• vom 04.11.2017, 09:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 04.11.2017, 17:21 Uhr

Interview

Grubenblues mit Gipfelkreuz




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Von Andreas Rauschal

  • Paul Plut präsentiert sein Solodebüt "Lieder vom Tanzen und Sterben": ein Album des Jahres.

Überwältigungsmusik mit den Letzten Dingen im Zentrum: Paul Plut stellt sich als Solo-Act vor. - © G. Guggi

Überwältigungsmusik mit den Letzten Dingen im Zentrum: Paul Plut stellt sich als Solo-Act vor. © G. Guggi

Der Name Paul Plut ist bisher vor allem mit zwei Bandprojekten verbunden. Bei Viech ging und geht es um euphorischen Indiepop mit deutschen Texten, bei Marta um dazu durchaus kontrastreichen, räudigen Rock aus der Garage. Unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlicht der in Schladming geborene und in Ramsau am Dachstein aufgewachsene Musiker Mitte November nun sein erstes Soloalbum, das unter dem Titel "Lieder vom Tanzen und Sterben" (Phonotron) eine neue Tür aufmacht.

Paul Plut reicht karg-spröde, andächtig-getragene und dabei im Blues ebenso wie im Gospel verwurzelte Songs über die existenziellen Themen des Lebens. Intensive, ans Gemüt gehende Überwältigungsmusik mit den Letzten Dingen im Zentrum. Woher kommt die Faszination für den Tod, gerade auch, wenn man noch jung ist? Paul Plut, Jahrgang 1988, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Mein Onkel ist früh gestorben, und meine Großmutter hat dadurch sehr viel mitgemacht. Sie hat einen eigenen starken Weg gefunden, damit fertig zu werden. Wir versuchen ständig, alles zu analysieren und zu erklären, aber wenn es ums Sterben geht, wird das schwierig. Es gibt wahrscheinlich wenig Abstrakteres als den Tod."

Spiritualität und Glauben

Man könnte auch von den letzten eigentlichen Tabuthemen einer ganz mit sich selbst und dem Dasein im Hier und Heute beschäftigten Gesellschaft sprechen. Es geht hier bitte schön um Themen, die man vom Ignorieren kennt. Paul Plut: "Persönlich tue ich mir mit Smalltalk ja schwerer. Außerdem schafft es Empathie, wenn man sich auf die Tragik einlässt und sich nicht nur mit den guten Dingen beschäftigt. Es kommen oft nach dem Konzert Menschen zu mir, die sich von meiner Musik und den Texten angesprochen fühlen. Da hört man harte Geschichten darüber, was die Leute schon alles mitgemacht haben, und landet schnell bei Fragen zu Spiritualität und Glauben, die ich selbst auch nicht beantworten kann. Für mich als Geschichtenerzähler sind sie aber auf jeden Fall interessant." Empfindet Paul Plut seine eigene Musik als finster? "Wenn sie jemand so beschreiben möchte, habe ich damit kein Problem. Ich selbst denke nicht so sehr in diesen Kategorien, aber sagen wir es so: Radiomusik empfinde ich oft als grell. Die kann ich mir nicht anhören."

Einen weiteren autobiografischen Zugang zum Thema gibt es aber auch. "Als ich 18 war, habe ich versucht, mir das Leben zu nehmen. Es war eine Handlung im Affekt. Mit Unterstützung meiner Familie habe ich das alles gut bewältigen können und danach nie wieder solche Gedanken gehabt. Jetzt beim Schreiben am Solodebüt aber kam das thematisch erstmals durch. Ich will da nichts tabuisieren und kann den Suizidversuch nicht einfach wegstreichen. Er ist ein Teil von mir. Ich habe gesehen, wie ein Strudel entstehen kann und wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr weiterweiß."

Was würde Paul Plut jemandem raten, der sich heute in einer ähnlichen Situation befindet wie er damals? "Es gibt Expertinnen und Experten, die sich für Ratschläge besser eignen als ich. Ich glaube aber, dass das Gespräch wichtig ist und die Öffnung - nicht das Sich-Verschließen. Es geht wahnsinnig schnell, dass man sich in sich selbst verliert. Meine eigene Musik ist vor diesem Hintergrund aber nur ein Mittel der Reflexion, nicht der Therapie."

Nicht gleich die Apokalypse

"Lieder vom Tanzen und Sterben" widmet sich folgerichtig vor allem der Innenschau. Allerdings taucht beim atmosphärisch-verschleppten "Klatsch" ein sogenannter Tuscher auf, der zum heute hoch im Kurs stehenden pessimistischen Blick auf die Welt gut passt. Paul Plut: "Also die Apokalypse wird vermutlich eher nicht gleich über uns hereinbrechen. Aber es hat bestimmt alles ein Ende - ich hoffe, der Kapitalismus vielleicht schneller als das Universum -, und es heißt auf dem Album nicht von ungefähr ,Die Welt ist ein Gräberfeld‘. Man sollte sich der Vergänglichkeit bewusst sein."

Weniger vergänglich sind hingegen die Berge. Ramsau, Schladming, Dachsteinregion. Prächtiges Gebirgsmassiv, Alpinlandschaft. Das Enge und Bedrohliche und das Naherholungsgebiet als Joint Venture mit Gipfelkreuz. Paul Pluts Heimat dürfte auf "Lieder vom Tanzen und Sterben" einen gewaltigen Einfluss gehabt haben, wenn man sich das Artwork und die Musikvideos ansieht - oder auf die Texte hört. "Ich selbst bin kein Extrembergsteiger und habe den Umzug in die Stadt durchaus gebraucht, um mich dem Thema mit etwas Abstand wieder annähern zu können. Spiritualität, Ehrfurcht, auch Furcht: Wenn man jeden Tag auf dieses Massiv schaut, prägt das sicher - und dann gibt es da diesen Grat, mit dem gewissermaßen der Horizont endet. Das Gebirge ist schroff, die Menschen sind hart. Leider ist auch Ausländerhass in meiner Heimatregion ein großes Thema. Einerseits wird mit ,den Fremden‘ Geld gemacht, andererseits sind ,die Fremden‘ an sich nur etwas wert, wenn sie Geld bringen."


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Dokument erstellt am 2017-11-03 16:11:09
Letzte ─nderung am 2017-11-04 17:21:12




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