• vom 11.11.2017, 09:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 11.11.2017, 12:27 Uhr

Pop

Ein musikalischer Hürdenlauf




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Von Bruno Jaschke

  • Leicht ist "Thrum", das neue Album des US-Songwriters und Produzenten Joe Henry, nicht zu konsumieren. Aber am Ende lohnt sich die Mühe.

Kein Ton zufällig: Joe Henry singt auf "Thrum" über die Hürden des Lebens - und die Lust, sie zu überwinden.

Kein Ton zufällig: Joe Henry singt auf "Thrum" über die Hürden des Lebens - und die Lust, sie zu überwinden.© Glen Hansard Kein Ton zufällig: Joe Henry singt auf "Thrum" über die Hürden des Lebens - und die Lust, sie zu überwinden.© Glen Hansard

Wäre dieser Terminus nicht durch Neil Young so dominant besetzt mit einer Frau, die mit einer Harley Davidson durch die Wüste fährt, könnte man Joe Henry als "Unknown Legend" bezeichnen: Man kennt den Namen, verbindet irgendwie etwas Großes damit - und weiß doch nicht so genau, wo man ihn verorten soll.

Ähnlich wie früher Todd Rundgren, war Henry lange Zeit als Produzent bekannter denn als Musiker. Vier Grammy-prämierte Alben hat der bald 57-Jährige bereits durch die Entstehung geleitet: "Don’t Give Up On Me" des 2010 verstorbenen Soul-Schwergewichts Solomon Burke, Ramblin’ Jack Elliotts "A Stranger
Here", "Slipstream" von Bonnie Raitt und "Genuine Negro Jig" vom bezaubernden Vintage-Folk-Ensemble Carolina Chocolate Drops. Außerdem produzierte er u. a. Allen Toussaint, Joan Baez, Richie Havens, Elvis Costello und nicht zuletzt auch "Dorado", das exzeptionell schöne aktuelle Album des Grazers Georg Altziebler alias Son Of The Velvet Rat.



Information

Joe Henry

Thrum

(Earmusic/Edel)

Und dann natürlich ist Joe Henry mit Melanie Ciccone verheiratet, der Schwester von Madonna Louise Ciccone. Obwohl er glaubhaft versichert, dass er nie Privates als karrieristische Opportunität kapitalisieren wollte, kam es doch mit der Unvermeidlichkeit einer griechischen Schicksalstragödie zur Kooperation mit der berühmten Schwägerin. Ohne sein Wissen schickte Gattin Melanie ein Demo seines Song "Stop" an die Schwester, die ihm einen verschleppten Trip-Hop-Groove unterlegte und den Titel in "Don’t Tell Me" änderte. Später schrieb Henry mit Madonna noch "Jump" für das 2005er-Album "Confessions On A Dance Floor", "Devil Wouldn’t Recognize You" auf "Hard Candy" und "Falling Free" auf "MDNA".

Henrys musikalisches Schaffen unter eigenem Namen wiederum ist jenem Publikumstypus vorbehalten, den man gerne als Kult-klientel bezeichnet. Im Laufe seiner bis dato 14 reguläre Alben und eine Kooperation mit dem widerständischen britischen Liedermacher Billy Bragg umfassenden Karriere hat sich der in Los Angeles ansässige Songwriter in unterschiedlichen stilistischen Verpuppungen präsentiert.

Akustisches Format

Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, wurzelt seine Musik im Folk. Country war immer mal wieder ein prominentes Element darin, Jazz ebenso, und hin und wieder näherte sich Henry auch dem Rock an - wenn auch nie so offensiv und populistisch wie Bruce Springsteen, zu dessen introspektiveren Werken wie "Nebraska" oder "The Ghost Of Tom Joad" andererseits manche seiner Platten eine gewisse Affinität anklingen lassen.

Seit geraumer Zeit kapriziert sich Henry nun auf das akustische Format. Ihre Intensität und Spannung beziehen seine Platten zum einen von seiner Stimme, die manchmal etwas nach Schnapp-atmung klingt und dann wieder in einen sonoren Erzählgestus umschlägt. Und dann sind da natürlich seine hochklassigen Begleiter. Zu diesen gehört Sohn Levon, der mit Klarinette und Saxofon große Melodiebögen und ausgesucht melancholische Stimmungen generieren kann. Schlagzeuger Jay Bellerose wiederum ist ein Meister im Aufbau von Dynamik. Und besonders auf Henrys neuem Opus, "Thrum", vollbringt er Großes, indem er dem introvertierten Grundton Kontrapunkte setzt und das Klangbild verdichtet.

Wunderschöne Bilder

"Thrum" - deutsch: "Klimpern" - ist ein ziemlich irreführender Titel für eine Platte, die zwar den Geist der Interaktion zwischen den Musikern atmet, bei der aber kein Ton zufällig oder beliebig an seiner Stelle steht. Aber bei allem Kalkül tut sie nichts dazu, um dem Hörer irgendwelche Einstiegserleichterungen zu offerieren. Das liegt zum einen an Henrys eigentümlich spröden Kompositionen, die auf Eingängigkeit oder gar Ohrwurmqualitäten jedenfalls kein gesteigertes Augenmerk legen. Das suggestive "The Glorious Dead" und "Blood Of The Forgotten Song" wie auch "Now And Never", die ein wenig wie alten Folk-Klassikern nachempfunden klingen, gehören zu den wenigen Songs, die relativ rasch Vertrautheit herstellen.

Die Wahrheit über diese Platte ist: Ohne Verständnis der Texte ist sie nur halb so gut. Es gibt zuhauf wunderschöne Bilder - wie jene von den Königreichen, die aus dem Schatten des Zweifels entstanden sind, die das Licht aus jemandes Augen geworfen hat. Schritt für Schritt, Text für Text, ergeben solche Metaphern ein kohärentes Ganzes, das von den Hürden und Mühen des Lebens erzählt - und von der Lust, sie zu überwinden.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-10 16:26:13
Letzte nderung am 2017-11-11 12:27:42




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