• vom 18.04.2017, 17:12 Uhr

Stadt & Land

Update: 18.04.2017, 17:37 Uhr

Landwirtschaft

Die Angst der Landwirte vor der klaren Nacht




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Von Simon Rosner

  • Die Temperaturen könnten unter null Grad fallen, wie im Vorjahr drohen enorme Ernteausfälle.


© APA/LK Steiermark © APA/LK Steiermark

Gols. "Die Panik ist groß". Michael Allacher ist Weinbauer in Gols im Burgenland und Vorstand des örtlichen Weinbauvereins. Die Panik löst der Wetterbericht für die kommenden Tage und vor allem Nächte aus. Es könnte nämlich frieren, und die Temperaturen sollen bis zur nächsten Woche sehr niedrig bleiben.

Der März war gänzlich anders, nämlich so warm wie in der 251-jährigen Messgeschichte des Landes nicht. Und das ist das große Problem für Weinbauern wie Allacher. Denn der milde März ließ den Wein sowie auch Obstbäume schon deutlich früher vegetieren. Auch im Vorjahr war dies der Fall, ehe Ende April zwei Frostnächte kamen und in einigen Teilen Österreichs einen Gutteil der Ernte vernichteten.

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In der Steiermark brachte der Weinertrag gar nur ein Drittel eines normalen Jahres hervor, im Burgenland etwa die Hälfte, wobei die Region um Neusiedl - und damit auch Gols - besonders betroffen war. "Der Frost hat 60 Prozent der Ernte vernichtet, die Keller sind leer. Die Winzer haben keinen Wein mehr", erzählt Allacher. Sollte sich dieses Ereignis in den kommenden Tagen wiederholen, dann geht es für viele Wein- und Obstbauern um die Existenz.

Katastrophenfonds wird
nicht mehr geöffnet

"Die Betriebe sind grundsätzlich schon so aufgestellt, dass sie gewisse Ausfälle verkraften können", sagt Werner Luttenberger, Weinbaudirektor der steirischen Landwirtschaftskammer. "Wenn das aber zweimal hintereinander passiert, dann wird es sehr kritisch." Im Vorjahr wurde aufgrund des enormen Ausfalls sogar der Katastrophenfonds des Bundes angezapft. Aber bereits damals hatte man klargemacht, dass dies ein Einzelfall bleiben werde. Die finanzielle Hilfe war zudem ohnehin nur eine kleine Entschädigung. Laut Luttenberger seien 10,5 Millionen Euro aus dem Fonds in Richtung des steirischen Weins geflossen, "das Schadenausmaß lag aber bei etwa 100 Millionen Euro". Und das seien nur die unmittelbaren Verluste.

Wie der Golser Weinbauer Michael Allacher erzählt, sind auch die langfristigen Auswirkungen ein Problem. "Wenn man Händler beliefert und dies nicht mehr kann, fliegt man aus dem Sortiment. Und dann ist es sehr schwierig, wieder hineinzukommen."

Seit dem Vorjahr ist die Zahl der Frostversicherungen deutlich gestiegen. Erstens hat die Hagelversicherung sämtliche Obstsorten in den Versicherungsschutz aufgenommen, das war vor einem Jahr noch nicht der Fall. Zweitens haben sich nun doch viele Weinbauern dazu entschieden, eine (teure) Frostversicherung abzuschließen. Durch die Seltenheit von solchen Ereignissen war diese Art der Versicherung kaum verbreitet. Neu ist auch, dass Bund und Land bei der Frostversicherung - wie auch sonst üblich - die Hälfte der Prämien übernehmen.

Auch für die Versicherung ist die Unsicherheit gestiegen. Denn der späte Frost in Verbindung mit einem ebenfalls frühen Vegetationsbeginn war schon im Vorjahr als ganz seltenes Ereignis eingestuft worden. Was aber, wenn sich dies in den kommenden Jahren nicht als Außergewöhnlichkeit herausstellen sollte? "Wir müssen da einmal abwarten", sagt Mario Winkler, Sprecher der Hagelversicherung.

In einem Klimabericht für Niederösterreich aus dem Jahr 2007 wird von einem etwa 14 Tage früheren Vegetationsbeginn ausgegangen - allerdings bis zum Jahr 2050. Nun ist aber genau dies schon im zweiten Jahr hintereinander eingetroffen. Herbert Formayer, Klimaforscher an der Universität für Bodenkultur in Wien und einer der Autoren der Studie damals, sagt: "Das ist natürlich eine Auffälligkeit, aber es ist auch Zufall." Also gewissermaßen Wetter, nicht Klima.

Eine Frage des Wetters,
nicht des Klimas

Formayer erinnert in diesem Zusammenhang an drei Stürme binnen 14 Monaten in den Jahren 2007 und 2008 (Kyrill, Paula, Emma). Auch damals sei viel vom Klimawandel gesprochen und geschrieben worden, danach hat es aber keine größeren Sturmereignisse mehr gegeben. Ungefähr das ist auch die Hoffnung der Wein- und Obstbauern.

Wobei es nicht Frost im April ist, der die Ungewöhnlichkeit darstellt, wie auch Formayer sagt. "Normalerweise treibt der Wein erst Ende April oder Anfang Mai aus und ist dadurch recht gut geschützt." Frostnächte im Mai sind eben doch sehr selten.

Für Obst gilt übrigens Ähnliches, und hinzu kommt in diesem Jahr auch die Gefahr von Schneebruch, da zusätzlich zum Frost in den kommenden Tagen in einigen Regionen auch bis zu 20 Zentimeter Schnee vorhergesagt sind. Da einige Bäume ebenfalls bereits ausgetrieben haben oder sogar Blätter tragen, bleibt mehr Schnee auf den Ästen liegen. Diese können infolge brechen. "Da kann einiges passieren, es sind auch die Stromleitungen gefährdet", sagt Formayer.

Viel können die Landwirte gegen die Natur aber nicht ausrichten. Rund um den Neusiedler See wurden viele Strohballen ausgebracht. Sie könnten zum Glosen gebracht werden, um möglichst viel Rauch zu erzeugen. Laut Klimaforscher Formayer sind für die Landwirtschaft vor allem klare Frostnächte problematisch. Durch den Rauch soll verhindert werden, dass es zu stark friert sowie auch, dass es in der Früh mit der Sonnenerwärmung zu schnell abtaut. "Es muss langsam wieder auftauen, dann ist vergleichsweise wenig zu befürchten. Wenn der Auftauprozess zu schnell verläuft, können die Augen (Knospen) platzen", sagt Wolf Reheis von der burgenländischen Landwirtschaftskammer.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-18 17:18:06
Letzte ńnderung am 2017-04-18 17:37:43



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