• vom 21.09.2017, 13:51 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 21.09.2017, 14:59 Uhr

Albumkritik

Pathos, Drama, Bibellesung




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Von Andreas Rauschal

  • Die Killers sind wieder da. Ein neues Album bietet abermals große Gesten für Konzerte in Fußballstadien.

Zwischen Durchhalteparole und Erbauungsbotschaft: The Killers (Brandon Flowers, M.).

Zwischen Durchhalteparole und Erbauungsbotschaft: The Killers (Brandon Flowers, M.).© Universal Music Zwischen Durchhalteparole und Erbauungsbotschaft: The Killers (Brandon Flowers, M.).© Universal Music

Dass die Killers aus Las Vegas stammen, ist eigentlich ein schlechter Witz und gleichzeitig sehr passend: Einerseits straft die Band mit ihren Welteroberungskreuzzügen unter Mithilfe des globalen Mainstreamradios ein bestens bekanntes Motto ihrer Heimatstadt Lügen, das da lautet: "What happens in Vegas stays in Vegas." Andererseits ist Las Vegas neben, sagen wir, Dubai mitsamt seiner quasiälplerischen Replika-Skipiste in der Shoppingmall die vielleicht unechteste Stadt dieser Erde. Und die Killers sind eine sehr unechte Band, um die herum es glitzert und schillert, bis alles in Schall und Rauch verpufft und man im dichten Bühnennebel Schwefel vernimmt.

Der Typus Gockelhahn

Eine fünfjährige Veröffentlichungspause hat die Band ihren Jüngern zuletzt angetan, und dass sie live ohne ihre Kernmitglieder Dave Keuning und Mark Stoermer auferstehen wird, dürfte an gewissen, von Mastermind Brandon Flowers mit mittlerweile zwei Soloalben untermauerten Zerfallstendenzen wenig ändern. Weil im Pop aber bekanntlich der Moment zählt und das Hier und Heute, frohlockt und jauchzt die Gefolgschaft ob des Herabstiegs der Erlöser, der heuer bereits von den Singles "The Man" und "Run For Cover" eingeläutet wurde.

Die Killers selbst waren insofern noch mit der Vergangenheit beschäftigt, als sie ihr martialisch nach der Flaggeninschrift des Bundesstaates Nevada benanntes Vorgängeralbum "Battle Born" in Interviews relativieren mussten. Brandon Flowers war mit den Ergebnissen unzufrieden. Alles am neuen Werk würde besser sein. Vielleicht trägt es auch deshalb den Titel "Wonderful Wonderful" (Universal Music) und kommt so breitbeinig daher wie ein Alphamännchen nach einer selbst verordneten Kokain-Diät. Dass sich das Album unter anderem auch mit (überholten) Männlichkeitsbildern beschäftigt, ist kein Widerspruch. Flowers muss im Musikvideo zu "The Man" ja auch den Typus Gockelhahn geben, der er auf der Bühne irgendwie selber ist. Der Song (Kokain, hin, hin, hin!) - ja, darf es sein? - klingt übrigens nach "Der Kommissar" von Falco, ehe er mit dem alten Moroder-Vocoder und sexy angefunkten Gitarren auf Basis eines Samples von Kool & The Gang in den schneidigen Disco-Refrain abbiegt, den man als selbstüberzeugt-gewinnend bezeichnen könnte.

"Run For Cover" wiederum - auch hier untermauert das Musikvideo die Botschaft, und zwar drastisch - beschäftigt sich mit dem Thema häusliche Gewalt, das man im Fußballstadion, dem natürlichen Habitat der Killers, vor allem vom Nicht-drüber-Reden kennt. Vielleicht braucht es deshalb dieses musikalische Grundgerüst, eine mit allem Pathos dieser Welt aufgeladene Hymne, die sich mit kämpferisch in den Himmel geballter Faust auf den Heartland-Rock von Bruce Springsteen beruft. Große Gesten und exakt kein Genierer, das ist die Essenz. Wurde schon erwähnt, dass Bono ein großer Fan der Killers ist?

Bei "Tyson vs. Douglas" geht es anlässlich einer Boxbegegnung aus dem Jahr 1990 um Stärke und Schwäche und Männertränen: "You’re used to winning, how did it feel? Did you hear the screaming? It was unreal." Dass Brandon Flowers im live für Feuerzeugalarm sorgenden, im Wesentlichen aus dem hübschen Instrumentalstück "An Ending (Ascent)" von Brian Eno bestehenden "Some Kind Of Love" die Depressionen seiner Frau thematisiert und die gemeinsamen Kinder die Zeile "Can’t do this alone, we need you at home" singen lässt, wäre ohnehin eine eigene Betrachtung wert. Wobei das zur Eröffnung mit einem Musicalrefrain aufwartende Titelstück als Regentanz zwischen Durchhalteparole ("Motherless child, rescue rescue. Don’t you listen to the never, keep praying for rain!") und Erbauungsbotschaft ("I am with thee, thou wast never alone") sowie das powerballadistische "Rut" in eine ähnliche Kerbe schlagen: "Don’t you give up on me!" Bezieht man diese Zeile hingegen auf die Killers selbst, ist nicht zu bestreiten, dass man sich nach Kräften bemühen muss. Gerade jetzt, wo "Life To Come" als akute U2-Kopie um die Ecke biegt, an deren Ende auch über eine Gitarre der Marke The Cure mit der Brechstange aus der Popgeschichte gestohlen wird.

Schultergepolsterte Keyboards

"Out Of My Mind" ist begnadet käsiger 80er-Jahre-Pop mit Funk-Gitarren, schultergepolsterten Keyboards und Brandon Flowers in seiner Paraderolle als emotional kränkelnde männliche Drama-Queen und verkappte Diva: "But I can’t get you out of my mind. . . To get you out of my bed. To get you out of my heart and my head. Oh, we’re falling!"

Warum Bono so gut mit den Killers kann, offenbart neben eingestreuten katholisch-schuldigen Zeilen wie "Maybe I’m dirty, maybe I’m unworthy" aber spätestens ein Song wie "The Calling". Hier verschleiert Flowers durchwegs nicht, dass er der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angehört und lässt eingangs sogar aus dem Matthäus-Evangelium lesen. Mein Gott!

Weil man auf Bono als Gaststar verzichten muss, schaut ein anderer üblicher Verdächtiger in Form von Mark Knopfler vorbei, der beim letzten Song an der Gitarre aushilft. Unter seiner Mithilfe verabschieden sich die Killers nach 43 Spielminuten mit einer Frage: "Have all the songs been written?" Die kritische Hörerschaft aber kennt die Antwort bereits.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-21 13:57:06
Letzte ─nderung am 2017-09-21 14:59:05




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