• vom 27.09.2016, 15:45 Uhr

Stadt & Land

Update: 27.09.2016, 17:59 Uhr

Raumplanung

Von Donut-Dörfern und vermeintlichen Wunschkonzerten








Von Stephan Pernkopf

  • Warum es wichtig ist, den Bodenverbrauch in Österreich zu stoppen.



Wenn man bedenkt, dass pro Jahr eine Fläche der Stadt Salzburg verschwindet, wird einem bewusst, dass wir ein Problem haben. Was uns oft nicht klar ist, ist, dass Boden eine endende Ressource und nicht wiederherzustellen ist. Die Frage liegt nahe: Wie viel Boden haben wir eigentlich noch? Geht es nach der Nachhaltigkeitsstrategie der UNO, dürften wir pro Tag 2,5 Hektar Boden verbrauchen. Davon sind wir weit entfernt, wir verbrauchen derzeit das knapp Achtfache - nämlich mehr als 16 Hektar/Tag. In unseren klimatischen Breiten braucht es zwischen 100 und 200 Jahre, bis eine Humusschicht von einem Zentimeter aufgebaut ist. Den Boden zuzubetonieren, dauert hingen oft nur wenige Minuten.

Raumplanung ist
kein Wunschkonzert

Information

Gastkommentar

Dr. Stephan Pernkopf ist seit 2012 Präsident des Ökosozialen Forums, das für eine nachhaltige Wirtschaft und Politik eintritt. Pernkopf ist Agrar- und Umweltlandesrat in Niederösterreich.

Diskutieren Sie mit! Entweder unter www.wienerzeitung.at/stadtland oder
kommunal@wienerzeitung.at

Natürlich bin ich nicht gegen Bauvorhaben. Mir ist durchaus bewusst, dass wir Platz fürs Wohnen, für Schulen, für Unternehmen und für den Ausbau von Infrastruktur wie Straßen und Schienenstränge brauchen. Ich weiß aus täglicher Erfahrung, dass es oft ein Spannungsfeld zwischen dem Erhalt des Bodens und der Schaffung eines attraktiven Wohn- und Wirtschaftsraums gibt. Gerade die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister stehen hier vor großen Herausforderungen und auch unter großem Druck von vielen Seiten.



Worauf wir daher großen Wert legen müssen, ist eine vorausschauende Raumplanung, die schon heute die Druckpunkte der Zukunft verhindert und gar nicht erst entstehen lässt. Denn klar ist: Raumplanung ist kein Wunschkonzert der Einzelinteressen. Es muss vielmehr darum gehen, eine positive Entwicklung der Gemeinden und der Wirtschaft zu ermöglichen und gleichzeitig wertvolle Grünräume zu schützen.

Auch Leerstände im Ortszentrum werden zunehmend ein Problem und gehen Dörfern an die Substanz, verwaiste Ortskerne prägen das Bild zahlreicher ländlicher Gebiete. Gleichzeitig kommt es oft zu Siedlungserweiterungen an den Ortsrändern. Wir kennen sie alle: die Einkaufszentren, die sich rund um einen Kreisverkehr angesiedelt haben, mitten auf der grünen Wiese. Die deutsche Architektur-Professorin Hilde Schröteler-von Brandt spricht in diesem Zusammenhang vom sogenannten "Donut-Effekt". Zuerst entleeren sich die identitätsprägenden Ortszentren. Und wenn die Einwohner fehlen, rutschen auch die Handelsflächen mit ins "Donut-Loch", weil die Kundschaft fehlt. Interessantes Detail am Rande: Österreich hat mit 1,8 Quadratmeter Supermarktfläche und 15 Meter Straßenlänge pro Kopf international die höchsten Verbauungszahlen vorzuweisen.

Doch das muss nicht sein. Genauso wenig, wie Gemeinden Grünland zu Bauland widmen "müssen", so ist es auch kein Naturgesetz, dass Parkflächen von Einkaufszentren ebenfalls auf der grünen Wiese entstehen müssen. Sie könnten auch ober- oder unterirdisch entstehen. Und genauso könnten die Gemeinden einer Region auch gemeinsam und in Abstimmung mit dem Land die Grenzen ihres Siedlungswachstums festsetzen, Grünzonen und Wildkorridore von Verbauung freihalten und neue Handelseinrichtungen nur mehr im Ortskern zulassen. Mit Flächenbilanzen könnten die vorhandenen Baulandreserven ständig bewertet werden und so darauf geachtet werden, dass neues Bauland nicht überschießend ausgewiesen wird.

Nützen, schützen
und lenken

Dass es Alternativen zu fantasieloser Verbauung gibt, zeigen zudem zahlreiche Initiativen. Viele Gemeinden haben neue Nutzungsformen der alten Bausubstanz erfolgreich umgesetzt. Die beiden geschlossenen Volksschulen der Kärntner Gemeinden Zeltschach und Gradenegg sind jetzt Wohnhäuser, im niederösterreichischen Gutenbrunn wurde aus einer Bankfiliale ein Fitnessraum für Jugendliche. Diese Aufzählung ließe sich sehr lange fortsetzen.

Warum ist das alles so wichtig? Unser Boden schenkt uns reiche Ernte. Er ist die Grundlage unserer Landwirtschaft und damit der Nahrungsproduktion. Mit anderen Worten: Auf einer Betonwüste wächst kein Weizen und grast keine Kuh. Ohne Boden keine Landwirtschaft und damit auch keine heimischen Lebensmittel. Intakter Boden schützt auch vor Naturgefahren: Wie ein Schwamm speichert er Regenwasser - und zwar bis zu 200 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Auf unversiegelten Flächen kann das Wasser im Boden versickern, auf versiegelten Flächen wird dagegen kein Wasser gespeichert, sondern fließt oberflächig ab. Die Hochwassergefahr steigt dadurch massiv an. Was das zu bedeuten hat, haben wir in den vergangenen Jahren in Österreich oft genug gesehen. Und nicht zuletzt kostet eine nicht nachhaltige Raumplanung auch viel Geld für den Bau und die Erhaltung von Straßen, Kanal et cetera, die womöglich nicht notwendig gewesen wären oder schlecht ausgelastet sind.

Eine ökosoziale Gemeindepolitik versucht, die verschiedenen Interessen und Bedürfnisse in Einklang zu bringen. Und das ist kein Nullsummenspiel. Mit kluger Planung ist qualitativer und quantitativer Bodenschutz möglich. Gleichzeitig lassen sich attraktive Strukturen im ländlichen Raum sicherstellen. Das muss ein gemeinsames Anliegen sein.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-27 15:50:10
Letzte nderung am 2016-09-27 17:59:16



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