• vom 02.12.2017, 18:21 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 02.12.2017, 18:26 Uhr

60 Jahre Stax

Der raue Sound des Südens




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Von Michael Ortner

  • Vor 60 Jahren rief ein Bankangestellter Stax Records ins Leben. Sänger wie Otis Redding und Rufus Thomas prägten das Label und den "Southern Soul".

An der EastMcLemore Avenue in Memphis, wo die legendären Stax Studios untergebracht waren, erinnert heute das Stax Museum of American Soul. - © WZ, Michael Ortner

An der EastMcLemore Avenue in Memphis, wo die legendären Stax Studios untergebracht waren, erinnert heute das Stax Museum of American Soul. © WZ, Michael Ortner

Memphis, Tennessee 1957. Jim Stewart hat keine Ahnung vom Plattengeschäft. Der weiße, 27-jährige Bankangestellte kann Konten eröffnen und Überweisungen erledigen, doch wie man eine Platte aufnimmt, weiß er nicht. Dass er schon bald an der Spitze eines der erfolgreichsten und einflussreichsten Label für schwarze Musik stehen würde, kann er sich nicht vorstellen. Das von ihm gegründete Stax-Label entwickelt sich zu einer Oase der Gleichberechtigung in der Wüste der Segregation. Denn er öffnet sein Studio in Memphis für schwarze Musiker, Songwriter und Arrangeure. Während auf der Straße die Trennung der Hautfarben den Alltag bestimmt, begegnen sich Weiße und Schwarze bei Stax Records auf Augenhöhe. Die Geschichte von Stax ist mehr als eine reine Labelgeschichte, sie ist eng verwoben mit der gesellschaftlichen Entwicklung in den USA. Doch beginnen wir von vorne.

Jim Stewart ging in Memphis also seinem Job als Banker nach, doch sein Herz schlug für die Musik. Nach der Arbeit fiedelte er auf seiner Geige Country- und Westernsongs. Der Erfolg der ebenfalls in Memphis beheimateten und 1952 gegründeten "Sun Studios", in denen ein gewisser Elvis Presley seine Platten aufnahm, inspirierte ihn. 1957 rief er "Satellite Records" ins Leben. Satelliten waren Ende der 1950er-Jahre en vogue, denn die Sowjetunion schoss im selben Jahr mit Sputnik 1 den ersten in den Orbit.

Information

Literaturtipps:

Peter Guralnick: "Sweet Soul Music", 2008, Bosworth Music GmbH.

Robert Gordon: "Respect Yourself: Stax Records and the Soul Explosion", 2015, Bloomsbury.

Rob Bowman: "Soulsville USA: The Story of Stax Records", 2006, Music Sales.

Reisetipp:

Stax Museum of American Soul, Memphis, Tennessee

926 East McLemore Avenue, täglich geöffnet 10 bis 17 Uhr.

Die erste Single, die Stewart in einer Garage aufnahm, war ein Country-Song namens "Blue Roses". Die Qualität war miserabel, die Verkäufe liefen schlecht. Doch der junge Banker war davon angefixt, Platten zu produzieren. Er besuchte seine zwölf Jahre ältere Schwester Estelle Axton, spielte ihr seine erste Scheibe vor und fragte sie nach ihrer Meinung. Sie hatte ebenso wie er weder eine Ahnung vom Plattengeschäft noch von der Aufnahmetechnik. Estelle war Lehrerin und begann später, auch in einer Bank zu arbeiten. Doch die Geschwister waren sich schnell einig: Um Erfolg zu haben, muss die Qualität schlagartig besser werden. Kurzerhand nahm Estelle eine nicht unbeträchtliche Hypothek über 2500 Dollar auf ihr Haus auf und investierte das Geld in ein modernes Ampex-Aufnahmegerät. Der Grundstein zu Stax Records war gelegt.

Drei Platten, drei Flops

Jetzt fehlte nur noch ein Studio. Die erste Station war eine Lagerhalle rund 30 Meilen außerhalb von Memphis. Jedes Wochenende karrten sie Musiker – es hatte sich bereits eine kleine Band geformt - und Instrumente dorthin und probten. Doch der Output war dürftig: Drei Platten, drei Flops. Der Aufwand war schlicht zu groß. Deshalb entschlossen sich Stewart und Axton, zurück in das Zentrum von Memphis zu ziehen. In der East McLemore Avenue in einer heruntergekommenen Gegend, stand das "Capitol Theatre", ein altes, leerstehendes Kino. Sie mieteten es 1960 für 100 Dollar pro Monat und bauten es eigenhändig zum Studio um. An den Wochenenden rissen sie Kinosessel heraus, legten Teppiche und verkleideten die Wände, um eine bessere Akustik zu erzielen. Da der Raum viel zu groß war, trennten sie ihn mit einer Stoffbahn. Auf der Bühne entstand ein Abhörraum. Der Umbau war amateurhaft, ein gewisser Halleffekt blieb. Was zunächst als Makel empfunden wurde, entwickelte sich schnell zum Markenzeichen des Stax-Sounds.

Das erste Geld in die Kasse spülte der Plattenladen, den Axton anstelle des Popcorn-Standes des ehemaligen Kinos eröffnete. Im Shop liefen die neuesten Rhythm & Blues-Scheiben. "Estelle wusste, auf welchen Sound die Leute gerade abfuhren", erzählte ein Stax-Musiker in einem Interview. Die Kinder aus der Nachbarschaft hingen gerne vor dem Plattenladen ab, denn Axton stellte Lautsprecher auf die Straße. So wurde "Satellite Records" zum Treffpunkt der schwarzen Community.

Dort sprach es sich schnell herum, dass im Viertel ein neues Studio aufgemacht hat. Die Kunde erreichte auch das Ohr von Rufus Thomas, einem stadtbekannten Sänger und eloquenten Radio-DJ. Ohne Voranmeldung spazierten er und seine damals 17-jährige Tochter Carla eines Tages in das Studio. Sie wollten einen Song aufnehmen. Jim Stewart ergriff die Chance. Schon am nächsten Tag kamen Vater und Tochter wieder und sangen "Cause I Love You" ein. Das Duett war der erste Hit von Satellite. Die Single lief im lokalen Radio auf und ab und verkaufte sich rund 40.000 Mal. Es war der Beginn einer Erfolgsstory. Doch wieso kommt ausgerechnet ein junger Weißer auf die Idee, schwarze Musik zu produzieren? Stewart hörte 1959 im Radio "What I’d say", eine schnelle Rhythm & Blues-Nummer, von Ray Charles. "Als ich diese Platte hörte, traf mich der Song wie ein Blitz. Wie etwas, das ich vorher noch nie gefühlt hatte. Das war genau das, was ich machen wollte", zitiert Musikautor Robert Gordon in seinem Buch "Respect Yourself" Jim Stewart.

Brücke zwischen den Hautfarben

Im fernen New York wurde Jerry Wexler, Chef von Atlantic Records, auf das neue Label in Memphis aufmerksam. Er schlug Stewart einen Deal vor, in dem er sich alle Lizenzrechte an "Cause I Love You" und weiteren Duetten von Rufus und Carla Thomas sicherte. Im Gegenzug übernahm Atlantic den nationalen Vertrieb von Satellite – was für das noch junge und unbekannte Label von enormer Bedeutung war. So konnten die Veröffentlichungen auf Plattenläden im ganzen Land verteilt werden. Den Namen Stax verpassten die Geschwister dem Label erst 1960 – eine Kombination der Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen Stewart und Axton.

Stax schlug eine Brücke zwischen Menschen mit weißer und schwarzer Hautfarbe. Denn in Memphis und den gesamten Südstaaten der USA herrschte in den 1960er-Jahren strikte Rassentrennung. In Restaurants saßen Schwarze und Weiße getrennt, ebenso in Bussen, in denen Schwarze nur im hinteren Teil sitzen durften. Schulen, Toiletten und öffentliche Trinkbrunnen gab es für "white" und "colored people". Sogar die Friedhöfe in Memphis waren nach Hautfarbe der Verstorbenen unterteilt. Es gab nur wenig Orte, an denen Schwarze und Weiße miteinander in Kontakt kamen.




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Dokument erstellt am 2017-11-14 11:08:34
Letzte nderung am 2017-12-02 18:26:21




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