• vom 04.10.2017, 20:21 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 04.10.2017, 21:30 Uhr

Albumkritik

"Immer leichter wird es schwer"




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Von Andreas Rauschal

  • Wanda veröffentlichen ihr drittes Album: Auf "Amore" und "Bussi" folgt nun "Niente".

Von der Kindheitserinnerung bis zum Wiener Zentralfriedhof ist es nur einen Gianna-Nannini-Refrain weit: Wanda im Jahr 2017.

Von der Kindheitserinnerung bis zum Wiener Zentralfriedhof ist es nur einen Gianna-Nannini-Refrain weit: Wanda im Jahr 2017.© Wolfgang Seehofer Von der Kindheitserinnerung bis zum Wiener Zentralfriedhof ist es nur einen Gianna-Nannini-Refrain weit: Wanda im Jahr 2017.© Wolfgang Seehofer

Anders als zuletzt bei "Bussi" wurde diesmal auf ein Shitstorm erregendes Musikvideo mit Feuchtgebieten und Frauenbeinen verzichtet. Das wahre Feuchtgebiet bei Wanda ist neben dem schon wieder auf seinen Bodensatz heruntergebrochenen Weinderlglas beim Brandineser ohnehin die angeranzt-miachtelnde Lederjacke des Sängers, auch wenn diese längst durch eine verlotterte "neue" ersetzt werden musste. Die Eigentliche kann derzeit in der "Ganz Wien"-Ausstellung bewundert werden, weil Wanda drei Jahre nach ihrem Debüt bereits auch ein Fall für das Museum sind. Soweit die Fakten.

Weniger Euphorie
Für die als lebende Schauobjekte außer beim Wirtn im Regelfall auch auf der Bühne umgehende Band in Fleisch und Blut heißt es aktuell noch etwas warten. Die nächste große Fahrt startet erst im März 2018 und wird Wanda am
7. April auch wieder in die Wiener Stadthalle führen. Zur Überbrückung gibt es ein neues Album, für das sich im Vorfeld die Frage stellte, ob darauf und nach zwei Hitalben zwischen Austropop- und Italo-Einschlag, also auch zwischen Wiener Schmäh (und Wehleidigkeit) und etwas Amore-Motore-Einedrahrarei, eine Neuerfindung passieren würde. Eine Frage, die, wenn man Österreich als Land kennt, in dem alles so bleiben soll, wie es war, mit "Oida! Heast?" beantwortet werden konnte. Und auch im guten alten Rock’n’Roll regiert ja die Übereinkunft, dass man schön blöd sein müsste, sich grob zu verbiegen - solange man nicht muss.


Allerdings sollte man Wanda angesichts ihres nun erscheinenden dritten Streichs auch nicht unrecht tun. "Niente" (Universal Music) zeichnet sich außer durch weniger Brechstangenhits auch durch einen gesenkten Euphoriepegel aus. Das schlägt sich in greinenden Streichern, gemächlichem Humpelbass und vor allem einem dezent auf die Sperrstunde verweisenden Honky-Tonk-Klavier nieder und bedeutet inhaltlich, dass es nicht mehr so sehr darum geht, die Wirtschaft per Lokalrunde anzukurbeln. Man hört hier zuallererst Männer, die beim Sich-selber-Leidtun zurück an ihre Kindheit denken. Mutter, wann wird es wieder so schön, wie es niemals war?

Mehr Overacting
Mit heiser-gepresster Stimme erklärt Marco Michael Wanda bei "Weiter, weiter" gleich zu Beginn den dafür ursächlichen Sachverhalt: "Immer leichter wird es schwer und schwer und/Alles wirft mich aus der Bahn." Die Auftaktsingle "Columbo" flüchtet sich mit New-Wave-Einschlag und Abzählreim vermutlich auch deshalb heimwärts ("Heute gehen wir gar nicht raus/Wir bleib’n im Pyjama z’haus"), wo es aber kein Happy End geben wird. Die Frau, die bei Wanda "Baby" heißt, ist naturgemäß nicht die eigene Mutter.

Im Vorbeigehen bringen Wanda bei "Lieb sein" als Wanda-Coverband Wiener Befindlichkeiten auf den Punkt, obwohl sie über Beziehungen singen. "Lieb sein ist schwer. Lieb sein ist anstrengend. Lieb sein tut weeeeh!"
"Lascia Mi Fare" steuert ohne Genierer gleich auf einen akuten Gianna-Nannini-Refrain zu. Marco Michael Wanda gibt radebrechend den Italo-Lover, der Amore will. Über die Kosten-Nutzen-Rechnung der Band ist im Jahr 2017 zu sagen, dass gleich mehrere neue Stücke aus nur einer Strophe und einem Refrain bestehen.

Eine Überraschung gibt es gegen Ende. Mit "Das letzte Wienerlied" vertonen Wanda einen Text von Kurt Robitschek, der ursprünglich für den vor den Nazis in die USA geflohenen Kabarettisten Hermann Leopoldi gedacht war. Marco Michael Wanda ist jetzt kein Italiener mehr und leitet sein prototypisches Brandineser-Idiom eigens nach Schönbrunn um, um als Laiendarsteller ohne Reinhardt-Seminar-Hintergrund zu Chansonklavier Overacting zu betreiben, das auch für den Abschluss benötigt wird. Nahe am Zentralfriedhof und olle seine Toten miachtelt "Ich sterbe" da beinahe so streng wie die museale Lederjacke des Sängers. Das Hiniche als Kernsujet ist bei uns einfach nicht umzubringen.




Schlagwörter

Albumkritik, Wanda, Niente

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-04 16:09:08
Letzte Änderung am 2017-10-04 21:30:34




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