• vom 20.12.2017, 18:01 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 20.12.2017, 18:03 Uhr

Hip Hop

(Selbst-)Zweifel in aggro und emo




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Von Andreas Rauschal

  • US-Rapper Eminem kehrt mit "Revival" zurück - ein Nämliches aber markiert sein neues Album kaum.

Wenn man ein Revival ankündigt, ist das gemeinhin ein starkes Signal. Gerade im eigentlich auf die Nachricht fokussierten Hip-Hop-Genre mit dem Rapper als Textdichter und vor allem Botschafter einer Sache sollte man wissen, dass Signale auch Stimuli sind. Sie sorgen dafür, dass das Volk die Schweinsohren spitzt, die Aufmerksamkeit schärft und einmal genauer hinhören will. Nicht umsonst sind Signalfarben im Regelfall grell, laut, marktschreierisch. Signale befeuern die Neugier und schüren Erwartungen. Wartezeit ist okay, aber jetzt keine Enttäuschungen! Der Verkündiger ist am Wort, und er verkündet.

Im Kreatief

Einen Albumtitel wie "Revival" (Universal Music) nicht als selbstreferenzielles Statement zu lesen ist im Hip-Hop also beinahe unmöglich.

Gerade auch im aktuellen Fall und bei Eminem, der als White-Trash-Rapperkönig der Zeit um die Jahrtausendwende vor allem in den Jugendzimmern weißer männlicher Halbstarker umging und bei dem man sich im Anschluss immer wieder einmal fragen durfte, was der eigentlich heute so macht. Allerdings ist auf dem Albumcover und unter dem Schriftzug, der ein "Revival" zumindest auf dem Papier vorwegnehmen soll, dann auch die US-Fahne zu sehen. Diese legt automatisch eine politische Lesart nahe, die etwas in Richtung "Make America great again" aussagen beziehungsweise den ironischen Bruch dieses Trumpschen Wahlkampfslogans markieren könnte.

Das Album beginnt so, dass Gastsängerin Beyoncé im eröffnenden "Walk On Water" ergriffen zu etwas Gospelklavier koloraturjodeln darf und Eminem als einstiger Dicke-Hose-Rapper im Kreatief Wunden ausstellt, anstatt die im Titel behauptete Wiederbelebung voll Selbstüberzeugung zu präsentieren. Der Verkündiger ist da, aber er zeigt sich zerknirscht! Es heißt "I walk on water / But I ain’t no Jesus / I walk on water / But only when it freezes (fuck!)" - und Eminem bezeichnet sein eigenes Frühwerk als Fluch, weil es die Latte für das Nachfolgende zu hoch gelegt hätte.

Hallo, so geht das nicht! Im Normalfall wäre es an dieser Stelle angebracht, sich selbst als geilster Obermacker unter der Sonne zu inszenieren, der den Fuhrpark der Konkurrenz aus der Portokasse bezahlt und ihre Bitches gleich mitnimmt.

Eminem aber bleibt dem Hader und dem Zweifel treu und stellt im Perspektivenwechsel von "Believe" gleich darauf die Frage nach dem Glauben (an ihn) an die Gemeinde. Etwas später im Verlauf dieses trotz und wahrscheinlich auch aufgrund seiner überbordenden Spieldauer von mehr als einer Stunde und siebzehn Minuten nicht und nicht zum Punkt kommenden Albums wird es in einem Stück namens "River" noch hin zum Jordan aus dem Matthäusevangelium gehen - und um Lügen, Leid und das Hinwegwaschen der Sünde durch womöglich die Flut der letzten Tage.




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Schlagwörter

Hip Hop, Eminem, Revival, Rap, Donald Trump

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-20 17:05:06
Letzte nderung am 2017-12-20 18:03:47




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