• vom 02.10.2017, 15:49 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Buch

Sinfonien des Fortschritts




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief





Als der Progrock am Zenit stand, war der aus Wilmington, Delaware stammende und aufgewachsene Autor selbst noch gar nicht geboren. Weigel ist Jahrgang 1981. Progrock zu hören habe er zudem erst Mitte der Neunziger begonnen, im Alter von 14, 15, "über den Umweg Hardrock und Heavy Metal". Zweifellos half dabei, dass der junge Herr Weigel einen Gutteil seiner Jugend nicht in seiner Heimat, sondern in England verbrachte. Was das Buch nicht weniger interessant macht, ist die Tatsache, dass der Mann heute als einer der besten Politikreporter der USA gilt. Nach Beschäftigungen bei "Bloomberg Politics" und "Slate" arbeitet Weigel seit 2015 für die "Washington Post", wo er sich seitdem einen Ruf als gnadenloser Sezierer der konservativen Tea-Party-Bewegung und des Trump-Phänomens erarbeitet hat. Auf Twitter versammelt er auf seinem Account, auf dem er regelmäßig mit sarkastischem Wortwitz brilliert, stattliche 320.000 Follower.


In "The Show that never ends" zeichnet Weigel anhand der ihn später tragenden Akteure akribisch die Entwicklung des Progrock nach. Seine Geschichte beginnt in den Wohnzimmern von Nachkriegs-Großbritannien, wo der letztes Jahr verstorbene Keith Emerson amerikanische Bigbands im Radio hört, deren Wucht er als Teenager in seine ersten musikalischen Gehversuche einwebt und streckt sich über die Anfang der Sechziger aufkommende Psychedelia- und Freakbeat-Bewegung bis hin zu den sphärischen Instrumentalexperimenten der aus Manchester stammenden Kultband Van der Graaf Generator. Der vielleicht letzte Aufzeiger des klassischen Progrock erfolgte Anfang der Achtziger, als die schottische Band Marillion mit Megahits wie "Kaleigh" reüssierte.

Progrock-Kreuzfahrt
Nicht, dass Progrock und sein Publikum heute ganz ausgestorben wäre, im Gegenteil. In den nicht-analytischen, reportagigen (und extrem unterhaltsamen) Teilen von "The Show that never ends" begibt sich Weigel etwa auf eine Progrock-Kreuzfahrt in die Karibik, wo manche der weiter oben genannten Bands (oder zumindest der verbliebene Rest ihrer Mitglieder) und ihre Epigonen bis heute tausende Fans begeistern. Bei seinen Beobachtungen hält Weigel, wiewohl bekennender Fan, aber stets eine wohltuende Distanz zu den Objekten seiner Verehrung, was der Lektüre guttut. Der Mann ist nicht blöd und sich dementsprechend darob bewusst, wie seltsam die Auswüchse des Progrock auf Außenstehende wirken müssen: Einem über zehn Minuten dauernden, orchestralen Stück über interstellare Reisepläne zuzuhören ist nicht jedermanns Sache. Aber Fortschritt hat eben immer seinen Preis.

zurück zu Seite 1




Schlagwörter

Buch, Pop, Progressive Rock

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-02 15:54:10




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Eine Frage hat er noch
  2. Heinz Petters ist tot
  3. Als wäre Romy auferstanden
  4. Opern-Comeback im Steinbruch St. Margarethen
  5. Der Irrsinn der Macht
Meistkommentiert
  1. Armin Wolf klagt FPÖ wegen Facebook-Posting
  2. ÖVP/FPÖ sorgen für Zweidrittelmehrheit im ORF
  3. Die Drohkulissen
  4. "Kultur in harten Kämpfen verschonen"
  5. Der Irrsinn der Macht


Quiz


Bille August.

Am Donnerstag, 15. Februar 2018, ging die Eröffnung der 68. Berlinale über den roten Teppich. Zahlreiche Stars aus nah und fern waren mit dabei.

Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer. Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede


Werbung


Werbung