• vom 12.04.2013, 12:51 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 18.04.2013, 21:24 Uhr

Girls Rock Camp NÖ

Smells like Girl Spirit




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bettina Figl

  • Die "Riot Grrrls" sind auch in Österreich angekommen, etwa bei der Wiener Noise-Punk-Band Aivery oder beim Girls Rock Camp in Niederösterreich.

Noise-Punk mit einem Hauch von Grunge: Aivery bei einem ihrer Auftritte. - © Foto: Spotting

Noise-Punk mit einem Hauch von Grunge: Aivery bei einem ihrer Auftritte. © Foto: Spotting

Verzerrte Gitarre, das Schlagzeug setzt ein, der Gesang bleibt im Hintergrund. Erst im letzten Teil kommt die Frauenstimme dazu, der emotional-aggressive Ausbruch von Franziska Schwarz geht unter die Haut: "I got home, you got lost", singt sie, und nicht nur die Architektur des Songs ist ungewöhnlich.

Die Noise-Punk-Band Aivery besteht seit einem knappen Jahr, auch die Protagonistinnen selbst sind noch jung: Aivery, das sind neben der 17-jährigen Sängerin/Bassistin Schwarz die Schlagzeugerin Doris Zimmermann und Jasmin Maria Rilke an Gitarre und Bass (beide 21 Jahre alt). Formiert haben sie sich beim Girls Rock Camp in Niederösterreich (siehe Infokasten). Heute bringen sie mit Punk-Attitüde den Proberaum im Wien-Ottakring zum Beben, zudem liegt ein Hauch von Grunge in der Luft - ihre Vorbilder sind schließlich die Grungepioniere Nirvana, die mit "Smells Like Teen Spirit" in die Musikgeschichte eingingen.


"Rebel Girl"-Hymne
Doch ist Nirvana nicht just eine jener Bands, gegen die sich die Riot Grrrls Anfang der 1990er auflehnten? "Nirvana war keine dezidierte Macho-Band, sondern sie haben die Überrepräsentanz von Männern im Musikgeschäft selbst kritisiert", erklärt Zimmermann, die sich mit den Forderungen der Riot Grrrls - gleiche Rechte für Künstler beiderlei Geschlechts und alternative Produktions- und Vertriebsstrukturen - vollends identifizieren kann. Hauptziel der Riot Grrrls: Sie wollten die Untergrund-Musikszene nicht länger den Männern alleine überlassen. 1993 schrieb Bikini Kill die Riot Grrrl-Hymne "Rebel Girl", in der es heißt: "In her kiss, I taste the revolution".

Information

Hinweise:
Anlässlich des Record Store Day bringen Luise Pop mit den Berlinerinnen Half Girl am 20. April 2013 eine 7Inch heraus (Siluh Records).
Live-Dates: Am 8. Juni sind Luise Pop beim Donaukanaltreiben, am 14. Juni Aivery im Wiener Fluc zu sehen.
Literatur: Riot Grrrl Revisited, Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung von Katja Peglow / Jonas Engelmann (Hg.) Ventil Verlag, Mainz 2011.
Weblinks
Website Aivery Bandcamp
Website Aivery auf Soundcloud
Website Luise Pop
Website Unrecords
Website Female:Pressure
Website Girls Rock Camp Alliance

Eine Revolution mit Nachgeschmack: Denn wiewohl Aivery einer neuen Generation von Musikerinnen angehört, machten auch sie die Erfahrung, dass der Zugang für Frauen zum Musikmachen alles andere als einfach ist - wenn man nicht unbedingt Klavier oder Klarinette spielen oder den Part der Sängerin übernehmen will. Rilke übte etwa jahrelang allein in ihrem Zimmer an der Stromgitarre; auf der Suche nach Gleichgesinnten pinnte sie Zettel an die Klotüren von Studentenlokalen. Nach einem Jahr kam dann der Anruf von Zimmermann. Letzten Sommer stießen die beiden beim Girls Rock Camp auf Schwarz, ihre heutige Sängerin.

Beim Girls Rock Camp, das heuer zum dritten Mal in Niederösterreich stattfindet, ist das anders: Die Frauen probieren Instrumente aus, gründen Bands und schreiben Lieder. Eine Woche lang dreht sich alles ums Musikmachen und um Selbstermächtigung von Frauen. Männliche Teilnehmer sind nicht erlaubt. Ist das nicht auch wieder Diskriminierung? "Sie können ja ein Boys Rock Camp machen", sagt Rilke lakonisch. "Es ist leichter, aus sich herauszugehen, wenn keine Burschen dabei sind, dann hat man einfach weniger Hemmungen", sagt Vera Kropf. Die Sängerin der Band "Luise Pop" ist Bandcoach beim Girls Rock Camp. Ebenfalls als Bandcoach stehen den Mädchen Musikerinnen wie Clara Luzia, Birgit Michlmayr oder Stefanie Sourial zur Seite - alles keine Unbekannten in der heimischen Indie-Szene.

"Das Wichtigste sind Kontakte. Am Anfang ist alles schwer: Man findet keine Bandmitglieder, keinen Proberaum und hat keine Auftrittsmöglichkeiten", berichtet Kropf. Die 34-Jährige merkt scherzend an: "Hätte es das Girls Rock Camp zu meiner Zeit gegeben, wäre ich jetzt schon in Amerika". Und doch steckt in dem Witz ein Funken Wahrheit: Mit acht lernt sie die ersten Gitarrenakkorde, Banderfahrungen machte sie ab 13, der erste Bühnenauftritt erfolgte mit 21 Jahren.

Im Vergleich dazu spielte sich bei Aivery all das im Zeitraffer ab: Gegründet im Sommer 2012, machen sie seither zumindest zweimal im Monat krachend laute Musik, in ihrem winzigen Proberaum trinken sie Bier aus Dosen und erzählen erstaunt von dem Hype, den es um ihre Band anfangs gegeben hat. Und die Fans dürfen sich freuen: Im Frühjahr 2014 soll die erste 7inch von Aivery herauskommen, und zwar beim Label unrecords, das am Girls Rock Camp gegründet wurde.

Und doch ist das Girls Rock Camp mehr als ein Stelldichein der weiblichen Indie-Szene. "Es ist nicht nur Handwerk, es geht auch um Reflexion und Auseinandersetzung mit der Welt. Wenn man nicht beim Schlagerschmalz bleibt, kommt man nicht um politische Inhalte herum", sagt Kropf. Im Vorjahr wurde etwa über das Urteil im Prozess um die russische Punk-Band Pussy Riot diskutiert, und Schapka, die sich so wie Aivery am Girls Rock Camp formiert haben, griffen diese Inhalte in ihren Texten auf. Denn während es in den Nullerjahren um die Revolution der Riot Grrrls etwas ruhiger wurde, haben sie sich in den vergangenen Jahren wieder stärker zu Wort gemeldet.

Nicht zuletzt haben sich auch Pussy Riot, eine aus rund zehn Frauen bestehende Punk-Formation aus Moskau, ganz klar einen politischen, aber auch feministischen Auftrag auf die Fahnen geheftet. Sie haben Anfang 2012 in einer der bedeutendsten Kirchen Moskaus ihr Putin-kritisches "Punk-Gebet" in die Welt geschrien. Ein Video zeigt die Punkerinnen hüpfend und springend mit grellen, über den Kopf gezogenen Strümpfen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-04-12 12:44:07
Letzte Änderung am 2013-04-18 21:24:54




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Lügen haben lange Nasen
  2. Was hat uns bloß so ruiniert?
  3. Sechs Künstler und vier Preise
  4. Kinobranche hofft auf Streaming
  5. Ungeknickt durch den Sturm
Meistkommentiert
  1. Ungeknickt durch den Sturm
  2. Deutscher Karikaturenpreis für Erdogan-Zeichnung
  3. Verhandler könnten ORF-Gebühr kappen
  4. AC/DC-Gitarrist Malcolm Young ist tot
  5. Gipfelanalysen


Quiz


CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.


Werbung


Werbung