• vom 02.11.2017, 13:51 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 02.11.2017, 14:23 Uhr

Popkonzert

Liebe, Tod und Teufel




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Von Andreas Rauschal

  • Nick Cave zog in der Wiener Stadthalle mit ungebrochener Bühnenpräsenz in seinen Bann.

 Trost unter den Seinen: Nick Cave bei seinem Auftritt am Mittwoch in Wien.

 Trost unter den Seinen: Nick Cave bei seinem Auftritt am Mittwoch in Wien.© APAweb/Herbert P. Oczeret  Trost unter den Seinen: Nick Cave bei seinem Auftritt am Mittwoch in Wien.© APAweb/Herbert P. Oczeret

"Die Erschaffung Adams" von Michelangelo ist ein tolles, von Millionen Touristen Jahr für Jahr in der Sixtinischen Kapelle mit dem Blick himmelwärts bestauntes Gemälde. Es zeigt, wie Gott die eine Hälfte des ersten Menschenpaares im Garten Eden erschuf – und dokumentiert im Handumdrehen die berühmteste Beinaheberührung zweier Zeigefinger, die die Kunstgeschichte zu bieten hat. Am Mittwoch muss man in den irdischen Niederungen der Wiener Stadthalle nicht nur daran denken, weil mit Warren Ellis der Zeremonienmeister der Bad Seeds am, aus dem Publikum betrachtet, rechten Bühnenrand die Position des Schöpfers einnimmt – und diesen mit einem noch gewaltigeren Rauschebart als Oberzausel des Lumpenrock anlegt. Am Konzertende inmitten einer Heerschar an Jüngern auf der Bühne, die heute die Putten aus diesem Meisterwerk der italienischen Hochrenaissance darstellen dürfen, streckt der Meister selbst seinen Finger aus: Nick Cave steht auf der Bühne, und er ist gekommen, um auf Tuchfühlung zu gehen. Er suchet Trost, und er findet Trost unter den Seinen.

Auf der Videowall zeigen es schön abgefilmte Schwarz-Weiß-Bilder im Close-up, wenn dort nicht gerade traurige, gut zu den Klageliedern passende Strandimpressionen aus Brighton auf dem Programm stehen oder die Apokalypse als Tropensturm herniedergeht: Ein Meer aus Händen streckt sich dem Erlöser entgegen, und der nimmt die Liebe dankbar an, die er seinerseits spendet. Hier geht eine Tändelei vor sich, die sich selbst vor mehr als 10.000 Besuchern und inmitten einer seelenlosen Mehrzweckhalle intim ausnimmt. Am Schauplatz des heutigen Kirchgangs wurde letzte Woche noch Tennis gespielt.

Ob das Konzert in diesem Rahmen überhaupt funktionieren würde, war vorab Gegenstand von Diskussionen. Mit "Skeleton Tree" hat Nick Cave derzeit nicht nur ein ausgesprochenes Kein-Hit-Album als Grundlage für eine weitere Welttournee vorzuweisen. Auch wird das mittlerweile 16. Studiowerk mit seinen Bad Seeds als schwierige Trauermeditation verstanden, obwohl es bereits so gut wie fertig war, als Caves Sohn Arthur bei einem fehlgeschlagenen LSD-Experiment im Sommer 2015 ums Leben kam. Das Konzert beginnt mit den sperrigsten Songs daraus: "Anthrocene" mit seinen nicht nicht als Verarbeitung zu lesenden Zeilen "All the things we love, we lose" wird geradliniger am Klavier und mit abfedernden Stoßseufzern dargeboten. "Jesus Alone" in der dem musikalischen Mäandern und der inhaltlichen Abfolge von Assoziationen des späten Nick Cave verschriebenen Originalversion fällt diesbezüglich sowieso explizit aus. Hier hört man eine unmissverständliche Anrufung ins Reich der Toten, die das Sterben mit Auferstehungsbildern kontrastiert. Es ist an diesem Konzertabend ja auch Allerheiligen – und man hört es.

Eine "Aufmunterung"

Danach beweist Nick Cave glücklicherweise, dass er seinen Humor nicht verloren hat. Alles atmet jetzt kräftig durch – und ein Stein in der Größe des Felsens von Gibraltar fällt uns vom Herzen. Im hübsch mit heulenden Pedal-Steel-Gitarren arrangierten "Magneto" bekommt der Meister den Blues an der Supermarktkassa: "The urge to kill somebody was basically overwhelming." Dazu wird es gut passen, dass Nick Cave etwas später ankündigt, nun einen Song zu unserer Aufmunterung zu spielen – und der semiakustische Furor von "The Mercy Seat" losbricht, der eine Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl mit Bildern aus dem Alten Testament kurzschließt. Ha! Ha!

Allein was Cave live mit dem "Higgs Boson Blues" anstellt, würde den doppelten Konzertpreis an diesem Abend schon rechtfertigen: Hier übernimmt sein raumergreifendes Charisma endgültig die Hauptrolle. Minutenlang wird die Frage "Can you feel my heartbeat?" wiederholt, und im wogenden Meer der Hände ist die Antwort eindeutig.

Den klassischen Themenblock zu Liebe, Tod und Teufel gibt es bei aufgrund des nicht übertriebenen Lautstärkepegels gut mitspielender Stadthallenakustik aber auch. Zehn der 18 auf der Setlist stehenden Songs waren schon beim letzten Wien-Konzert im Jahr 2013 dabei. Nick Cave reagiert mit zart nuancierten bis stärker adaptierten Versionen. "Tupelo" über die Geburt von Elvis Presley etwa wird diesmal hübsch abgebremst. Und bei "Red Right Hand" macht Nick Cave den Teufel im Hintergrund zum Instagram-User.

Klassischere Deutung

Zweifelsohne fehlt Blixa Bargeld bei einer pulsierenden Version von "The Weeping Song" zwar erheblich. Auch werden Fans der alten Schule darüber nicht streiten, ob es die dazu gegebene Massenanimation oder ein (in Wahrheit eh sehr schönes und ganz schön bewegendes) Wiegenlied samt zugespielter Sopranistin braucht ("Distant Sky") – oder die Wandlung von "From Her To Eternity" vom gefährlichen nihilistischen Drogen-Punk zur klassischeren Deutung. Keine Diskussion aber sollte es über den Performer Nick Cave geben, der sich sichtbar in der Form seines Lebens befindet. Dass er in der Arbeit auf der Bühne wieder zu neuer Kraft findet, ist ohnehin die frohe Botschaft dieses großen, letztlich erlösenden Abends.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-02 13:52:11
Letzte ńnderung am 2017-11-02 14:23:12




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