• vom 19.09.2017, 15:41 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 19.09.2017, 16:04 Uhr

Jay-Jay Johanson

Grau ist keine warme Farbe




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Von Andreas Rauschal

  • Jay-Jay Johanson, Meister des Torch Songs, kommt mit seinem neuen Album nach Wien.

Verschlafener Minimalismus und Melancholie bei Jay-Jay Johanson.

Verschlafener Minimalismus und Melancholie bei Jay-Jay Johanson.© Laura Delicata Verschlafener Minimalismus und Melancholie bei Jay-Jay Johanson.© Laura Delicata

Weil man die Stammkundschaft nicht über Gebühr mit Neuigkeiten verwirren sollte, setzt gleich der Auftaktsong auf Bewährtes. Die erste Textzeile lautet "You don’t love me anymore!" - und erinnert daran, dass der Protagonist nicht von ungefähr als Schmerzensmann gilt, der zumindest im Werk die Trennung und ihre Begleiterscheinungen bevorzugt und nicht ein Happy End im Abendrot.

An der Oberfläche widerspricht die von Jay-Jay Johanson seit seinem Debütalbum "Whiskey" von 1996 aufgestellte, zentrale Arbeitshypothese also jener der österreichischen Band Wanda. Sie lautet im Fall des 1969 im schwedischen Trollhättan geborenen Songwriters "Auseinandergehen ist nicht schwer" und bezieht sich auf den Akt des Break-ups selbst, nicht aber auf die Zeit im Anschluss. Schmachtend-seufzende, wehklagend-wimmernde und trocken-traurige Songs mit quer durch die Karriere programmatischen Titeln wie "It Hurts Me So", "The Girl I Love Is Gone", "She’s Mine But I’m Not Hers", "Alone Again", "Suffering" oder "Alone Too Long" belegen es und weisen Jay-Jay Johanson als konsequenten Jünger einer Kirche aus, in der es statt Lobliedern Torch Songs setzt.

Information

Konzert:

Jay-Jay Johanson

5. Oktober

Chelsea Wien

Moll-lastiges Hallklavier

Nach Anfängen in einer eigentümlichen Spielart von Trip-Hop mit zwischen Jazz- und Chanson-Elementen aufgeladenem Songwriter-Einschlag, dem Hitchcock-Horror des Meisterstücks "Poison" von 2000, Bossa-Noir-Einsprengseln, gedimmten Streichern der Marke James Bond und elektronischen Ausflügen auf Basis elaborierter Blubberbeats, plötzlich tanzbaren Synthie-Pops und French House auf "Antenna" (2002) und "Rush" (2005) oder auch dem Edelpop von "The Long Term Physical Effects Are Not Yet Known" ist der umtriebige Musiker auf mittlerweile fünf Alben seit dem Jahr 2008 aber wieder bei sich selbst angekommen: "Self-Portrait" markierte die Rückkehr zum moll-lastigen, mitunter mit Trauerflor bekränzten Hallklavier und einem organischen Setting, das zuletzt stärker auf perkussives Wurzelwerk fokussiert war. Dieses Konzept wird nun auch auf dem im Titel beinahe positiven, weil das (Kriegs-)Beil des Rosenkriegs begrabenden neuesten Streich fortgesetzt und erweitert.

Auf "Bury The Hatchet", das Johanson auf dem in seinem Kernmarkt Frankreich beheimateten Label 29 Music veröffentlicht, markiert diesen Umstand zur Eröffnung ein Breakbeat, über dem sich unser (Anti-)Held mit zarter Jazz-Phrasierung in der Stimme, Klavierakkorden und zart abfederndem Bass begnügt, ehe im Hintergrund eine nostalgisch-versunkene Pedal-Steel-Gitarre aufheult. Munterer, wenn auch im Klang verschlafener Minimalismus und reuelose Reduktion stehen auf dem Programm. Das ergibt gerne auch Barhockermusik, für die als alleinige Begleitung Rotwein erlaubt ist.

Im hatscherten Walzertakt zu einer aus dem letzten Loch pfeifenden Posaune bewegt sich Jay-Jay Johanson zwischen gekränktem Stolz und entschiedenem Abschied: "You’re never thankful for what you’ve got. But you’ll miss me when I’m gone .. .".

Er verabschiedet zur Erforschung der weiteren Arbeitshypothese, dass Grau keine warme Farbe ist, den Sommer in die Herbst- und Winterdepression ("November"), legt es bei "Snakes In The Grass" verquer-dräuend an und erinnert im instrumental gehaltenen "The Girl With The Sun In Her Eyes" nicht zuletzt an die Klaviermelancholie eines Erik Satie. Dass das Keyboardstreichermotiv des synthetisch gepolsterten "She’s Almost You" wiederum bei "Cowboys & Angels" von George Michael anstreift, dürfte Zufall sein - nicht aber das Ravel’sche "Boléro"-Zitat im autobiografischen "Advice To My Younger Self".

"Rainbow" (mit einem Gastauftritt des Cocteau-Twins-Sprösslings Lucy Belle Guthrie) bringt gegen Ende Farbe und Licht, aber auch den für Außenstehende nur schwer zugänglichen Kitsch des Songwriters ins Spiel. Davor hat man die Abstiegs- und Untergangsgeschichten "From Major To Minor" und "Wreck" als Albumhöhepunkte und Argumente dafür gehört, Jay-Jay Johanson bei seinem Konzert am 5. Oktober im Wiener Chelsea zu besuchen. Hach! Seufz.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-19 15:48:13
Letzte ─nderung am 2017-09-19 16:04:07




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