• vom 10.02.2018, 19:00 Uhr

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Von Bruno Jaschke

  • Franz Ferdinand landen mit ihrem neuen Album "Always Ascending" dort, wo sie schon im Jahr 2009 mit ihrem dritten Streich "Tonight: Franz Ferdinand" waren.

Erneut bereit für den Dancefloor: Franz Ferdinand um Alex Kapranos (2.v.l.). - © David Edwards

Erneut bereit für den Dancefloor: Franz Ferdinand um Alex Kapranos (2.v.l.). © David Edwards

In der Mehrzahl benötigen Musiker eine gewisse Anlaufzeit für ihre kreativen Höhepunkte: Die Beatles, Rolling Stones, Who, Kinks, Bruce Springsteen, Bob Dylan oder David Bowie brauchten allesamt mehrere Jahre bis zu ihren besten Longplayern. Demgegenüber steht ein kleinerer, indes illustrer Teil der Pop-Historie, der gleich von Anfang an groß da war: Bei Jimi Hendrix, Velvet Underground, den Stooges, Patti Smith oder The Jesus And Mary Chain sind die Debütalben ihre definitiven Meisterwerke oder zumindest Marksteine ihres Schaffens.

Tendenziell gehören auch Franz Ferdinand in diese zweite Kategorie. Ihr unbetitelter Erstling von 2004, auf dem sie den gemütlichen alten Indie-Rock mit Verve und rhythmischem Überschwang tanzen schickten, wurde (nach intensivem Hype) vom Pu-blikum wie auch von den Redaktionen der maßgeblichen Musikmagazine und -portale als Ereignis von nachgerade epochalem Rang gefeiert. Gleichwohl gab sich Sänger, Gitarrist und Hauptsongschreiber Alex Kapranos Ende 2005 im Interview mit der "Wiener Zeitung" überzeugt, "dass wir unseren Zenit erst mit der fünften oder sechsten Platte erreicht haben werden".

Information

Franz Ferdinand
Always Ascending
(Domino/GoodToGo)

Live am 13. März im Wiener Gasometer.

Personeller Aderlass

Die Band hatte damals gerade ihre zweite LP "You Could Have It So Much Better" herausgebracht und konnte es laut Kapranos kaum erwarten, ins Studio zu gehen und Album Nummer drei in Angriff zu nehmen. Dass dieses also scheinbar sehr ungeduldig in den Startlöchern scharrende Opus dann vier Jahre bis zur Veröffentlichung brauchte, sei hier nur als kleine Randnotiz vermerkt. Wesentlich festzuhalten ist dagegen, dass jetzt der Augenblick gekommen ist, um Kapranos’ Prophezeiung an der Wirklichkeit zu messen: Ob man nun "FFS", Franz Ferdinands tatsächlich superbe Split-Platte mit den Sparks, in die Rechnung einbezieht oder nicht - so oder so müsste die Band mit ihrem neuen Album ihr Opus magnum abliefern. Nun, das ist "Always Ascending" eher nicht. Interessant ist es aber sicher.

Den Aufnahmen ging ein nicht unwesentlicher personeller Aderlass voran: Gitarrist Nick McCarthy verließ die Band, um sich in seiner bayerischen Wahlheimat anderen Projekten sowie dem Familienleben mit österreichischer Frau und Nachwuchs zu widmen. Vermutlich auch deshalb suchten Franz Ferdinand, mittlerweile zum Quintett angewachsen, eine Neuorientierung - und landen wieder dort, wo sie schon 2009 mit "Tonight: Franz Ferdinand" angekommen waren: in der Disco.

Diesmal haben sie freilich ein paar andere Wegbegleiter mitgenommen, allen voran den French-House-Produzenten Philippe Zdar (Cassius, Phoenix). Der Titelsong beginnt mit einem anmutig-verspielten, von einem Klavier getragenen Balladenteil über verschiedene Wolkenformen. Dann aber leiten elektronisch verstärkte Drums in ein leicht schleuderndes Synthie-Motiv über, in dessen Hintergrund ein Keyboard-Ton permanent höhersteigt - eben "Always Ascending", wie es bereits der Titel sagt.

Trotziges Beharren

Auch der "Lazy Boy" tänzelt zunächst selbstvergessen durch die Disco, wird dann jedoch durch grobe Gitarren aufgeschreckt. Daraufhin nimmt die LP eine Wende, wie sie Platten dieser Art gerne nehmen: Weil Tanzboden und Hedonismus zwar cool für den Augenblick sein mögen, auf Dauer aber keinen substanziellen Lebensplatz und -entwurf abgeben, driften Franz Ferdinand in Richtung eines ambitiösen, psychedelisch eingefärbten Powerpop mit besinnlichen Zwischentönen.

"Huck And Jim" kommt in Form einer kunstvoll verschachtelten Suite daher, das abschließende "Slow Don’t Kill Me Slow" startet als sentimentaler Schlager für Fortgeschrittene und endet schließlich in einer disziplinierten Gitarrenschleife.

Die Inhalte haben, wiewohl nicht einfach zu deuten, ein Motiv gemein: Unzulänglichkeiten - und wie das Individuum in einer Gesellschaftsstruktur, die solche nicht erlaubt, mit ihnen umgeht. Da ist trotziges Beharren auf Defiziten, da ist Zynismus (wie in "Lois Lane", wo postuliert wird, auch Altruismus sei egoistisch motiviert) - und da sind die "Paper Cages", die ein Synonym dafür sein könnten, wie wir uns das Leben in aller Cleverness selbst verbauen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-09 13:26:22
Letzte nderung am 2018-02-09 17:02:56




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