• vom 19.05.2017, 09:36 Uhr

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Landwirtschaft

Wieder Ärger auf der Alm




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Von Matthias Nagl

  • Bei den Förderungen für Almflächen gibt es neuerlich Probleme. Diesmal handelt es sich zwar um Einzelfälle, die strukturellen Schwächen des Systems sind aber immer noch nicht behoben.


© Simon Rosner © Simon Rosner

Salzburg. Der Fall ist nur an der Oberfläche abgeschlossen: Vor vier Jahren sorgte Chaos bei der Vermessung von Almflächen für große Aufregung bei Bauern und Politik. Die Europäische Union forderte von Österreich Millionen Euro an Förderung zurück. Viele Bauern fühlten sich aufgrund des Vorwurfs, sich mit falschen Flächenangaben Förderungen erschlichen zu haben, in ihrer Ehre verletzt. In den allermeisten Fällen war dieser Vorwurf auch falsch.

Das zeigte sich auch in der Reaktion auf die Causa. Der überwiegende Großteil der Bauern bekam die zu Unrecht ausgesprochene Geldstrafe zumindest teilweise wieder ersetzt. Um die Almflächen wurde es in der Folge ruhig. Mit der Ruhe ist es jetzt allerdings wieder vorbei. Zwar sind die Vorwürfe nicht mehr so massiv wie noch vor einigen Jahren, die generellen Schwächen des Kontrollsystems sind aber nicht behoben.


Das führte dazu, dass die jüngsten Luftbildkontrollen wieder für Unmut sorgten. "Seit 20 Jahren haben wir dieses Problem bei der Kontrolle der Futterflächen. Unsere Almen haben sukzessive immer weniger Fläche", sagt Josef Tiefenbacher, Almbauer in Niedernsill in Salzburg. Diese Feststellung lässt sich mit den Zahlen aus dem "Grünen Bericht" des Landwirtschaftsministeriums untermauern. Demnach sind die Almflächen allein von 2010 bis 2015 um 11,4 Prozent zurückgegangen. Die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche hat sich im gleichen Zeitraum dagegen um lediglich 4,2 Prozent verringert.

Das System der Flächenkontrolle durch die Agrarmarkt Austria (AMA) sieht - selten - Vor-Ort-Überprüfungen und - öfter - Überprüfungen anhand von Luftbildern vor. Die AMA ist für die Kontrolle des rechtmäßigen Anspruchs der Bauern auf die Gelder aus den EU-Förderungen zuständig. Dabei wird überprüft, ob sich die förderbare Futterfläche tatsächlich auf der Alm befindet.

Vonseiten der AMA wird der Rückgang der Almflächen mit geringerer Bewirtschaftung und einer damit einhergehenden stärkeren Waldvegetation begründet. Viele Bauern bezweifeln das. Auf Tiefenbachers Alm wurde bei der ersten Vor-Ort-Kontrolle vor etwa zehn Jahren eine Fläche von 100 Hektar festgestellt. Nach einem ersten Reduktionsschritt auf 79 Hektar wurden ihm bei der letzten Luftbild-Kontrolle in diesem Jahr weitere elf Hektar gestrichen. Tiefenbachers Alm ist somit binnen zehn Jahren von 100 auf nunmehr 68 Hektar geschrumpft. "Das kann man mit der Vegetation nicht mehr erklären. Das ist eine Alm und kein Dschungel. Da breitet sich die Vegetation langsam aus. Ich habe den Eindruck, sie wollen die Almbauern vom Fördersystem weghaben", sagt Tiefenbacher.

Das wird von den zuständigen Stellen in Abrede gestellt. Derartige Fälle wären die Ausnahme. Das hilft den Betroffenen freilich wenig. Tatsache ist, dass es sich um ein sehr kompliziertes und nicht gänzlich objektives Fördersystem handelt. "Jeder, der Futterflächen bewertet, bewertet subjektiv", sagt Alexandra Meinhart von der Landwirtschaftskammer Salzburg.

Mühsame Einsprüche
Dahinter steckt keine böse Absicht, sondern die verschachtelte Natur des Systems. So wird etwa die Dichte der Vegetation in Zehn-Prozent-Schritten eingestuft. Die Höhe der Förderungen bemisst sich auch damit. Flächen mit Baumbestand werden anhand eines sogenannten Beschirmungsfaktors beurteilt, also wie viel Wiese für die Almkühe sich unter den Ästen befindet.

Die Art der Vegetation, der Prozentsatz der Futterfläche und der Baumbestand - all das lässt genügend Spielraum für subjektive Bewertungen, die beim antragstellenden Bauern für Unverständnis und Ärger sorgen können. Die Art und Weise der Einstufungen sind aber von der EU abgesegnet, und auch andere EU-Länder agieren hier ähnlich.

Die tatsächliche Endbewertung ist somit eher ein Ergebnis einer streng formalisierten Verhandlung als eine objektive Tatsachenfeststellung. Etwaige Einsprüche der Antragsteller müssen mit eigenen Digitalfotos begründet werden, wobei schon die technischen Hilfsmittel genug Raum für große Bewertungsunterschiede lassen. Alle drei Jahre lässt das Landwirtschaftsministerium für die Kontrollen neue Luftbilder aufnehmen. Im vergangenen Jahr waren in Salzburg und Tirol, den beiden Bundesländern mit den meisten Almen, rund drei Viertel aller Almen betroffen.

Im Lauf der Zeit wurden die Luftbilder immer genauer und höher auflösend - die AMA konnte also auch anhand der Luftbilder bei der Flächenbewertung immer strenger werden. Die Luftbilder sind aber immer noch weit davon entfernt, perfekt zu sein, schließlich hängen sie auch von äußeren Einflüssen ab. "Man muss schauen, wann geflogen wurde", erklärt Meinhart von der Landwirtschaftskammer.

Einerseits haben Tageszeit und Wetter Einfluss auf die Länge der Schatten und damit auch auf das Aussehen der Flächen. Andererseits macht es gerade auf den Almen einen Unterschied, ob die Aufnahmen im Hochsommer gemacht werden oder etwa im September, wenn die Almen nicht mehr in voller Vegetation stehen.

All das vergrößert unter den Almbauern das Gefühl, von der AMA systematisch schlecht behandelt zu werden. Auf der anderen Seite steht aber auch die AMA unter Druck. Die EU-Kommission möchte die Vergabe von Förderungen möglichst lückenlos dokumentiert haben. Im vergangenen Herbst veröffentlichte der EU-Rechnungshof einen Nachbericht zur "Identifizierung landwirtschaftlicher Parzellen", unter anderem mit besonderem Augenmerk auf Österreich.

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Landwirtschaft, Almflächen

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Dokument erstellt am 2017-05-19 09:42:07



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