• vom 02.12.2017, 09:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz


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Mit indignierter Distanz




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Von Bruno Jaschke

  • Auf seinem schönen neuen Album, "The Visitor", dem zweiten mit den Kollegen von Promise Of The Real als Begleitband, präsentiert Neil Young ein krankes Amerika.

Verhandelt die politische Lage der USA in erstaunlicher Klangvielfalt: Neil Young. - © Emily Dyan Ibarra

Verhandelt die politische Lage der USA in erstaunlicher Klangvielfalt: Neil Young. © Emily Dyan Ibarra



Es ist aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar, aber es gab eine Zeit, da war ein Bekenntnis zu Neil Young ein echtes Wagnis: In den frühen 80er Jahren, als Modernisten mit Tunnelblick die "Neue Welle" (also New Wave) fokussierten, riskierte man mit dem "Alt-Hippie" Young - der zu dieser Zeit wilde stilistische Haken zwischen Electronica, 50er-Jahre-Rock-’n’-Roll und behäbigem Country schlug - einen verschärften Uncoolness-Malus.

Information

Neil Young & Promise Of The Real

The Visitor

(Warner)

Vereinzelte Ressentiments überdauerten das Ende der New Wave noch eine Weile - in den frühen 90ern schrieb etwa "Spex", das Zentralorgan der selbstermächtigten Pop-Intelligenzija: "Neil Young ist ein Grund, sich den Nacken ausrasieren zu lassen." Dann hatte es sich gründlich ausgelästert und der hartnäckig stylingresistente Naturfreund und Autofreak wurde fürderhin mit Trendsetter- und Vorbildmeriten für nahezu alles abgefeiert, was sich im weiten Bereich zwischen lärmigem Rock und anheimelndem Folk versuchte.

So wie sich andere Künstler auf ihn beziehen, hat auch Neil Young selbst erhebliche Teile seines Œuvres als eine Art miteinander kommunizierendes System behandelt. Am offensichtlichsten ist das bei "Harvest Moon" (1992), dem "gereiften" Sequel seines 1972 erschienenen Erfolgsalbums "Harvest". Aber auch formale Kunstgriffe wie die doppelte Ausführung eines programmatischen Songs im einfachen akustischen und heftig abrockenden Format hat Young wiederholt - auf den LPs "Rust Never Sleeps" (1979) und "Freedom" (1989) - angewandt.

In "The Visitor" wiederum, Youngs nun vorliegendem 39. Studioalbum insgesamt und dem zweiten mit Promise Of The Real um Willie Nelsons Sohn Lukas als Begleitband, sind Echos aus dem Longplayer "Living With War" zu hören, mit dem Young 2006 gegen den damaligen US-Präsidenten George W. Bush zu Felde zog. Der grobkantige Auftakt mit "Already Great" erinnert an "After The Garden", und selbst der Aufmarsch an Fanfaren von "Let’s Impeach The President" findet sich - potenziert - in "Children Of Des-tiny" wieder.

Variationsreiche Klänge

Allerdings bedient sich "The Visitor" eines wesentlich variationsreicheren Klangbildes. Bis zur 1994er-LP "Sleeps With Angels" muss man zurückgehen, um eine ähnliche Vielfalt auf einer Neil-Young-Platte zu finden: Von Distortion-Rock über harschen Funk, Blues bis zu wunderbar austemperierten Folkballaden wie dem zehnminütigen Abschlusssong "Forever" lässt "The Visitor" nichts aus, was das sprichwörtliche, auf Young-Platten aber eigentlich eher seltene "runde Ganze" ergibt.

Es geht wieder einmal um die politische Lage in den USA und ihre Auswirkungen auf jene, die ihr ausgesetzt sind. Aber im Unterschied zu seiner Offensive gegen Bush Junior, dessen Absetzung er seinerzeit expressis verbis forderte, attackiert Young den US-Präsidenten Donald Trump nicht frontal, sondern mit indi-gnierter Distanz. Die Erwähnung eines "Gameshow-Moderators, der damit angibt, wie er alles kaputtmacht, das mir etwas bedeutet", muss reichen.

Freilich verbirgt sich schon bei "Already Great" eine Reaktion auf Trumps Slogan "Make America Great Again". "I’m Canadian by the way / and I love the USA / I love this way of life / the freedom to act and the freedom to say", stellt Young klar. Solchermaßen der für einen amerikanischen Systemkritiker unabdingbaren Pflichtübung des patriotischen Bekenntnisses Genüge leistend, geht der 72-Jährige dann aber in die Offensive und fordert "No wall / no ban / no fascist USA".

Gleich im Anschluss daran kontrastiert Young das Befehlsgebell eines Baulöwen, der eine Pipeline durch einen Wald legt, mit dem - freilich chancenlosen - Protest eines Bürgers, der den unwiederbringlichen Schaden für die Natur beklagt. Eher als den wirren Zickzackkursen des Präsidenten folgt Young aber den Risslinien, die der in der amerikanischen Gesellschaft bereits jetzt hinterlassen hat, und erinnert in "Stand Tall" an "a woman’s right to be equal".

Dass er in "Carnival" musikalische Comedy gibt, die vielleicht eher Alice Cooper anstehen würde, mag im Einzelfall fragwürdig sein. Es gibt aber gut eine Stimmung wieder, die nicht nur Neil Young seit der US-Wahl 2016 befallen hat: Dass diese ganze Farce, die da als Politik des mächtigsten Staats der Erde hochstapelt, ein bizarrer Scherz sein muss.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-01 16:35:07
Letzte ─nderung am 2017-12-01 17:45:55




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