• vom 09.11.2017, 16:04 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 09.11.2017, 16:33 Uhr

Swing-Alben

Ein Refugium für die Ratlosen




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Von Christoph Irrgeher

  • Seal, bekannt für Discohits wie "Crazy", hat soeben ein Jazz-Album veröffentlicht.



Theodor W. Adorno, Vordenker der Avantgarde-Musik und der Kapitalismuskritik, hat den Jazz nicht nur abgelehnt. Er hat ihn gehasst. Der Mann aus Frankfurt tadelte ihn als "ästhetische Barbarei", ja, als "totale Auslieferung an die Warenproduktion". Ein Jazz-Stück, so urteilte er während der kommerziellen Hochblüte des Genres, sei wie ein Stück Fließbandarbeit: Beides sei maßgeschneidert, beides genormt. Das sehe man schon daran, dass die sogenannten Jazzstandards - also die gern gespielten Hits des Fachs - weitgehend auf der gleichen Takt-Struktur aufgebaut sind.

Nun kann man dem einiges entgegenhalten. Erstens, dass Adorno nur wenig Ahnung vom Jazz hatte. Zweitens, dass er es ignorierte, als das Genre nach schlichten Anfängen komplexere Wege einschlug. Und drittens, dass bei Adorno, nach dem Zweiten Weltkrieg Chefideologe der Tonkunst in Deutschland, ohnedies keine Musik ein Leiberl hatte, die sich nicht voll und ganz gegen den Kapitalismus stemmte.


Doch so sehr man Adorno tadeln kann - in einem Punkt hat er schon recht: Jazz-Standards und Musikindustrie passen wirklich gut zusammen. Und das gilt erstaunlicherweise nicht nur für den Zeitpunkt seiner Diagnose, also die goldene Ära des Swing. Es gilt auch für heute - jedenfalls in ganz bestimmten Einzelfällen.

Augenzwinkernder Schlawiner in schillernder Aura
Gemeint sind in diesem Fall eine Handvoll Popstars - Musiker, die einige Erfolge hinter sich haben, aber keinen klaren Weg vor sich. Sollen diese Fast-Schon-Kandidaten für die Kategorie "Was wurde eigentlich aus . . ?" weitersingen wie bisher? Oder sollen sie den Stil wechseln? Falls ja, wohin?

Als Refugium für solche Ratlosen bietet sich ein Jazz-Album magisch an. Die Vorteile eines solchen Projekts sind mannigfach. Einerseits lässt sich da aus einer breiten Palette erprobter Hits schöpfen. Andererseits ist man bei einem solchen Unterfangen nicht einfach ein ideenloser Cover-Sänger - man ist jemand, der die Traditionen des Jazz würdigt. Und außerdem: Wer sich heute in dieses Genre wagt, gilt nicht mehr als rettungslos verschnarcht und bieder - er kann sich als augenzwinkernder Charmeur inszenieren, als Schlawiner mit Schmäh und Sinn für eine schillernde Swing-Aura.

Siehe dazu Robbie Williams: 2001 - nach seinen Boygroup-Jahren, aber noch ganz in seiner Phase als Privatparty-Dionysos - ist ihm mit dem Album "Swing When You’re Winning" ein Ausreißer-Erfolg geglückt. Mochte der Brite dabei auch vokal abstinken, wenn er sich auf ein Duett mit der Tonbandstimme von Frank Sinatra einließ: Seine Entertainer-Qualitäten und die satte Big-Band-Wucht im Rücken ließen ihn glaubwürdig auf den Spuren des Rat Pack lustwandeln.

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Schlagwörter

Swing-Alben, Seal

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-09 16:08:10
Letzte nderung am 2017-11-09 16:33:24




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