• vom 29.11.2016, 15:01 Uhr

Stadt & Land

Update: 29.11.2016, 15:33 Uhr

Arbeitsmarktpolitik

New Deal für den ländlichen Raum




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Von Gerald Mathis

  • Nur mit Arbeitsplätzen können Menschen im ländlichen Raum wohnen bleiben - die bisherigen Programme sind untauglich. Ein Gastkommentar.




© Simon Rosner © Simon Rosner

"Unsere Gesellschaft ist schon lange gespalten. Flüchtlingskrise und Präsidentenwahl haben die Verwerfungen nicht verschuldet, sondern sie nur ans Tageslicht gebracht", sagte Politologe Peter Filzmaier bei den Kommunalen Sommergesprächen 2016 des Gemeindebundes in Bad Aussee.

Wir können diese Spaltung auch anhand der ersten Stichwahl um das Bundespräsidentenamt im Mai nachvollziehen, als sich vor allem die Menschen auf dem Land mehrheitlich für die FPÖ und ihren Kandidaten Norbert Hofer entschieden haben. Das ist einerseits erschreckend, bezeichnet aber die Situation und die Disparitäten zwischen Stadt und Land nur zu gut. Hofer haben vor allem jene gewählt, die von sozialen und finanziellen Abstiegsängsten und wenig Perspektiven geprägt sind - und diese Abstiegsängste finden sich häufiger auf dem Land. In weiten Teilen der ländlichen Regionen Österreichs lassen die demografische Entwicklung und die Abwanderung keine Hoffnung aufkommen. So zeigt auch die Wahlanalyse eine weitgehend blau eingefärbte Österreichkarte und ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Und auch die Österreichkarte der demografischen Entwicklung korreliert gewissermaßen mit der Karte zur Wahlanalyse - in vielen Teilen Abwanderung und Perspektivenlosigkeit.


© ISK © ISK

Information

Dr. Gerald Mathis ist Vorstand des ISK Institut für Standort-, Regional- und Kommunalentwicklung in Dornbirn und Leiter des internationalen Studiengangs Standort- und Regionalmanagement an der Fachhochschule Vorarlberg.

Es ist eine dramatische Entwicklung, die wir ernst nehmen müssen, wollen wir nicht unliebsame Veränderungen und einen weiteren Rechtsruck in unserer Gesellschaft zulassen. Diese Entwicklungen spielen sich wohlgemerkt nicht auf Nebenschauplätzen ab. Tatsächlich hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung ihren Lebensmittelpunkt in einer Gemeinde im ländlichen Raum. Für diese Menschen ist das Leben auf dem Land keinesfalls die zweite Wahl, sondern sie ziehen das Land dem urbanen Raum vor. Wenn wir von einem "New Deal" sprechen, wie es Kanzler Christian Kern in seiner Antrittsrede im Parlament tat, müssen wir vor allem die Entwicklung im ländlichen Raum ganz anders initiieren und unterstützen.

Jobs, Jobs, Jobs

"New Deal" impliziert vor allem eines - die Schaffung von Arbeitsplätzen, von Jobs. Besonders im ländlichen Raum gibt es nur mit Arbeitsplätzen in zumutbarer Entfernung auch Zukunft und Perspektiven. Zur nachhaltigen Entwicklung des regionalen Raumes sind Arbeitsplätze in einer auspendelqualitativen Entfernung der zentrale Faktor. Nur mit Arbeitsplätzen ist die Daseinsvorsorge der Menschen gesichert, und nur mit Arbeitsplätzen können die Menschen im ländlichen Raum auch wohnen bleiben.

Es ist also keineswegs so, dass die Menschen den ländlichen Raum verlassen wollen, sondern vielmehr, dass sie dazu gezwungen werden. "Die Menschen wollen (. . .) dort Arbeit finden, wo sie auch ihren Lebensmittelpunkt haben, wo sie wohnen. Und dennoch müssen derzeit knapp zwei Millionen Menschen in Österreich täglich in die Ballungsräume einpendeln", heißt es in der Publikation "Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum" (Mugler, Fink, Loidl). Diesem zentralen Problem wird im Rahmen der klassischen Regionalentwicklung kaum oder überhaupt nicht Rechnung getragen. Und so sind auch in weiten Teilen des ländlichen Raumes die Zukunftsbilder verloren gegangen. Es werden tatsächlich primär flache, pragmatische Lösungsversuche initiiert, die jedoch nicht den Kern des Problems treffen.

Am Bedarf vorbei gefördert

Der ländliche Raum wird in der Tat intensiv gefördert. Die Verwendung der Gelder und der daraus resultierende Nutzen muss allerdings kritisch hinterfragt werden. Ebenso die Struktur der Regionalentwicklung. Die diesbezüglichen Förderstellen sind in der Regel in ganz Europa bei den Agrar- und nicht etwa bei den Wirtschaftsministerien angesiedelt. Und die Akteure der Regionalentwicklung sind Raumplaner, Geografen, Ökologen und Soziologen - jedenfalls keine Ökonomen. So liegen denn auch die Schwerpunkte der Regionalentwicklung in raumplanerischen, ökologischen, agrokulturellen, touristischen und soziologischen Bereichen. Es werden Fuß- und Wasserwanderwege konzipiert, Leitsysteme prämiert, Alpinforschung betrieben, Kulinarikangebote, Naturparks und Dorfkerne entwickelt, für die es aber keine Einwohner mehr gibt, da es am Notwendigsten fehlt: an Arbeitsplätzen.

Wir laufen Gefahr, am Ende nur mehr riesige, regionale Museumslandschaften zu fördern, die wir dann chinesischen Touristen als alpine Attraktionen vorzeigen können. Vielfach wird auch einfach das getan, was von Brüssel gefördert wird. Man orientiert sich an den angebotenen Finanzierungen und konzipiert entsprechende Projekte. Es müsste jedoch umgekehrt sein und sich die Projekte an den realen Notwendigkeiten orientieren, bevor die Finanzierung sichergestellt wird.

Erst in jüngerer Vergangenheit hat sich Wirtschaftsentwicklung langsam in die Programme der Regionalentwicklung eingeschlichen, ist aber nach wie vor ein Stiefkind. Letztlich fehlt es vor allem an Entwicklungs- und Umsetzungskompetenz, denn Regionalentwicklung ist eine Domäne der genannten Akteure und Förderstellen, und diese fokussieren ihre Arbeit auf die Umsetzung ihrer alten und bisherigen Ziele. Und so wird immer wieder und mehr von derselben Medizin verabreicht, die aber schon in der Vergangenheit die wirklichen Probleme nicht gelöst hat. Solche Strukturen führen dann zu Stillstand, Mut- und Perspektivenlosigkeit.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-29 15:05:11
Letzte Änderung am 2016-11-29 15:33:48



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