• vom 15.11.2016, 16:03 Uhr

Stadt & Land

Update: 15.11.2016, 16:23 Uhr

Partizipation

Wenn Gemeinden ihre Einwohner fragen




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Von Christina Pausackl

  • Wie Bürgerbeteiligung gelebt werden kann, zeigt die Vorarlberger Gemeinde Zwischenwasser - seit fast dreißig Jahren.



Vier Tage lang diskutierten die Bürger und Bürgerinnen in Zwischenwasser unter Moderation von Architekten über einen neuen Entwicklungsplan für die Gemeinde.

Vier Tage lang diskutierten die Bürger und Bürgerinnen in Zwischenwasser unter Moderation von Architekten über einen neuen Entwicklungsplan für die Gemeinde. Vier Tage lang diskutierten die Bürger und Bürgerinnen in Zwischenwasser unter Moderation von Architekten über einen neuen Entwicklungsplan für die Gemeinde.

Zwischenwasser. Auf den ersten Blick zeigt sich in Zwischenwasser ein vertrautes österreichisches Ortsbild: viel Grün, gepflegte Wiesen, schöne Häuserfassaden. Wer aber durch die Straßen der 3200-Einwohner-Gemeinde im Vorarlberger Bezirk Feldkirch spaziert, wird zwischen den Einfamilienhäusern und geschichtsreichen Gebäuden moderne Holzhäuser und Steinbauten entdecken, wird unzählige Dächer mit Photovoltaikanlagen sehen und erkennen: Zwischenwasser mag vieles sein, aber sicherlich nicht gewöhnlich.

Eingebettet zwischen zwei Flüssen und aus vier Ortsteilen bestehend, gilt Zwischenwasser als eine der innovativsten Gemeinden des Landes und ist vielfach preisgekrönt. Der Ort ist nicht nur Österreichvorbild im Bereich der Baukultur, er setzt auch seit drei Jahrzehnten auf Nachhaltigkeit: Die Gemeinde zählt zu den energieeffizientesten Europas, und ihr Stromverbrauch sinkt nach wie vor jährlich um rund zwei Prozent. Vor allem aber steht Zwischenwasser für eine ausgeprägte Partizipationskultur. Wenn es in Österreich einen Ort gibt, an dem Bürgerbeteiligung gelebt wird, dann ist er hier.

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In Zeiten, in denen gesellschaftliche Herausforderungen und politische Fragestellungen zunehmend komplexer und die Bürger mehr und mehr der Politik verdrossen werden, erhält Bürgerbeteiligung einen umso höheren Stellenwert. Wie in vielen ländlichen Gemeinden gibt es auch in Zwischenwasser wenige Arbeitsplätze, und es fehlt an leistbarem Wohnraum. Viele Junge wandern ab, und das Budget der Gemeinde ist knapp. Für Josef Mathis, der 33 Jahre lang Bürgermeister war, und Kilian Tschabrun, der 2013 das Amt übernommen hat, ist die Einbindung der Bürger ein Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde.

Bürger-Kraftwerk
In Zwischenwasser haben mittlerweile alle öffentlichen Gebäude Passivhausstandard - viele Bauprojekte wurden nur dadurch möglich, weil die Bürger selbst Initiative ergriffen und ihre Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben. So auch bei dem jüngsten großen Bauprojekt, dem Kindergarten im Ortsteil Muntlix, der 2014 mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet wurde. "Die Gemeinde allein hätte sich das nicht leisten können, also haben wir die Eltern der Kinder eingeladen, freiwillig mitzuhelfen", sagt Bürgermeister Tschabrun. Rund 40 Erwachsene halfen beim Bau mit.

"Wir versuchen, die Bürgerinnen auch bei Bauprojekten - bei Neubauten und auch Sanierungen - einzubinden", sagt Tschabrun. Zumindest jene, die diese Gebäude nutzen. "Wir wollen unsere Bürger abholen - und natürlich auch ihr Geld." Um weitere Photovoltaikanlagen auf den Dachflächen der Gemeinde finanzieren zu können, gründete Zwischenwasser vor zwei Jahren eine Beteiligungsgenossenschaft. Die Bürger konnten Anteile an dem Solarkraftwerk erwerben, im Gegenzug erhalten sie eine Rendite von 2,5 Prozent. Insgesamt brachten die Bewohner von Zwischenwasser 300.000 Euro ein.

Im Jahr 2012 startete die Gemeinde ihren bisher größten Bürgerbeteiligungsprozess. Gemeinsam mit den Einwohnern arbeitete sie einen umfangreichen räumlichen Entwicklungsplan aus. Die Gemeindevertretung holte sich dafür Unterstützung vom Architekturbüro Nonconform. Wie der Name bereits verrät, ist es kein gewöhnliches Architekturbüro - sondern arbeitet auch partizipativ. Christina Kragl, Raumplanerin bei Nonconform, reiste damals mit einem Team nach Zwischenwasser und baute im Gemeindesaal ein Pop-up-Büro auf.

Höhere Akzeptanz
Vier Tage lang konnten die Bewohner dort selbst Ideen einbringen. Der Prozess wurde laufend dokumentiert und auf einer Website veröffentlicht. "Das lief nicht reibungslos, da wurde auch heftig diskutiert", erzählt Bürgermeister Tschabrun. Schlussendlich kam die Gemeinde aber zu einer Lösung, 2014 wurde der räumliche Entwicklungsplan vom Gemeinderat beschlossen. "Aber es werden auch noch heute 100 der 3200 Bürger nicht ganz glücklich sein", sagt Tschabrun. "Aber man kann es eben nicht allen recht machen."

Natürlich würden bei kontroversen Themen auch Konflikte entstehen, sagt Martin Lederer vom Büro für Zukunftsfragen des Landes Vorarlberg. Wenn aber Bürger in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, würde das zu größerer Akzeptanz führen. "Bürgerbeteiligung bedeutet nicht, dass jeder das bekommt, was er sich wünscht", sagt Christina Kragl von Nonconform. Es gehe darum, die größten Vorteile für die Gemeinschaft und so wenige Nachteile wie möglich für den Einzelnen zu erreichen. "Wichtig ist, dass der Prozess transparent abläuft, dass die Pros und Contras diskutiert werden und die Entscheidungen nachvollziehbar sind." Bürgerbeteiligung, sagt Kragl, "heißt auch nicht einfach Listenschreiben." Wer einen Wunsch äußert, müsse auch Verantwortung übernehmen. "Das ist ein Schritt, den wir im Prozess auch einfordern." Und der in Zwischenwasser erfüllt wurde. In der Intensität der Bürgerbeteiligungsprozesse zählt die Gemeinde landesweit zur Ausnahme.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-15 16:08:14
Letzte ─nderung am 2016-11-15 16:23:35



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