dem vokal nur von etwas gesummter Hintergrund-Melismatik abgefederten "Half Life" ins Zwischenreich entlässt, stellen im bittersüßen "Remains" die Ungewissheit der Fragestellung und die wiedererlangte Ruhe im Herzen keinen Widerspruch dar: "What remains of us?" Die Antwort darauf muss zwangsläufig im Nebel verschwimmen, der auch die Musik auf "Okovi" mit mitunter schaurig-schöner Note durchzieht.





Schlagwörter

Pop-CD-Kritik, Zola Jesus

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 15:54:09
Letzte ńnderung am 2017-09-14 17:12:25




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Ich glaube nicht mehr an Trends"
  2. "Skandale finden in der Realität statt"
  3. Ketchup von oben
  4. Der Teufel am Kreisverkehr
  5. Geboren aus dem Chaos
Meistkommentiert
  1. Als Morak und Metropol noch wild waren
  2. kurz gesagt: so gehts
  3. Eine schwierige Kiste
  4. Streit um Affen-Selfie beendet
  5. ORF wünscht sich ein Dutzend Gesetzesänderungen


Quiz


Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Während einer Protestveranstaltung gegen Polizeigewalt vor dem Police Department von Baton Rouge, Louisiana, USA, am 9. Juli 2016, stellt sich die Aktivistin Ieshia Evans den vorrückenden Polizisten entgegen und streckt ihre Hände aus, bereit, sich verhaften zu lassen. Georgeund Amal Clooney gehörte die Aufmerksamkeit am Wochenende. Die gemeinsamenZwillinge blieben jedoch daheim bei der Nanny.

Matt Damon mit seiner Frau Luciana Barroso. "Downsizing", in dem Damon die Hauptrolle spielt, hat die 74. Festspiele von Venedig eröffnet. Der US-amerikanische Rapper Kendrick Lamar wurde sechsfach ausgezeichnet. Der wichtigste Preis: Sein Hit  "Humble" wurde zum Video des Jahres gewählt.


Werbung


Werbung