• vom 07.11.2017, 15:38 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 07.11.2017, 21:03 Uhr

Popkritik

Dunkel ist die Nacht




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Von Andreas Rauschal

  • Die slowenische Band Laibach rückte am Montag in die Wiener Arena vor.

Wider die popökonomische (Wieder-)Verwertungskette: Mina Špiler von Laibach live in Wien.

Wider die popökonomische (Wieder-)Verwertungskette: Mina Špiler von Laibach live in Wien.© D. Karmann/dpa/picturedesk.com Wider die popökonomische (Wieder-)Verwertungskette: Mina Špiler von Laibach live in Wien.© D. Karmann/dpa/picturedesk.com

Vielleicht ist es als kleine Geste einer gewissen Deradikalisierung zu verstehen, dass am Merchandisingstand diesmal keine Devotionalien angeboten werden - sondern nur beinahe hundsgewöhnliche T-Shirts mit dem Bandschriftzug oder Botschaften wie "Freedom of speech go to hell". Und vielleicht arbeitet die zum Verkauf stehende Mode zumindest über ihren mit 25 Euro leicht unter dem handelsüblichen Niveau liegenden Preis dem heute etwa noch mit dem Song "Wirtschaft ist tot" herbeigesungenen Ende des Kapitalismus zu. Das wäre toll. Jawoll!

Eindeutig uneindeutig

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Popkonzert

Laibach

Arena Wien

Vielleicht ist das alles aber auch nur ein riesiges Missverständnis. Am Montag beim Konzert von Laibach in der Wiener Arena bekommt man es immerhin mit einer Band zu tun, die einst in gefährlichen Zeiten des Super-GAUs von Tschernobyl oder des Eisernen Vorhangs in Europa gleichermaßen als kommunistisch und faschistisch missinterpretiert werden konnte, wollte - und wurde. Der dann doch eher links positionierte slowenische Philosophiesuperstar und Laibach-Fan Slavoj Žižek hat bezüglich dieser seiner Landsleute eine sehr klare Meinung. Die der eindeutigen Uneindeutigkeit verschriebene Band selbst übrigens auch: "Wir sind so sehr Faschisten, wie Hitler ein Maler war."

Als bisher letzter Karrierecoup des im Sinne einer total-totalitären Provokation agierenden und gerne auch in kessen Uniformen auftretenden musikalischen Arms des Kunstkollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK) ist ein Konzert im Sommer 2015 vor Vertretern der nordkoreanischen Einheitspartei und ausgewählten Fans in Pjöngjang überliefert. Laibach haben sich eine Auszeit von der Weltpolitik also redlich verdient, wenn sie auf der aktuellen Konzertreise mit Material aus dem rezenten, dem gleichnamigen Werk Friedrich Nietzsches geschuldeten Album "Also sprach Zarathustra" loslegen - und in der zwischen 1883 und 1885 entstandenen historischen Vorlage gut zur Bandphilosophie passende Grundfragen zu den Themenblöcken Individuum und Masse oder Gott und Moral vorfinden. Auch die Schwierigkeit der Übermittlung von Botschaften ist dem Autor der erkenntnistheoretischen Schrift und Laibach gleichermaßen bekannt. Und auf der Metaebene wiederum darf man daran denken, dass Nietzsche etwa mit seinem Begriff des "Übermenschen" auch von den Nationalsozialisten instrumentalisiert werden konnte.

Die streichergetragenen und mit zappendusterer Laptopelektronik gereichten, die Erfahrung der Band mit Filmsoundtracks spiegelnden und ursprünglich für eine Theaterproduktion entstandenen neuen Stücke werden von Sänger Milan Fras gewohntermaßen mit (musikalisch gesehen) nach wie vor beeindruckendem und (politisch betrachtet) Ehrfurcht gebietendem, also sehr, sehr streng klingendem Grummelbariton vorgetragen, den man auch als akustische Entsprechung des Patriarchats deuten kann.

Harter Ost-Akzent

Dass die Songs auf Slowenisch, Englisch, Französisch und Deutsch mit betont hartem Ost-Akzent gesungen werden, hat wiederum damit zu tun, dass der Nationalstaat im autoritären Gefüge bekanntlich eine sehr wichtige Rolle spielt. Als Paraphrase oder Zitat fährt Nietzsches Vorlage jedenfalls mit einigem Nachdruck in die Knochen: "Der Mensch ist gegen sich selber / Das grausamste Tier / Dunkel ist die Nacht / Ich will meinen Untergang." Sängerin Mina Špiler hingegen obliegt es, mit "Vor Sonnen-Aufgang" für etwas kontrastreiches Licht zu sorgen, ohne dabei - wie auf der letzten Tour - vor einem Rednerpult zu stehen.

Das wirklich Erfreuliche an diesem Abend: Das an das "Zarathustra"-Material anschließende "Best of"-Set ist in Wahrheit kein solches und führt stattdessen zwischen neuen Versionen von Klassikern wie "Brat Moj" und Raritäten wie dem Konzerthöhepunkt "Le Privilege des morts" durch die Bandgeschichte, um abermals eine Metaebene einzuziehen. Immerhin wird hier mit ziemlich viel Aufwand entschieden auch gegen die gängige ökonomische (Wieder-)Verwertungskette der Popindustrie vorgerückt. Zu Befehl!





Schlagwörter

Popkritik, Laibach, Arena

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-07 15:41:05
Letzte ─nderung am 2017-11-07 21:03:10




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