• vom 12.10.2017, 16:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 13.10.2017, 07:44 Uhr

St. Vincent

Sex und "Puiverl"




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Von Andreas Rauschal

  • Anne Clark alias St. Vincent lädt auf ihrem neuen Album mit abseitigen Themen zur "Masseduction".

Traurigkeit und Lack und Leder: die 35-jährige US-Musikerin Anne Clark alias St. Vincent.

Traurigkeit und Lack und Leder: die 35-jährige US-Musikerin Anne Clark alias St. Vincent.© Nedda Afsari Traurigkeit und Lack und Leder: die 35-jährige US-Musikerin Anne Clark alias St. Vincent.© Nedda Afsari

Der Albumtitel ist gut. Was man beim schnellen Drüberlesen als "Massenerziehung" gleich einmal missverstehen könnte (hey, mit nur zwei geänderten Buchstaben wäre man dann bereits bei der "Miseducation" angelangt!), soll natürlich "Massenverführung" bedeuten und legt gerade in Zeiten des Rechtspopulismus eine politische Botschaft nahe. Allerdings transportiert das Coversujet dann eine eindeutig sexuelle Komponente, wobei die inhärente Sexismusgefahr von Anne Clark aufgebrochen beziehungsweise erst gar nicht zugelassen wird. Wenn die besser unter ihrem Alias St. Vincent bekannte 35-jährige US-Musikerin in Erscheinung tritt, ist neben dem Schrägen, Abseitigen und Verschrobenen gerne auch ein schelmischer Blick auf die Dinge nicht weit. Das weiß man schon seit frühen Songs mit köstlichen und durchaus auch ins Extravagante verweisenden Titeln wie "Jesus Saves, I Spend."

Tabletten auf ex

St. Vincent also spricht anlässlich ihres nun erscheinenden fünften Albums "Masseduction" (Loma Vista/Caroline/Universal) von einem Grundsetting zwischen "Sex, Drogen und Traurigkeit" und bringt das Bild einer Domina auf der Psychiatrischen ins Spiel. Irgendwo zwischen persönlicher Innenschau und privater Depression geht es im Außenblick auch um ein grundsätzliches Unbehagen. Nachdem sich die Musikerin angesichts des Social-Media-Narzissmus unserer Zeit bereits vor drei Jahren mit der Single "Digital Witness" nur mehr wundern konnte, wird sie demnächst nicht von ungefähr zu einer Konzertreise aufbrechen, die den Titel "Fear The Future Tour" trägt. Wie hatte es Leonard Cohen bereits 1992 in einem Song gewordenen Logbuch formuliert? "I’ve seen the future, brother: It is murder!"

Geht man sich als gelernter Österreicher gegen die Misere bevorzugt ins Tschocherl trösten - es gibt dort immer wen, der einen Witz kennt, außerdem ist Hopfen eine Heilpflanze mit beruhigender Wirkung! -, ist man in den US of A nicht erst seit heute radikaler. Wider das Wissen der alten Medizinmänner könnte und kann man sich ja auch Tabletten auf ex einschmeißen. Aus dem Umstand, dass es im Grunde für und gegen alles ein "Puiverl" gibt, das uns beim Funktionierenmüssen zumindest temporär hilft, bezieht St. Vincent den Stoff für einen Song namens "Pills". Dieser kommt flott-aufgerieben daher und entschwebt nach Echos der Zusammenarbeit von St. Vincent mit David Byrne auf dem Album "Love This Giant" von 2012 mit einem Spacepop-Teil in den Orbit.

Das Titelstück selbst führt von der "Masseduction" konsequent hin zur "Mass Destruction", weil man seit Falco weiß, dass es die Lebenslust ist, die uns umbringt. St. Vincent drückt das auf ihre Art, heute also wieder ein bisschen sexuell, aus - "I can’t turn off what turns me on!" -, und krallt sich zu sportivem Elektropop noch schnell einen "Sugarboy" (es muss nicht immer ein Daddy sein).

Rollenspielchen

Im mit prototypisch verqueren Sounds auffahrenden "Savior" wiederum sollen Rollenspielchen zwischen Lack, Leder und Krankenschwestermontur etwas Ablenkung verschaffen. Jetzt noch schnell die zuvor besungenen "Pills to fuck" aufs Tablett! Nicht zuletzt die Single "Los Ageless" (sic!) dreht sich vor diesem Hintergrund ja auch um Jugend- und Schönheitswahn und einen davon angetriebenen Wirtschaftsmotor namens plastische Chirurgie. An dieser Stelle und bei "New York", das zwischen Break-up-Song, Lobgesang (auf eine Metropole) und Trauer (um David Bowie) changiert, hört man übrigens die vermutlich breitenwirksamsten Refrains im bisherigen Werk von St. Vincent, die ihr Neoproduzent Jack Antonoff (Fun, Bleachers) deutlich hervorhebt.

Von heulenden Pedal-Steel-Gitarren getragene und auf Streicher fokussierte Balladen oder, zwischendurch, die irrsten Gitarrensolos für alle, die gerade kein Album von Prince oder Bilderbuch zur Hand haben, gibt es aber auch. St. Vincent beweist, dass sie die verschiedensten Spielarten mit Leichtigkeit stemmt - und dass der Titel der "Fear The Future Tour" zumindest hinsichtlich der eigenen Karriere nicht angebracht ist.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-12 16:36:17
Letzte ─nderung am 2017-10-13 07:44:24




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