• vom 04.11.2017, 10:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Österreich-Pop

Herrliches Stück Größenwahn




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Von Bruno Jaschke

  • In guter heimischer Tradition thematisieren Vienna Rest in Peace den Tod. Squalloscope hingegen erzählt die Geschichte einer Adoleszenz. - Neue Pop-Highlights aus Österreich.

Dekadenz, Todesseligkeit und Parodie: Alles enthalten im Projekt Vienna Rest in Peace. - © VRIP

Dekadenz, Todesseligkeit und Parodie: Alles enthalten im Projekt Vienna Rest in Peace. © VRIP

Anna Kohlweis steckt hinter dem Projekt Squalloscope.

Anna Kohlweis steckt hinter dem Projekt Squalloscope.© Anna Kohlweis Anna Kohlweis steckt hinter dem Projekt Squalloscope.© Anna Kohlweis

Okay, der "Wien Tourismus" wird den Terminus "Sterbenswerte Stadt" eher nicht verwenden. Unbeschadet seiner limitierten Marketing-Qualitäten: Was für ein prachtvoller Titel für einen Song! Dass er schon Jahrzehnte nichts mehr mit der Lebensrealität der Stadt, auf die er sich bezieht, gemein hat, macht überhaupt nichts. Denn es geht hier nicht um Realitäten, sondern genau um alte Wien-Klischees und -Mythen. Wie der phasenweise recht witzige Promotext für die LP "Vienna Rest in Peace" von der gleichnamigen Gruppe treffend sagt: "Die Stadt tut den letzten Atemzug, doch der dauert schon ein paar Jahrhunderte und will kein Ende nehmen."

Hinter dem Namen Vienna Rest in Peace verbergen sich Wolfgang und Martin Wiesbauer, Florian Emerstorfer und Ralph Wakolbinger. Die komplette Besatzung der Band Aber das Leben lebt also. Warum die Platte nicht unter deren Namen erscheint, erklären die Musiker schlicht mit einer Neuorientierung. Während Aber das Leben lebt einen deutschen Bandnamen hat, aber englisch vorträgt, ist es hier genau umgekehrt.

Information

Vienna Rest in Peace

Vienna Rest in Peace

(Trauerplatten)

Squalloscope

Exoskeletons for Children

(Seayou/Rough Trade)

Stilistisch bewegt sich die wundersam umgepolte Formation - fallweise mit stimmlicher Unterstützung von Marilies Jagsch - ein Stück weg vom gepflegt-melancholischen, zwischen Americana- und Indie-Gitarren-Sound angesiedelten Pop-Rock zu einer Art Chanson-Folk-Rock mit wehmütiger Melodica, bedächtigen Drums, singender Säge, Kindergesang, feierlichem Chor und der einen oder anderen etwas aufgeweckteren Gitarreneinlage.

Diese Musik ist gut geerdet im österreichischen Gegenwartspop: Der faul schleichende Titelsong wie auch das flotte "Alles vorbei" hätten sich recht gut auf Garishs vorletztem Album "Trumpf" gemacht, und mit dem grandiosen Quartett Das Trojanische Pferd haben Vienna Rest in Peace eine gewisse Neigung zur Dekadenz gemein und potenzieren diese zu einer Todesseligkeit, die sie manchmal bis an den Rand der Parodie outrieren.

Für die Inhalte haben die Musiker auf den Wiener Dialekt verzichtet und das Idiom gewählt, das Ernst Molden "Hochwienerisch" nennt. Das taten sie angeblich - so erzählten sie es jedenfalls Fritz Ostermayer auf FM4 in der Sendung "Im Sumpf" -, um den Bogen nicht zu überspannen. Dick aufzutragen haben sie sich indes beileibe nicht versagt: Schon Songtitel wie das "Leichtmatrosenlied" oder "Berühr doch bitte meine Atemnot" verursachen im Angedenken an "den Poeten" (André Heller) ein dräuendes Rumoren in der Magengrube.

Dabei sind sie noch der sprichwörtliche Lercherlschas gegen das, was sich dann in den Texten an lyrischen Anmaßungen entfaltet: "Totgestochen liegt dein Schatten / in den Fängen der feigen Nacht / ins Rad geflochten, grob geschändet / grad noch lebendig, nun verendet", heißt es gleich zum Einstieg. Im "Leichtmatrosenlied" wuchern die quasigenialischen Sprachkreationen epidemisch: "Entschreib den Namen aus dem Staub / entstreu das Salz aus meinen Wunden / entschlag den Zahn in meinem Mund / Sanftes Liedmatrosenlicht / wärme deine Stimmungsgicht / Hoffnungsarthrose, Pein in Sicht / die Seelenflosse paddelt nicht".

"Berühr doch bitte meine Atemnot" wiederum glänzt mit Zeilen wie "Entnimm die Unruh aus meinem Herzenswerk / vergrab sie tief unter dem Schuldenberg / forste mich auf, brich meinen Damm / reich mir an einem Stock den Essigschwamm".

Um, über und unter solchen Metaphern, die ihre Überspanntheit herausfordernd vor sich her tragen, lagern sich Bilder, als wäre ein Wien-Enttäuschungs-Literat aus den 60er/70er Jahren Amok gelaufen: Das Riesenrad zerstört, die Trümmer von undurchdringlichem Wald überwachsen, der Horizont von Staub eingehüllt, die Gassen devastiert. Und dass sich der künstlerisch ambitionierte Nobody vor einem Peter Handke lächerlich ausnimmt, versteht sich von selbst. Natürlich ist "Vienna Rest in Peace" ein herrliches Stück Größenwahn. Und ideell ein Stück reiner Nostalgie: Ach wie schön war es doch damals, als Wien noch eine graue, leblose Stadt war!

Nostalgisch, wenn auch kaum von Sentiment geprägt, ist auf gewisse Weise auch "Exoskeletons for Children", das zweite Album von Squalloscope. Anna Kohlweis, wie die Sängerin und Songschreiberin mit bürgerlichem Namen heißt, erinnert sich an ihre Adoleszenz in Klagenfurt. Ein Platz für "mediocre white men", singt sie im Titelsong - und just dorthin, genauer gesagt ins Kinderzimmer im Elternhaus, zog sie sich zurück, um die Songs für das Album zu schreiben, das sich als "Hautpanzer für Kinder" übersetzt.

Viele Klangfarben

Kohlweis verwendet viele eigenwillige Sprachbilder, auf denen sie gerade als Non-Native-English-Speaker beharrt: "My love is a fresnel lens", "We fed the Holy Spirit with breadcrumbs", "My new reli-gion is strict mistakeism". "Wenn ich einen Song schreibe, fange ich oft mit einer Melodie oder einem Rhythmus an und muss herausfinden, wie ein Text in diesen Song passen könnte, ohne schon einen konkreten Text zu schreiben. Es ist ein Anschmiegen zwischen Melodie und Text", erklärte sie kürzlich auf FM4 ihre Annäherung an die Inhalte.

Die 1984 geborene und heute in Wien lebende Kohlweis ist eine künstlerische Allrounderin. An der Akademie der bildenden Künste hat sie kontextuelle Malerei studiert. Ihre musikalische Karriere startete sie 2006 als Paper Bird im eher noch traditionellen Singer-Songwriter-Format. Die Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung und -verfremdung, von denen sie damals nur behutsam Gebrauch gemacht hatte, verfolgt sie nun als Squallo-scope konsequent weiter. "Exoskeletons for Children" entstand im Laufe von zwei Jahren.

Nicht nur das Schreiben, sondern auch das Aufnehmen und die Produktion schupfte Kohlweis im Alleingang. Vermeintliche Duette wie etwa in "Being A Person" oder "Turmoil And Wonder" bestreitet sie via Stimmmanipulationen mit sich selbst.

Field Recordings und Samples, die sie in North Carolina und St. Louis aufgenommen hat, aufgeweckte Percussion, Synthesizer und Gitarren vermischt Kohlweis zu einer eindringlichen, in vielen Klangfarben schillernden Erzählung, in der neben Pop Einflüsse von frühem Rap, Trip-Hop, R&B oder James Blake aufblitzen und nur selten dingfest zu machen sind. Und die so wenig linear und friktionsfrei ist wie der prägende Lebensabschnitt, von dem sie handelt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-03 16:05:15
Letzte nderung am 2017-11-03 16:31:51




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