• vom 18.09.2017, 16:28 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 18.09.2017, 16:49 Uhr

Musical

Rot-weiß-rotes Marzipan




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Von Christina Böck

  • "I am from Austria": Bemühte Selbstironie und triviales Pathos im Fendrich-Klang.

Selfiepose: die "Schickeria" aus "I am from Austria". - © Deen van Meer

Selfiepose: die "Schickeria" aus "I am from Austria". © Deen van Meer

Natürlich, es hätte schlimmer kommen können. Die Vereinigten Bühnen Wien hätten sich entschließen können, ein Musical nur mit den Hits von DJ Ötzi zu machen. Das wäre musikalisch, nun ja, eintöniger geraten als "IamfromAustria". Das kann wenigstens mit den allseits beliebten Liedern von Rainhard Fendrich aufwarten. Und das war es dann auch schon.

Jukebox-Musical, so heißt das Genre, in dem bekannte Lieder in eine mehr oder weniger schlüssige Handlung gebettet werden, erfreuen sich nachvollziehbarer Beliebtheit. Sie sind einfach(er) zu produzieren, weil die Musik praktisch schon vorhanden ist, und sie sind dank Wiedererkennungseffekt und Nostalgiefaktor publikumsgefällig. Das beste Beispiel ist "Mamma Mia" mit den Hits von ABBA, das sogar einen niedlichen Film inspiriert hat. Auch mit Material von Udo Jürgens und Udo Lindenberg fährt man in diesem Genre bereits gut. Es lag nahe, so etwas auch mit österreichischem Pop-Material zu versuchen.


Pickiges Schlagobers
Und so zimmerten Titus Hoffmann und Christian Struppeck "I am from Austria" um Lieder wie "Schickeria", "Strada del Sole", "Nix is fix" oder "Tango Korrupti". Es geht um eine Hollywood-Berühmtheit, die aus Österreich stammt und inkognito in ihre Heimat reist. Weil sie dort, wiederum sehr öffentlich, den Opernball besuchen wird. Das ist nicht die einzige Widersprüchlichkeit, die sich durch dieses Musical zieht wie ein pickiger Schlagobersfaden. Emma Carter (gespielt von Irena Flury, dem neuen "Billa"-Hausverstand) logiert in einem Hotel, das wie eine rot-weiß-rote Torte aussieht (Bühnenbild: Stephan Prattes). In den Sohn der Hoteliersfamilie Edler, Josi (Lukas Perman), soll sich der Star schließlich verlieben - weil er ihr "Wien bei Nacht" zeigt. Daneben liegt sie im Clinch mit ihrem übereifrigen und intriganten Manager (Martin Bermoser), der sie in Teil 5 von "Chaos der Gefühle" gebucht hat. In Josi sieht Emma die Chance, ihrem Glamourtrott zu entkommen. Eine Zeit lang denkt man, er füttert sie nun so lange mit der weltberühmten Hoteltorte, bis sie zu dick wird für Romantik-Komödien und aus Body-Mass-Index-Gründen ins Charakterfach wechseln muss.

Aber derart halsbrecherische Originalität ist von "I am from Austria" nicht zu erwarten. Denn leider merkt man dem Musical die Bastelarbeit überdeutlich an. Wie kriegt man "Strada del Sole" unter, das Lied mit der Flamme, die einen im Urlaub stehen lässt? Das midlife-kriselnde Hoteliers-Paar (Andreas Steppan, Elisabeth Engstler) erinnert sich an den holprigen Beginn seiner Ehe. Was tun mit "Es lebe der Sport"? Ein Fitnesscenter wird eröffnet, mitsamt südamerikanischem Fußballgott (Fabio Diso), den es natürlich auch nur gibt, weil, erraten, "Macho Macho" einen Protagonisten braucht.

Nun könnte man das alles trotzdem charmant finden, würde die Banalität nicht so schmerzen. Klischee türmt sich hier über Klischee, bis man ein Gipfelkreuz draufstellen könnte. Vor einem solchen zelebriert Emma Carter auch ihre Mensch- bzw. Österreicherinwerdung mit dem titelgebenden Song. Das Pathos, das man diesem Lied verzeiht, wenn es Fendrich auf seine typische Art verschludert, tropft in der Version wie zähe Murmeltierfettsalbe.

Musikalisch Luft nach oben
Musikalisch gab es am Premierenabend (Regie: Andreas Gergen) Luft nach oben, nicht nur für die Hauptdarstellerin, auch beim Zusammenspiel des Ensembles in Chorszenen. Das Orchester unter Michael Römer ist souverän, verwandelt Fendrichs Nummern aber in ein zu gleichförmiges Einerlei. Auch so ein Widerspruch: Denn tatsächlich krankt das Stück daran, dass die ausgewählten Lieder zu heterogen für ein Stück aus einem Guss sind.

Es gibt gute Momente, etwa die flotte "Macho Macho"-Nummer oder Andreas Steppans fröhlich-gebrochene "Strada del Sole"-Präsentation. Auch die Choreografien von Kim Duddy sind schmissig und ideenreich. Dolores Schmidinger hat als Concierge die meisten Gags, nicht alle zünden. Fraglich bleibt, wen die Mischung aus "Notting Hill" und "Hallo Hotel Sacher Portier" mit einem Schuss uninspiriertem Neujahrskonzert-Tourismuswerbe-Pausenfilm eigentlich ansprechen soll. Einem ausländischen Publikum fehlt das Retrofaible für Fendrich-Songs und einem heimischen könnte die bemühte Selbstironie unter all dem rot-weiß-roten Marzipan zu umständlich zu finden sein. Aber bitte: wenigstens kein "Anton aus Tirol".

Musical

I am from Austria

Raimundtheater




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Dokument erstellt am 2017-09-18 16:33:11
Letzte nderung am 2017-09-18 16:49:55




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