• vom 17.11.2017, 15:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Soul

Kämpfen, leiden, Hoffnung schöpfen




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Ein Jahr nach ihrem Tod erscheint mit "Soul Of A Woman" das Vermächtnis von Sharon Jones.

- © Jacob Blickenstaff

© Jacob Blickenstaff

Eine schöne Folge der "Arte"-Reihe "Durch die Nacht mit . . ." begleitete Sharon Jones und ihren Kollegen Charles Bradley im Jahr 2011 durch Brooklyn. Neben Bradley selbst durfte auch das Publikum einer Frau begegnen, deren resolute Art nicht zuletzt einem friktionsreichen Werdegang geschuldet war. Immerhin hätte man sie für "zu fett, zu schwarz, zu klein und zu alt" für eine erfolgreiche Karriere im Musikgeschäft gehalten, erzählte die Sängerin da etwa im Taxi. Heute - und nach zwölf für das Soul-Genre sehr schlechten Monaten - darf man durchaus nostalgisch an dieses TV-Dokument zurückdenken. Sharon Jones starb am 18. November 2016 an den Folgen einer Krebserkrankung. Charles Bradley folgte ihr heuer im September. Zwei Zentralorgane des Soul-Revivals der letzten Jahrzehnte sind für immer verstummt.

Spätes Debütalbum

Am 4. Mai des Jahres 1956 in Augusta im US-Bundesstaat Georgia geboren, wuchs Sharon Jones als jüngstes von sechs Kindern einer alleinerziehenden Mutter in Bedford-Stuyvesant, einem damals noch raueren, heute partiell von Gentrifizierung geprägten Teil Brooklyns, auf. Frühe Begegnungen mit der Musik erfolgten klassisch im Gospelchor und bei Talentwettbewerben, eine in jungen Jahren angestrebte Gesangskarriere aber wollte nicht in die Gänge kommen. Jones wandte sich Brotjobs im Sicherheitsbereich zu. Neben der Überwachung von Geldtransporten ist eine Stelle als Wächterin auf der Gefängnisinsel Rikers Island im East River zu nennen.

1996 schließlich tauchte Sharon Jones bei Aufnahmesessions des nach seinem Debüt 1979 als Recording Artist wieder in der Versenkung verschwundenen Soul- und Funksängers Lee Fields auf - und stach dabei den zentralen Machern hinter dem bald regierenden Comeback eines ganzen Genres ins Auge (und Ohr). Es kam zur ersten Einspielung von Sharon Jones als Leadsängerin, der Rest ist Geschichte: Gabriel Roth gründete nicht nur seine Dap-Kings als Backingband für Sharon Jones, sondern auch sein auf feinsten Vintagesoul im Originalsound einer Ära spezialisiertes Label Daptone Records, dessen erste Albumveröffentlichung im Jahr 2002 ausgerechnet ein spätes Debütalbum mit dem Titel "Dap Dippin’ with Sharon Jones and the Dap-Kings" werden sollte. Dieses sorgte zunächst vor allem in Szenekreisen für eine Begeisterung, die für Jones selbst bald zu kippen drohte. Immerhin borgte sich die plötzlich hellhörige Musikindustrie in Gestalt des Produzenten Mark Ronson ihre Begleitband aus, um mit deren Soulbeigaben dem Album "Back To Black" von Amy Winehouse zu einem Millionenerfolg zu verhelfen.

Der Erfolg aber färbte glücklicherweise wieder ab - und führte auch die Laufkundschaft zurück zum Ursprung. Im Alter von 50 Jahren war der Durchbruch geschafft. Sharon Jones wurde mit Folgearbeiten wie "100 Days, 100 Nights", dem lebenserfahrenen "I Learned The Hard Way" oder dem Grammy-nominierten "Give The People What They Want" zum gefeierten Soul-Act und tourte um die Welt. Allen Anwesenden unvergessen bleiben wird etwa ihr Auftritt in der Wiener Staatsoper im Rahmen einer Daptone-Labelnight 2014 am Jazz Fest Wien. Man erlebte eine starke Frau, die sich mit starker Stimme als singende Naturgewalt aber bereits gegen ihre Krankheit zu stemmen hatte.

Background-Schubidus

Als von diesem Kampf bestimmt erweist sich mit "Soul Of A Woman" nun auch ihr zum ersten Todestag posthum erscheinendes finales Studioalbum. Aufgenommen in Brooklyn und weitgehend in der bewährten Dap-Kings-Besetzung um Labelchef Gabriel Roth alias Bosco Mann am Bass eingespielt, wird dabei vor allem die hoffnungsfrohe Note beschworen. Im von zackigen Bläsern umrahmten, von einer schmirgelnden Orgel und reichlich Bewegung am Schlagzeug abgefederten "Matter Of Time" zum Auftakt etwa in politischer Hinsicht: "It’s a matter of time / before justice will come / It’s a matter of time / before all wars will be done." Im kurzen, knappen und dabei sehr dringlichen "Sail On!" im Anschluss wiederum im Sinne der Notwendigkeit zur zwischenmenschlichen Versöhnung. Nicht umsonst taucht auf dem Album etwa auch noch der Chor der Universal Church Of God auf, dem Sharon Jones einst vorstand.

Mit musikalischem Laid-back-Feeling und zu zärtlichen Background-Schubidus erklärt die Sängerin bei "Come And Be A Winner" oder "Searching For A New Day" bereits vom Titel her, dass Aufgeben für sie keine Option war. Überraschungen bringt die balladenlastigere zweite Hälfte des Albums: "Girl! (You Got To Forgive Him)" etwa überzeugt zwar mit den üppigen Arrangements im Stil eines alten James-Bond-Titelsongs, passt in seiner verordneten Seitensprungapologetik aber so gar nicht zum Bild, das Jones stets verkörperte.

Am Ende steht mit "Call On God" klassischer Gospel. Es ist der finale Abgesang einer Frau, die fehlt. "Soul Of A Woman" belegt es.





Schlagwörter

Soul, Sharon Jones

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-17 15:23:09
Letzte nderung am 2017-11-17 15:27:00




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Moonwalk in die Ewigkeit
  2. Ozeanische Gefühle
  3. Schwarze Weihnachten
  4. Irrlichtern im Hades der Dichtkunst
  5. Kurz und schmerzvoll
Meistkommentiert
  1. Karajan und kein Ende
  2. Die Zukunft gehört den Singles
  3. Sophie Rois ärgert sich über "Peniszulage"
  4. Die Kamera als Schutz
  5. "Ohne Polen kollabiert London"


Quiz


CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.


Werbung


Werbung